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Natalia Wörner im Gespräch : „Der Schwabe hat einen Wackelkontakt zu sich selbst“

Eine große Klassenfahrt: Natalia Wörner (Mitte) mit Kolleginnen Karoline Eichhorn (links) und Julia Nachtmann in „Die Kirche bleibt im Dorf 2“. Bild: Camino Filmverleih

Die in Stuttgart geborene Schauspielerin Natalia Wörner hat ihre schwäbischen Wurzeln wiedergefunden und darüber ein Buch geschrieben.

          Bei Ihnen ist aus Heimatfrust plötzlich Heimatlust geworden, Sie haben ein Buch über Ihre schwäbische Heimat geschrieben. Wie kam das?

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Ich bin mit 18 Jahren weg, meine Stuttgarter Heimat empfand ich als seelisch und geistig eng. Ich verspürte einen großen Freiheitsdrang. Ich zog in die Welt, und eigentlich gab es, egal wo ich war, ob in New York oder Berlin, keine Station, an der ich innehielt und nostalgisch in den Rückspiegel schaute. Das Gefühl, irgendwann docke ich mal wieder in Cannstatt oder Untertürkheim an, hatte ich zunächst überhaupt nicht. Beim Dreh zum ersten Teil des Kinofilms „Die Kirche bleibt im Dorf“, die ich mal eine Art von Asterix-und-Obelix-Komödie nennen würde, war es dann wie beim Verlieben: Ich wurde auf einmal berührt, fast wehmütig. Ich sah die Landschaft, die unglaubliche Wertigkeit dieser Region, das gute Essen, erlebte freundliche und zufriedene Menschen. Ich reiste wieder öfter nach Baden-Württemberg. Mir wurde plötzlich klar, dass das Land und das Schwabentum zur DNA meines Lebens gehören.

          Warum dauerte es zwanzig Jahre bei Ihnen bis zum „Schwaben-Coming-out“?

          Der Schwabe hat schon immer einen Wackelkontakt zu sich selbst. Auch wenn das Schwäbische in Berlin ja schon seit vielen Jahren trendig ist und mir viele sagen, es sei gut, dass ich mich dazu bekenne, trauen sich das viele Schwaben heute nicht - sie brauchen einen Anstoß von außen. Es muss einer sagen: Hey, ihr seid doch gut. In dem Land steckt eine große ökonomische und kreative Kraft, das verführt zu Hochmut, und häufig kommt dann noch ein Minderwertigkeitsgefühl dazu. Den Schwaben fehlt manchmal einfach die Selbstliebe.

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          Beim Dreh zum zweiten Teil des Kinofilms „Die Kirche bleibt im Dorf“ ging es Ihren Kollegen ähnlich; auch die entdeckten plötzlich ihre Heimat und ihre Wurzeln.

          Viele Kollegen, die mit mir drehten, kommen aus dem Süden, sie leben aber nicht mehr dort. Es war wie eine große Klassenfahrt, auf der man etwas Vergessenes wiederentdeckt.

          In Berlin redet man viel über die Schwaben. Es gab Wolfgang Thierse, der den Schrippen-Streit vom Zaun brach. Aber man hat noch nie etwas von Saarländern oder Bremern gehört, die im Prenzlauer Berg leben. Woran liegt das eigentlich?

          Beim Ranking der unbeliebten Dialekte ist das Schwäbische ganz oben, aber dennoch sagt niemand, ich bin Hamburger und findet das besonders. Vielleicht wird sich diese Schizophrenie ändern, wenn ich dann endgültig Sonder-Botschafterin des Schwäbischen geworden bin.

          Was war so schlimm an ihrer schwäbischen Heimat? Sie verraten das auf den 300 Seiten gar nicht.

          Nichts daran war schlimm, ich war das Problem. Was ich machen und leben wollte, ging in diesem spießigen Stuttgarter Umfeld nicht. Ich hatte eine Grundwut in mir. Ich habe früh angefangen, anarchische Wege zu gehen, die nicht immer schlau waren.

          In Ihrem Buch heißt es an einer Stelle: „Das Schicksal von Heimat ist, dass die Zeit voranschreitet, auch wenn sich nichts verändert.“ Ist der Satz von Ihnen?

          Ja, natürlich. In meinem Leben durchlief ich viele Stationen. Man lässt sich auf bestimmte Realitäten und auf viele Phantasien ein. Dann empfindet man es aber als beruhigend, irgendwo hinzukommen und zu sehen, dass sich eigentlich nichts verändert hat.

          Sie haben ein Haus auf dem Land in Brandenburg. Ist das für Sie auch ein Stück Heimat?

          Ja, das entstand über die letzten Jahre, und es ist auch ein Ort für mein Digital-Detox geworden. Wenn ich dort bin, dann werden diese elektronischen Dinge irgendwo geparkt, da muss sich dann auch niemand beschweren, wenn ich mal einen Tag lang eine Mail nicht beantworte. Heimat ist auch Selbstverantwortung. Da meine ich nicht nur die Herkunftsheimat, in die man geboren ist. Das ist schicksalhaft. Heimat heißt für mich auch, bei sich angekommen zu sein. Das heißt: Ich weiß, was ich tue und was nicht.

          Sie engagieren sich stark politisch, Sie sind dem Justizminister Heiko Maas und dem Außenminister Frank-Walter Steinmeier freundschaftlich verbunden. Ist es Zufall, dass beide SPD-Politiker sind?

          Nein. Ich bewege mich als Wählerin zwischen SPD und Grünen.

          Dann sind Sie sicher froh, dass Ihre alte und gerade wiederentdeckte Heimat politisch heute grün-rot eingefärbt ist.

          Das ist großartig. Ich bin ja noch nur Halb-Politikerin, kurz vor dem Volleinstieg (lacht). Ob die Regierung von Kretschmann die Wahrnehmung Baden-Württembergs für die nächsten zwanzig oder dreißig Jahre verändert, weiß ich nicht. Ich bin mit Späth und Rommel aufgewachsen, die ja auch richtige Sachen gemacht haben.

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