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Langstreckenschwimmen : „Fiese Strömungen, harter Wind“

  • -Aktualisiert am

Hat’s schriftlich: Nathalie Pohl ist die Schnellste vor Gibraltar. Bild: obs

Die Marburgerin Nathalie Pohl hat in Rekordzeit die Straße von Gibraltar durchschwommen – und trotzte Sturm und Strömung. Ein Interview über den Reiz der Gefahr.

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          Frau Pohl, Sie haben in gerade einmal zwei Stunden und 53 Minuten die rund 15 Kilometer lange Strecke zwischen dem südspanischen Tarifa und dem marokkanischen Ceuta zurückgelegt. Damit haben Sie mit 21 Jahren den bisherigen Weltrekord der Frauen, der seit 2010 von der Australierin Penelope Palfrey gehalten wurde, um zehn Minuten unterboten. Muskelkater?

          Nein, ich habe dem gleich mit Physiotherapie entgegengewirkt. Ich fühle mich gut, bin gesund und einfach nur glücklich, dass alles so gut geklappt hat und ich trotz der harten Bedingungen einen Weltrekord schwimmen konnte. Damit hätte ich nicht gerechnet.

          Harte Bedingungen?

          Da waren zunächst einmal die fiesen Strömungen und die heftigen Winde, mit denen ich vor allem beim Start und kurz vor Schluss stark zu kämpfen hatte. In der Straße von Gibraltar drückt Wasser aus dem Atlantik ins Mittelmeer, das ist tückisch.

          ...und gefährlich.

          Hinzu kamen noch die niedrige Wassertemperatur von gerade einmal knapp 16 Grad – ich bin ohne Neoprenanzug geschwommen. Und der Schiffsverkehr. Rund 300 Frachter queren die Route pro Tag. Aber während des Schwimmens konzentriert man sich komplett auf seine Aufgabe und seinen Körper, da bleibt gar keine Zeit, sich über die haushohen Containerschiffe Gedanken zu machen, die an einem vorbeiziehen.

          Aber vorher schon.

          Die Risiken und die Ungewissheit machen doch gerade den Reiz aus. Ich habe erst vor drei Jahren damit begonnen, im Freiwasser zu schwimmen, vorher habe ich nur an Beckenwettkämpfen teilgenommen. Das hat mir irgendwann nicht mehr gereicht. Im Meer kann man seine physischen und psychischen Grenzen austesten, sehen, wie weit man gehen kann – und über sich hinauswachsen.

          Wie haben Sie sich auf diese Herausforderung vorbereitet?

          Ich habe täglich sieben bis zehn Kilometer geschwommen und hatte mit Adam Walker eine tolle Unterstützung.

          Dem Extremschwimmer?

          Ja, er hat mich bei meinen Vorbereitungen, vor allem in den vergangenen Wochen im Trainingslager auf Teneriffa, unterstützt. Er ist einer von nur sechs Schwimmern weltweit, die eine der größten Herausforderungen für Langstreckenschwimmer, die Ocean’s Seven, gemeistert haben. Er hat auch die Straße von Gibraltar mehrfach durchquert und kennt sie mittlerweile wie seine Westentasche. Das hat natürlich enorm geholfen.

          Für Sie war es aber auch nicht die erste Querung in offenen Gewässern.

          Als Neunzehnjährige habe ich bereits den Frauen-Weltrekord bei der Durchquerung des Bodensees aufgestellt.

          Da waren Sie aber noch nicht so schnell wie heute, für zwölf Kilometer brauchten Sie damals noch zwei Stunden und 50 Minuten, und das Wasser hatte immerhin eine Temperatur von etwa 20 Grad.

          Ich habe mich langsam gesteigert. Im vergangenen Jahr habe ich dann den Ärmelkanal in Angriff genommen.

          32 Kilometer Strecke, höchstens 17 Grad Wassertemperatur und 500 Schiffe pro Tag.

          Ich musste den Versuch dann aber leider abbrechen.

          Weshalb?

          Ich habe während des Schwimmens eine Lungenentzündung bekommen. Da war für mich die Grenze erreicht. Aber im September versuche ich es noch einmal.

          Bis dahin ist aber noch Zeit. Jetzt erst mal schön ausspannen und den Triumph auskosten?

          Keineswegs. Ich bin schon wieder auf dem Weg zum Training, um mich auf die Dreiländerquerung am Bodensee Mitte Juni vorzubereiten. Ich habe mich in den letzten beiden Tagen etwas erholt, das genügt.

          Bleibt bei so viel intensivem Training überhaupt noch Zeit für Ihr Studium der Betriebswirtschaftslehre?

          Nicht immer. Schwimmen ist aber meine Leidenschaft – seit dem fünften Lebensjahr bin ich nicht mehr aus dem Wasser zu kriegen.

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