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Liebesentzug : Nein!

Selbstbewusste Menschen können gut „nein“ sagen

Rückblickend ist Henk indes klar, dass er „einfach nicht das Selbstbewusstsein hatte, nein zu sagen“. Selbstbewusste Menschen können nämlich meist sehr gut nein sagen, weil sie keine übertriebene Angst vor einem Beziehungsabbruch haben. Wenn dieses Selbstbewusstsein indes fehlt, verleugnet man sich selbst und sagt ja zu Situationen, die einem nicht guttun.

Meist liegen die Ursachen für dieses Verhalten lange zurück. Die Fähigkeit, nein zu sagen, erlernt man schon in der Trotzphase. Wenn das Kind in dieser Entwicklungsphase erfährt, dass es Ärger bekommt, wenn es nein sagt, dann passt es sich an den Elternwillen an und entwickelt kein autonomes Selbst.

Und noch eine andere Erklärung gibt es: „Es kann auch sein, dass solche Menschen als Kinder die Erfahrung gemacht haben, dass sie nur wahrgenommen werden, wenn sie etwas für andere getan haben“, sagt Holger Dammit. „Dann sagen sie nicht nein, weil sie durch das Jasagen Bestätigung bekommen und sich ihrer persönlichen Bedeutung vergewissern können.“

Fähigkeit kann im Erwachsenenalter noch erlernt werden

Indes könne man auch als Erwachsener noch lernen, nein zu sagen, sagt Dammit. „Man muss lernen, dass man nicht versuchen sollte, eine Bindung zu Menschen zu wahren, die nicht zum engsten Kreis gehören. Man muss lernen, Brüche in Kauf zu nehmen, statt sich ausnutzen zu lassen.“

Genau das hat Pauline Haffner, eine 61 Jahre alte Juristin, sich vorgenommen. In diesem Jahr möchte sie endlich einmal laut und deutlich nein sagen. Denn sie hat seit zwanzig Jahren das Gefühl, sich von einer Bekannten nach Strich und Faden ausnutzen zu lassen. Kennengelernt haben sich die beiden Frauen beim Ballettunterricht ihrer Töchter, bald wurden sie gute Freundinnen, und so sagte Haffner bereitwillig zu, als die Freundin – eine Musiklehrerin – sie fragte, ob sie ihre Tochter nachmittags künftig zu Hause abholen und mit zum Ballettunterricht nehmen könne, da sie selbst an dem betreffenden Nachmittag Schüler zu unterrichten hätte.

Fortan also holte Haffner die Tochter der Freundin von zu Hause ab, half ihr – ebenso wie ihrer eigenen Tochter – beim Umziehen und brachte sie zurück. „Irgendwann fiel mir dann auf, dass meine Freundin an diesen Nachmittagen gar nicht weg war, sondern gemütlich zu Hause saß und Tee trank“, erinnert sich Haffner, „aber ich hatte nicht den Schneid, es anzusprechen“. Und so fuhr sie die beiden Mädchen weiterhin zum Ballett.

„Ich habe mich nicht getraut abzulehnen“

Ein paar Jahre später – die beiden Frauen waren immer noch befreundet – fragte die Freundin, ob Haffner als Helferin bei einem Musikfestival mitwirken könne, das die Freundin und deren Mann organisierten. Haffner sagte zu, in dem Glauben, einen Nachmittag lang Kuchen verkaufen zu müssen. „Aber dann sagte sie mir, dass ich drei Tage lang 150 Chormitglieder aus ganz Deutschland zu betreuen hatte – von der Unterkunft bis zur Verpflegung“, erzählt Haffner.

„Ich war so geplättet, dass ich mich nicht getraut habe abzulehnen.“ Stattdessen engagierte und bezahlte Haffner ihre Putzfrau und die Mitarbeiterinnen aus der Praxis ihres Mannes, also einen Stab aus sieben Leuten, um das alles zu schaffen. „In den Folgejahren hat das dann ein Cateringunternehmen gemacht.“

Nach diesem Vorfall distanzierte sich Haffner allerdings von der Freundin, seit Jahren sehen sich die beiden Frauen nur noch zwei- oder dreimal im Jahr. Kürzlich war es wieder einmal so weit. Die Stimmung war harmonisch, Haffner fühlte sich wohl, da sagte ihre Bekannte plötzlich diesen Satz: „Ich habe gerade noch einer Musikschülerin erzählt, dass ich dich treffe und dass du eine Freundin bist, die sich, wenn ich mal in ganz großen Schwierigkeiten wäre, ständig um mich kümmern würde.“

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