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Liebesentzug : Nein!

Die innere Barriere, Hilfe zu verweigern

Haffner sagt, sie sei total überrascht gewesen. „Aber ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch, ich will andere nicht verletzen. Ich bin sehr christlich erzogen worden und sehr gläubig, ich spüre eine innere Barriere, Hilfe zu verweigern. Und ich habe einfach den totalen Horror davor, dass Dinge, die entspannt sind, aus dem Ruder laufen.“ Also widersprach sie nicht.

Doch später, als sie zu Hause war, hat sie einen Entschluss gefasst: Sie will sich mental vorbereiten und sich gegen die Störung der Harmonie wappnen. „Und dann will ich meiner Bekannten sagen, dass ich mich nicht mehr als ihre Freundin sehe und mich nicht ständig um sie kümmern werde, wenn sie mal in ganz großen Schwierigkeiten ist. Und dass wir uns aber weiterhin ein- bis zweimal im Jahr treffen können.“

„Nein“ heißt nicht „nie“

Nach Meinung von Holger Dammit schafft Haffner damit etwas, was er auch den Teilnehmern in seinen Seminaren beizubringen versucht: Sie kommuniziert ihrer Bekannten, dass ein Nein nicht ein „Nie“ ist. Das heißt, dass es eine Alternative zu einem klaren Nein gibt und somit kein vollständiger Kontakt- oder Beziehungsverlust mit einem Nein einhergehen muss. Dammit nennt das ein „Kompetenz-Ja“. Es bedeutet, dass man sagt: „Ich erfülle deinen Wunsch, aber zu meinen Bedingungen. Also zum Beispiel nicht jetzt sofort oder nur mit Hilfe.“ Vielen Menschen, die schlecht nein sagen könnten, sei nicht klar, dass es diese Alternative gebe.

Und es hat ja auch Vorteile, wenn man nicht nein sagen kann. Dann sind nämlich die anderen schuld, wenn wir uns nicht selbst verwirklichen können, wenn wir uns ausnutzen lassen und das Leben uns enttäuscht. Wir geben dann die Verantwortung für unser Leid einfach den anderen, die uns herumschubsen. Und wiegen uns in dem Gefühl, als nette, hilfsbereite Menschen angesehen zu werden. Wir müssen keine Konflikte aushalten und gehen Situationen aus dem Weg, in denen wir Schuldgefühle entwickeln könnten.

Dabei kann es einer vor sich hindümpelnden Beziehung manchmal sogar einen richtigen Schub geben, wenn man sich plötzlich nicht mehr alles gefallen lässt. So war es bei Sarah Asholt und ihrer Freundin. Asholts Freundin war von München nach Köln gezogen, fragte aber in regelmäßigen Abständen immer wieder an, ob sie in Asholts Wohnung übernachten könne. Mal war es ein spontanes Date mit einem Bekannten, mal ein Flamenco-Workshop, mal eine Geburtstagseinladung.

Zunächst war Asholt noch hilfsbereit, aber spätestens, als die Freundin andeutete, dass sie an einem Wochenende, an dem Asholt nicht da war, auch männlichen Besuch mit in Asholts Wohnung bringen würde, zog sie eine Grenze. Ich habe ihr gesagt: „Ja, du kannst bei mir übernachten, aber nicht gemeinsam mit dem Mann“, erzählt Asholt.

Und fügt hinzu: „Ich habe mir noch überlegt, ob sie dann sauer auf mich wäre, aber das war bei mir wirklich die Grenze.“ Als die Freundin dann drei Wochen später schon wieder bei ihr übernachtete, kam es am letzten Abend zu einem Riesenstreit zwischen den beiden, weil Asholts Freundin ausgiebig über einen guten Freund von Asholt lästerte – für Asholt war es das Tüpfelchen auf dem i, das noch gefehlt hatte, um in die Luft zu gehen.

Doch am nächsten Tag, als Asholt von der Arbeit kam und die Freundin tagsüber planmäßig die Wohnung geräumt hatte, war die ganze Wohnung geputzt, Blumen und eine Bodylotion standen als Geschenk bereit, der Kühlschrank war gefüllt und alles aufgeräumt. „Das fand ich dann wiederum sehr nett“, sagt Asholt. Sie ist sich sicher, dass ihre Freundin ihre Grenzziehung wahrgenommen hat. Und will ihr daher erlauben, in diesem Jahr noch weitere drei Wochen in ihrer Wohnung zu verbringen, damit sie ihre Flamenco-Ausbildung zu Ende machen kann.

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