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Neue Freundschaften im Alter : Ist noch Platz in deinem Leben?

Erst wenn sie in Rente gehen, werden bei manchen Erwachsenen plötzlich wieder Vakanzen für neue Freunde frei. Denn manche Freundschaften aus dem Berufsleben zerbrechen dann. So hatte der pensionierte Lehrer Wolfgang Hensel sehr intensiven Kontakt zu einigen Kollegen – die Gruppe hatte sich sogar explizit vorgenommen, nach der Pensionierung befreundet zu bleiben. „Aber daraus ist erstaunlicherweise nichts geworden“, erzählt Hensel, „bis auf eine Freundschaft zu einem Kollegen, den ich schon zu Beginn des Referendariats kennengelernt hatte, ist da niemand übrig geblieben.“

Vielleicht, meint er, weil die gemeinsame Plattform des Lehrerdaseins fehlte und die Unterschiede deutlicher und wichtiger geworden seien. „Zum Beispiel war ich nach der Pensionierung mal bei einer ehemaligen Kollegin auf der Geburtstagsfeier, und da waren viele Gäste, die mir auf den Keks gegangen sind. Die waren so bemüht, sich zu präsentieren, wie eitle Pfauen, die ein Rad schlagen. Das hat genügt, um unser Auseinanderdriften zu beschleunigen.“

Eine gemeinsame Jugend verbindet über Jahrzehnte

Jugendfreundschaften halten dagegen meist ein Leben lang, weil die Freunde eine lange gemeinsame Geschichte haben, viel zusammen erlebt haben, Gutes und Schlechtes, und weil ihre Lebensgeschichten sich auch an einigen Punkten gegenseitig beeinflusst haben können, sagt Beverly Fehr. So war es auch bei Beate Westermann. Deren beste Freundin hat den besten Freund ihres Mannes geheiratet, danach haben beide Paare 25 Jahre lang im gleichen Zweifamilienhaus gewohnt. Westermann weiß, dass sie sich zu hundert Prozent auf ihre beste Freundin verlassen kann.

Nach dem Tod von Westermanns Mutter und Schwester war die beste Freundin für sie da, „das war und ist ein unbezahlbar gutes Gefühl“. Und Westermann kann ihr alles erzählen, die beste Freundin ist ihre wichtigste Vertraute. Wenn solche besten Freundschaften doch zerbrechen, liegt das entweder daran, dass wir nicht viel investiert haben, oder daran, dass man im Laufe des Lebens doch unterschiedliche Wege einschlägt, erklärt Beverly Fehr: „Zum Beispiel dass einer studiert und der andere nicht. Dann entwickelt sich das Leben manchmal in unterschiedliche Richtungen.“

Auch im Erwachsenenalter geschlossene Freundschaften gehen meist nur kaputt, weil wir uns auseinanderentwickeln: weil wir wegziehen oder weil wir zu viel um die Ohren haben mit Job und Familie. Es gebe selten persönliche Gründe, sagt Fehr.
Bei Wolfgang Hensel war es indes so, dass die Freundschaft zu einem seiner drei besten Freunde beschädigt wurde, nachdem der sich hatte scheiden lassen. „Meine Frau und ich meinten, uns als Freunde für ihn oder seine Frau entscheiden zu müssen, und hielten zu seiner Frau“, erzählt Hensel.

Doch in letzter Zeit – der Freund ist inzwischen auch von seiner zweiten Frau wieder geschieden – sehen die beiden Jugendfreunde einander wieder öfter. „Wenn der Grund für das Ende der Freundschaft nicht in einem Verrat oder Vertrauensbruch liegt, sagt Fehr, „kann man sie auch wiederaufleben lassen.“
Bei all diesem Hin und Her unterschätzen viele Menschen aber vor allem einen Faktor: Mit wem wir uns anfreunden, hat am allermeisten damit zu tun, wer in unserer Nähe lebt.

Zahlreiche Studien kamen zu dem ernüchternden Ergebnis, dass es oft einfach nur vom Zufall abhängt, wer unsere Freunde sind. Denn je häufiger wir einen flüchtig bekannten Menschen sehen, desto sympathischer wird er uns – sofern es sich nicht gerade um Antipathie auf den ersten Blick handelt. Warum das so ist? Was wir gut kennen, kann unser Gehirn leichter verarbeiten, und so empfinden wir Vertrautes als belohnend. Also freunden wir uns quasi von selbst mit Leuten an, die wir oft sehen. Ohne dass wir viel dafür tun müssen.

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