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Liebesentzug : Nein!

„Wer schlecht nein sagen kann, hat in der Kindheit gelernt, dass ein Nein Kontaktabbruch zur Folge hat“, sagt der Coach und Berater Holger Dammit. Bild: F.A.Z.

Wenn uns jemand um etwas bittet, sagen wir oft ja, obwohl wir das Gegenteil meinen. Dahinter steckt meist die diffuse Angst vor Liebesentzug.

          7 Min.

          Laura Mouson hatte sich alles so schön vorgestellt. Sie war gerade fertig mit dem Examen, hatte eine Stelle in Frankfurt und wollte nun von Münster in Westfalen an den Main ziehen. Nur eine neue Wohnung fehlte noch. Um die zu finden, war sie kürzlich mit der Mitfahrzentrale unterwegs, sie hatte sich einen Fahrer gesucht, der schon um 6 Uhr morgens startete, obwohl der erste Besichtigungstermin erst für 11.30 Uhr angesetzt war.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber weil diese erste Wohnung ihr absoluter Favorit war, wollte sie einen dicken Puffer von drei Stunden haben. „Ich hatte mir überlegt, dass ich dann noch schön frühstücken gehen und völlig entspannt zu dem Termin kommen würde“, erzählt sie. Doch dann gab es unterwegs eine Autobahnsperrung, sie steckten stundenlang fest, und als sie endlich wieder freie Fahrt hatten, fragte der Fahrer, ob sie eine Pause machen sollten.

          Die anderen beiden Mitfahrer waren dafür, Mouson natürlich dagegen, weil es allmählich knapp wurde mit ihrem Termin. „Aber ich habe mich nicht getraut zu sagen, dass ich weiterfahren will, weil ich dachte, dass die anderen mir das übelnehmen“, erzählt sie. Also rasteten sie fünfzehn Minuten lang – und Mouson kam schließlich genau 15 Minuten zu spät zu ihrem Termin. Die Wohnung konnte sie sich trotz flehentlicher Anrufe beim Makler nicht mehr ansehen. Und eine andere fand sie an diesem Tag auch nicht.

          Wer „nein“ sagt, übt Macht aus

          Anderen Menschen einen Wunsch oder eine Bitte abzuschlagen ist schwer. Wer „nein“ sagt, setzt anderen Grenzen und übt dadurch Macht über sie aus. Wenn man Angst vor Konflikten oder Zurückweisung hat, schreckt man davor zurück. Manche Menschen haben sich auch durch ein Nein schon öfter in Schwierigkeiten gebracht und glauben so vielleicht, dass sie kein Recht auf ein Nein haben.

          „Wer schlecht nein sagen kann, hat in der Kindheit gelernt, dass ein Nein einen Kontaktabbruch oder Liebesentzug zur Folge hat. Um die Bindung zum anderen zu halten, sagt er nicht nein“, sagt der Coach und Berater Holger Dammit. Er gibt Seminare zum Thema Neinsagen und erlebt immer wieder Menschen, die wissen, dass sie in gewissen Situationen eigentlich nein sagen müssten. „Aber sie schaffen es nicht. Im beruflichen Kontext rutschen solche Menschen dann irgendwann in einen Erschöpfungszustand oder Burnout.“

          Die Angst vor dem Beziehungsabbruch

          Auch Thomas Henk – der wie alle „Jasager“ in diesem Text eigentlich anders heißt – musste schon schmerzhaft erfahren, dass ein rechtzeitiges Nein ihm viel Ärger erspart hätte. Gemeinsam mit einem Kumpel wollte der Betriebswirt vor zwanzig Jahren einen Club übernehmen, sie hatten einen Businessplan erstellt und alle Verträge unterschrieben, als Henk plötzlich herausfand, dass sein Kumpel einem Handwerker, ohne ihn zu informieren, einen Auftrag über 60.000 Mark erteilt hatte, damit der die Soundanlage modernisiere.

          Am Tag nach diesem Vorfall stieg dann auch noch der dritte Investor aus – genau zwei Stunden bevor die Widerspruchsfrist für das Inkrafttreten der Verträge auslief und Henk mit einer Million Mark in der Haftung stehen würde. „Ich weiß noch, wie ich in dem Club saß, mit meinem Kumpel und dem Handwerker und dem dritten Investor und den Technikern und dem vorherigen Geschäftsführer. Meine Stirn war schweißnass, mir war ein bisschen schwindelig, und ich wusste, dass ich aussteigen musste“, erzählt Henk, „aber ich konnte nicht. Ich hatte Angst vor dem Gesichtsverlust – dass die anderen denken, ich würde mich nicht trauen, das Risiko einzugehen. Und die hatten ja auch alle schon viel Vorleistung erbracht, ich hatte das Gefühl, ich sei es ihnen schuldig.

          Aber in Wirklichkeit hatte ich nur nicht die Eier in der Hose, und ein bisschen dachte ich wohl auch, meine Wahrnehmung sei falsch und ihre richtig, die haben mich alle so belabert, dass ich es durchziehen soll.“ Erst drei Monate später, als alles immer mehr den Bach runterging, kaufte er sich mit 100.000 Mark aus dem Vertrag heraus. Immerhin: Der Kumpel von damals ist heute immer noch sein Freund, und sie können jetzt sogar über die Geschichte lachen.

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