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Neue Freundschaften im Alter : Ist noch Platz in deinem Leben?

Damit ist Hensel ein typischer Fall, was die Zahl seiner Freunde angeht: Die meisten Menschen haben ein bis zwei beste und höchstens fünf enge Freunde. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Universität Chemnitz kommt im Schnitt sogar nur auf knapp drei Menschen, mit denen wir unsere Gedanken und Gefühle teilen. Wenn wir allerdings glauben, dass unsere engen Freunde sich automatisch auch untereinander sympathisch finden müssten, so irren wir. Denn meist handelt es sich um ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, und nur wir allein, die wir mit ihnen allen befreundet sind, sehen Ähnlichkeiten zwischen ihnen.

Unterschiede gibt es auch in der Art, wie Männer und Frauen Freundschaften führen. Während Männer eher gemeinsam etwas unternehmen, treffen sich Frauen meist explizit, um sich auszutauschen und ihre Beziehung zueinander zu pflegen. Psychologen sprechen von „Face to Face“-Freundschaften bei Frauen im Gegensatz zu „Side by Side“-Freundschaften bei Männern. In beiden Fällen gilt allerdings, dass wir uns öffnen müssen, wenn wir Freunde finden wollen.

Beate Westermann, eine schlanke, jung gebliebene Rentnerin aus dem westfälischen Münster, ist indes eher zurückhaltend, wenn es darum geht, sich neuen Bekannten zu öffnen. Ihre beste Freundin hat sie vor fast 50 Jahren auf einer Verlobungsfeier kennengelernt, damals war sie 19. Dann war sie viele Jahre in ihrem Job im Einzelhandel stark eingespannt und hatte kein Bedürfnis, zusätzlich zu ihren bereits bestehenden Freundschaften noch neue zu schließen. Nun, mit 67, sagt sie: „In meiner jetzigen Lebenssituation, wo ich noch meinen Partner habe, will ich gar keine neuen Freundschaften hinzugewinnen, sondern einfach nur in Kontakt treten mit anderen Menschen, um mal über andere Themen zu reden und andere Dinge zu unternehmen.“

So ging sie nach ihrem Ausscheiden aus dem Job zwar auf Menschen zu – sie trat in einen Chor ein, begann eine ehrenamtliche Arbeit und meldete sich im Sportverein an. Aber zu diesen neuen Bekannten hat sie längst nicht so intensive Beziehungen wie zu ihrer besten Freundin, obwohl sie viel mit ihnen unternimmt: „Es geht nicht so in die Tiefe, weil wir uns meist in einer kleinen Gruppe treffen und dann untereinander unsere Familienverhältnisse nicht so thematisieren. Deswegen sind diese Frauen für mich keine Freundinnen, sondern eher sehr nette Bekannte.“ Aber genau wie Wolfgang Hensel glaubt auch Beate Westermann, dass sie, wenn sie nur wollte, noch eine zweite beste Freundin finden könnte.

Die Auswahl an potentiellen besten Freunden wird allerdings immer kleiner, je älter wir werden. Denn sobald wir die Schule oder die Universität verlassen, tauchen wir ein in ein Umfeld, in dem wir eher weniger Menschen gleichen Alters finden und auch weniger Menschen, die in der gleichen Lebensphase sind wie wir selbst. So ist es rein zahlenmäßig weniger wahrscheinlich, dass wir jemanden finden, der zu uns passt.

Im Alter zählt der Charakter potentieller Freunde mehr

Deswegen, und nur deswegen, ist es auch so leicht, im Kindergarten, in der Schule oder an der Universität neue Freunde zu finden, erklärt Beverley Fehr: „Alle haben das gleiche Alter und sind in der gleichen Lebensphase. Alle haben noch wenig Angst vor Verletzungen und Zurückweisungen.“ Gerade in der Kindheit ist man meist auch oberflächlicher in der Auswahl seiner Freunde und hat deswegen eben einen größeren Pool, aus dem man wählen kann. Man sucht Freunde beispielsweise danach aus, welche Spielsachen sie haben oder wie groß sie sind.

Je älter man wird, desto mehr achtet man darauf, was für ein Mensch der potentielle Freund ist. Und dies dezimiert die Anzahl der möglichen Freunde. Hinzu komme, dass viele erwachsene Menschen einfach schon genügend Freunde und zu wenig Zeit für neue Freundschaften hätten, sagt Beverley Fehr. „Wenn man dann zum Beispiel umzieht und neu in eine Firma kommt, sind da zwar meistens Leute, die einen nett finden. Aber sie haben keinen Platz für einen in ihrem Leben.“

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