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Neue Freundschaften im Alter : Ist noch Platz in deinem Leben?

Mit guten Freundinnen kann man auch einfach mal schweigen oder Milkshake trinken. Ob diese beiden sich erst seit kurzem kennen? Wahrscheinlicher ist es, dass sie schon lange befreundet sind. Bild: martin parr / Magnum Photos / Ag

Im Alter noch neue Freunde finden, ist unmöglich, glauben viele. Stimmt aber gar nicht. Man muss nur wissen, wie.

          Als die Hensels vor einem Jahr neue Nachbarn bekamen, waren die ihnen gleich sympathisch. Schnell waren sie sich einig: Die laden wir mal zum Kaffee ein. „Aber wir sind nicht so holterdiepolter, man will ja nicht lästig fallen“, sagt Wolfgang Hensel, 67 und pensionierter Lehrer aus Freiburg. So vergingen die Tage, und immer dachten sie, das habe ja noch Zeit. Kürzlich dann, da jährte sich fast schon der Einzug der etwa gleichaltrigen Nachbarn, traten die Hensels eines Tages aus ihrem Haus, und da kam der nun gar nicht mehr so neue Nachbar auf sie zugeschossen und sagte: „Meine Frau und ich würden Sie gern mal zum Kaffee einladen.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als die Hensels die Einladung angenommen hatten und in ihr Auto einstiegen, hörten sie noch, wie der Nachbar zu seiner Frau sagte: Ich hab sie jetzt einfach eingeladen. „Denen war es also genauso gegangen wie uns“, resümiert Hensel. Das Treffen war dann so nett und herzlich, dass die Hensels nun eine Gegeneinladung aussprechen wollen. Sie haben das Gefühl, dass eine neue Freundschaft entstehen könnte.

          Neue Freunde finden jenseits der 60 – natürlich geht das. Aber wie eng können solche Freundschaften noch werden? Kann man im Erwachsenen- oder gar Rentenalter noch eine neue beste Freundin, einen neuen besten Freund finden? Oder sucht man sich dann eher Gleichgesinnte, mit denen man ein paar schöne Stunden verbringen kann, denen man aber nicht seine innersten Gedanken und Gefühle anvertraut?

          Für die Befragten einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Apothekenmagazins „Baby und Familie“ war die Antwort klar: Fast die Hälfte war der Ansicht, unter Erwachsenen geschlossene Bekanntschaften seien meist oberflächlich – echte Freundschaften würden sich daraus nur ganz selten entwickeln. Und jeder Vierte glaubte, echte Freunde könne man nur in der Kinder- und Jugendzeit finden.

          Nach Ansicht von Beverley Fehr, Professorin für Psychologie an der kanadischen University of Winnipeg, ist diese Annahme allerdings falsch. „Im Alter wird es zwar schwieriger, Freunde zu finden“, sagt die renommierte Freundschaftsforscherin am Telefon. „Wenn man aber Menschen findet, die gut zu einem passen, und wenn beide das wollen, dann kann man auch im Alter noch sehr enge Freundschaften schließen.“

          Denn Freundschaft basiert zunächst einmal auf gleichen Interessen. Wenn gute Bekannte sich dann Stück für Stück öffnen, wenn sie einander also persönliche Dinge von sich erzählen, entsteht Vertrauen, und die Freundschaft wird enger. Ganz ähnlich übrigens wie in Paarbeziehungen. „Jeder macht weiter auf und guckt, ob der andere mitgeht und angemessen reagiert. So wird die Freundschaft immer tiefer“, erklärt Beverley Fehr.

          Mut kann aus Bekanntschaften Freundschaften machen

          Den ersten Schritt zu machen und sich gegenüber einem neuen Bekannten zu öffnen, davor schrecken aber viele Menschen zurück. Denn das erfordert Mut, weil man ja noch nicht wissen kann, ob der andere sich auch öffnen wird, und ob er mit dem, was man ihm anvertraut hat, so umgeht, wie man sich das vorstellt. Wolfgang Hensel zum Beispiel glaubt zwar, dass er theoretisch auch mit seinen 67 Jahren noch eine neue tiefe Freundschaft aufbauen könnte. „Aber ich habe eine Scheu, eine neue Beziehung zu überfrachten, weil es dann blöd ist, wenn man merkt, dass es doch nicht so gut passt.“

          Zum Beispiel hat er sich nach dessen Pensionierung mit seinem ehemaligen Chef angefreundet, den er schon immer sympathisch fand. „Er war als Rektor sehr formell. Zum Beispiel spielte er in der Fußballmannschaft und auf dem Platz duzte er alle, aber schon in der Umkleidekabine war er wieder beim Sie.“ Doch nach seiner Pensionierung habe der Chef ihn angerufen, „und seitdem sind wir per Du und sehen uns regelmäßig.“ Dennoch denkt Hensel, dass diese Freundschaft nicht vergleichbar sei mit seinen Jugendfreundschaften. „Weil ihr die geschichtliche Dimension fehlt. Und weil ich mich nicht so sehr öffne.“ Seine drei besten Freunde kennt Hensel schon ewig: Einen hat er in der fünften Klasse kennengelernt, die anderen beiden im Studium.

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