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Nanga Parbat : Eine Blume für Karl

In den Bergen spüre sie, dass der Karl auf sie aufpasse, sagt Silke Perathoner Bild: Jan Roeder

Vor einem Jahr ist der Bergsteiger Karl Unterkircher am Nanga Parbat umgekommen. Seine Frau bleibt mit den drei kleinen Kindern zurück. Im Herbst will sie selbst in den Himalaya reisen und auf der „Märchenwiese“ am Unglücksort Blumen pflücken.

          7 Min.

          Wenn man jemanden verloren hat, und dann auch noch so, so jung, so tragisch, so ergreifend, dann erwarten die Leute dasselbe von der Trauer: die ganz großen Gefühle. Silke Perathoner ist aber nicht bereit, solche Erwartungen zu bedienen. Sie ist auch nicht der Typ für so etwas. Da ist sie wie ihr Karl: zurückhaltend, stark. Reporter, die sie kurz nachdem es passiert war, zu Hause besuchten – sie ließ sie zu sich, weil sie die Herrschaft behalten wollte über das, was sowieso geschrieben worden wäre – diese Reporter schrieben: Sie schluchzte, sie weinte. Sie habe nicht geschluchzt, nicht geweint, sagt Silke Perathoner. Jedenfalls nicht in Anwesenheit der Reporter.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Die junge Frau, gerade 36 Jahre alt, sitzt auf der kleinen Bank vor ihrer Wohnung, in die sie 2001 mit ihrem Lebensgefährten Karl Unterkircher gezogen ist. Sie hätte ihn auch geheiratet, aber er wollte nicht, wegen des ganzen Brimboriums drum herum. Wenn sie den Blick hebt, über die Köpfe ihrer drei kleinen Kinder hinweg, schaut sie auf den Langkofel, das Wahrzeichen des Grödnertals. Der Berg ist mächtig, wenn auch nicht ganz so eindrucksvoll wie die Rakhiotwand am Nanga Parbat, die Karl so viel Furcht einflößte und die er dennoch mit Walter Nones und Simon Kehrer vor einem Jahr als Erster durchsteigen wollte. Karl ging gerne hinaus, in Richtung Langkofelgruppe, gerne mit anderen, gerne aber auch allein, am besten dorthin, wo sonst keiner war. Wie früher, beim Skifahren, als er seine Trainer zur Weißglut trieb, wenn er fernab der Piste fuhr. Einmal hat er Silke gefragt: „Wie wäre es, wenn wir in die Belluneser Dolomiten ziehen, dorthin, von wo alle anderen weggehen?“ Wenn sie diesen Karl noch einmal haben könnte, sagt Silke Perathoner heute, nur für zwei Stunden, würde sie mit ihm wieder in die Berge gehen. Da draußen, sagt sie, spüre sie am meisten, dass Karl noch immer da sei und sie beschütze.

          Er sei froh, bald heimzukommen, sagte er

          Auf ihrem sehnigen Arm hält sie das Kleinste der drei gemeinsamen Kinder, Marco, der mit seinen zwei Jahren dem Vater schon so ähnlich ist. Er wird sich später nicht mehr an ihn erinnern, nur die vielen Pokale, Fotos und Filmaufnahmen im Schnee und Eis, von denen Marco eine Zeitlang gar nicht lassen konnte, werden noch da sein. Er läuft schon und spricht, der Kleine, meist nur ein paar Worte auf Ladinisch, die haben es ihm aber angetan: „Gaga lutra merda, gaga lutra merda“: Dünnschiss. Die Mutter lässt ihn gewähren. Sie weiß, dass es Schlimmeres gibt.

          Ein erfahrener Bergsteiger: Karl Unterkircher 2007 bei einer Expedition am K2
          Ein erfahrener Bergsteiger: Karl Unterkircher 2007 bei einer Expedition am K2 : Bild: AP

          Am 15. Juli 2008 kam Karls Manager und Freund Herbert Mussner nach einem Telefongespräch mit Simon Kehrer von seiner Pension weiter oben im Dorf herunter zur Wohnung von Silke und Karl und hat die Nachricht überbracht. Marco war noch zu klein, um zu merken, dass die Mama anders ist als sonst. Die beiden Älteren, der Junge und das Töchterchen, haben mehr mitbekommen. Vor allem Alex, der in dem kleinen Garten vor der Wohnung mit den Nachbarskindern so unerbittlich Fußball spielt, dass er es nur vom Vater haben kann. Er ist der Älteste, kam 2002 zur Welt, als sein „Tati“, der Papa, noch nicht im Guinnessbuch der Rekorde stand. Alex muss etwas gespürt haben, vorher. Wenn das Telefon vom großen Berg im Westhimalaya her klingelte, sei er immer weggelaufen, sagt seine Mutter. Nur beim allerletzten Anruf, da habe er kurz mit dem Tati gesprochen. Auch sie habe das getan, sagt sie: nicht viel, ein bisschen über das Wetter, die Hitze, die Karl eigentlich so mochte. Morgen wollten sie angreifen, sagte er. Wie die Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg den Berg überfallen. Und dass er froh sei, bald wieder heimzukommen, sagte er auch noch. Mehr nicht. Es ist teuer, übers Satellitentelefon zu sprechen.

          Karl wollte seinen Traum nicht begraben

          Silke Perathoner fährt in einem alten Fiat Panda mit Allradgetriebe in Richtung Langental, ein bisschen Laufen mit der kleinen Tochter. Wenn Karl zu Hause war, ging er auch gerne dort hinauf, oft mit dem Fernglas und dem Kopf nach oben, die Berge lesend wie andere ein Buch. Im Kofferraum liegt noch eines seiner Seile. Auch der Schädel einer Gemse, vorne auf der Ablage des Beifahrersitzes, ist von Karl. Er hat ihn von einer Tour mitgebracht. Als er das letzte Mal fortging, brachte er nichts mit. Noch oft denkt Silke Perathoner an die Wochen und Tage vor seinem Aufbruch nach Pakistan und an die Zeit danach. Dann ist es ihr, als sei damals alles anders gewesen als sonst. Sie selbst habe häufiger an ihn denken müssen, als ihr lieb war, sagt sie. Auch mit Karl stimmte etwas nicht. Es war nicht die übliche Aufregung vor einer großen Expedition, nicht die Fixierung auf das Ziel, die notwendig ist, um Erfolg zu haben und zu überleben.

          Karl war gehetzt: die Sponsoren, das Material, die Genehmigung. Eigentlich hatte er zusammen mit Nones und Daniele Bernasconi die Nordwand des Gasherbrum I besteigen wollen. Dann sperrten die Chinesen wegen der Olympischen Spiele alle Wege zum Basislager. Karl aber wollte seinen Traum von einer weiteren Achttausender-Begehung nicht begraben. Er disponierte deshalb auf den Nanga Parbat um, den Berg, auf dem bis zum damaligen Zeitpunkt schon gut 60 Bergsteiger verunglückt waren. Zwei weitere – der Österreicher Wolfgang Kölblinger und die Südkoreanerin Go Mi-Sun – sind gerade hinzugekommen. Bernasconi zog sich schließlich aus dem Projekt zurück, Kehrer sprang ein. Karl sollte der Chef sein. Er kannte das zwar schon vom Mount Genyen. Trotzdem behagte es ihm nicht.

          „Der Tati kommt nicht mehr“

          Kurz bevor es an den Nanga Parbat ging, fuhren Silke und Karl mit den Kindern an die ligurische Küste. Karl war ein liebevoller Vater, zumindest, wenn er in Gedanken nicht schon wieder auf dem nächsten Berg war. Dann spielte er im Wohnungsflur Fußball oder ging mit Alex in die Kletterhalle. Nur wenn die Kinder quengelten, hat er sie lieber Silke überlassen. Auch die Tage in Ligurien waren seltsam. Silke dachte manchmal, etwas sei verlorengegangen. Die Ausgelassenheit. Und die Ausgeglichenheit, die sie beide zu einem so starken Team gemacht hatte. Karl zweifelte. „Wenn ich vernünftig wäre, würde ich zu Hause bleiben“, sagte er. Die Kinder haben davon nichts mitbekommen. „Wenn der Tati wieder kommt“, sagte kürzlich die kleine Miriam, „dann gehen wir ans Meer.“ Alex sagte daraufhin: „Der Tati kommt nicht mehr.“ „Der ist ja jetzt im Himmel“, sagte Miriam.

          Sie ist vier Jahre alt und hat ein Temperament für zwei. „Wie meine Mutter“, hatte Karl manchmal zu Silke gesagt. Als diese mit Miriam hochschwanger war, machte sich Karl zusammen mit dem Südtiroler Hans Kammerlander auf den Weg zum Jasemba. Es sollte eine Erstbesteigung werden. Am Tag des errechneten Geburtstermins telefonierten Karl und Silke das letzte Mal. Danach nicht mehr. Dass Silke zu Hause nicht wusste, was los war, musste sie verdrängen. Die Geburt ging jetzt vor. Zehn Tage später kam Miriam zur Welt. Es war der Tag, an dem der Südtiroler Christian Kuntner beim vierten Versuch, seinen 14. Achttausender, die 8091 Meter hohe Annapurna, zu besteigen, von einer Lawine in den Tod gerissen wurde. Auch Unterkircher und Kammerlander scheiterten, kamen aber unversehrt zurück.

          „Wir sind geboren, und eines Tages werden wir sterben“

          Am Abend, bevor die drei – Unterkircher, Nones und Kehrer – ins Flugzeug nach Islamabad stiegen, ist Karl mit Silke noch Pizzaessen gewesen. Auch das war neu. Vor den anderen Expeditionen hatte er bis zum Schluss Routen studiert. Silke hatte dann immer gedacht: Wenn er nicht wiederkommt, haben wir nicht einmal mehr richtig miteinander gesprochen. Während der Expedition hat Karl eine Art Tagebuch geführt, das im Internet veröffentlicht wurde. In seinem drittletzten Bericht, am 28. Juni, schrieb er: „Wir sind geboren, und eines Tages werden wir sterben. Dazwischen liegt das Leben! Ich nenne es das Geheimnis, niemand von uns besitzt den Schlüssel dafür. Das Leben liegt in Gottes Hand . . . und wenn er uns ruft . . ., dann müssen wir gehen. Ich bin mir bewusst, dass die breite Öffentlichkeit nicht meine Meinung teilt, denn sollten wir wirklich nicht mehr zurückkehren, würden viele sagen: ,Was haben sie denn dort nur gesucht . . .? Wer hat sie dort hingetrieben . . .?“

          Silke Perathoner kennt die Antwort darauf, viele im Grödnertal, wo sie und Karl herkommen, kennen sie. Vielleicht sind es die vielen Touristen, die jedes Jahr in diesen Teil Südtirols kommen, die in den Einheimischen die Sehnsucht nach mehr schüren. Vielleicht sind es aber auch die Berge. Jedenfalls haben sich viele von hier da draußen einen Namen gemacht. Der Komponist Giorgio Moroder zum Beispiel. Skifahrer wie Isolde Kostner oder Peter Runggaldier. Und natürlich die Bergsteiger: Luis Trenker, ein Onkel von Giorgio Moroder. Hans Vinatzer. Und Carlo Großrubatscher, der wie Karl Unterkircher Mitglied der Klettergilde Catores war und 1991 am Manaslu tödlich verunglückte.

          In der Wohnung erinnert viel an Karl

          Der „Berg der Seele“, wie der Manaslu übersetzt heißt, hätte nach dem Nanga Parbat Karls nächster Achttausender werden sollen. Noch im Herbst 2008. Warum auch nicht? Er war der Mann der Stunde, ein würdiger Nachfolger für Messner und Kammerlander. Sein Glanzstück, 2004 vollbracht, war die Besteigung der beiden höchsten Gipfel der Welt, Mount Everest und K 2, innerhalb von nur zwei Monaten und ohne künstlichen Sauerstoff. Das war Rekord. Trotz solcher Erfolge war er noch verhältnismäßig jung, 1970 geboren, in dem Jahr, in dem Reinhold Messners Bruder Günther für immer am Nanga Parbat blieb. Der Zufall wollte es, dass im Sommer 2008 ausgerechnet jener Pakistani Führungsoffizier von Unterkirchers Expedition war, der ein paar Jahre vorher mit Reinhold Messner den Schuh und einige Gebeine von Günther gefunden hatte.

          In der Wohnung der Unterkirchers erinnert viel an Karl: der Wohnzimmertisch stammt vom K 2, der Wohnzimmerteppich vom Everest. Unter den vielen Fotos zeigt eines Silke und Karl in Nepal. 1998 waren sie dort zusammen auf einem Sechstausender gewesen. Zwei Jahre vorher hatte sich Silke beim gemeinsamen Klettern in den Dolomiten den Knöchel gebrochen, und Karl harrte neun Stunden bei ihr aus, bis endlich Hilfe kam. Sie kannten sich damals schon, ihre Liebe aber hat in diesen neun Stunden ihren Anfang genommen.

          Ihre Kinder geben ihr Halt

          Dreizehn Jahre sind nun vergangen, seit die Berge die beiden zueinandergeführt haben, ein Jahr, seit sie das Paar wieder auseinanderrissen und Karl für immer in einer Gletscherspalte verschwand. Die Kinder müssen auf ihre Weise mit dem Verlust zurechtkommen. Miriam macht es in ihren Träumen, Alex hat im Garten oft Expedition gespielt. In den Anoraks des Vaters sahen er und seine Freunde aus wie Astronauten. Nur langsam begreift der kleine Junge, wer sein Vater war. Als kürzlich die Mutter einer Schulkameradin starb, hat er Silke gefragt, warum denn darüber nicht auch im Radio berichtet werde.

          Silke Perathoner selbst verlebt bessere und schlechtere Tage. Ab und an hatte sie Kontakt zur Frau von Luis Brugger, der 2006 am Jasemba umgekommen war und ebenfalls drei Kinder zurückließ. Ihre eigenen Kinder geben ihr Halt. Und wenn sie allein ist, dann tröstet sie sich damit, dass Karl keinen bergsteigerischen Fehler gemacht hat und dass sie ihn weder hätte aufhalten können noch aufhalten wollen. Finanziell kommt sie zurecht. Die Catores hatten ein Spendenkonto für sie eingerichtet. Und es gab eine Versicherung, die Karl auf ihren Namen abgeschlossen hatte. Auch ein Buch hat sie inzwischen über alles geschrieben: „Die letzte Umarmung des Berges“. Karls Tod hat ihr gezeigt, dass es keinen Sinn macht, weit im Voraus zu planen. Man müsse das Leben nehmen, wie es kommt, sagt sie. Im Herbst will sie selbst zum Nanga Parbat reisen, zumindest bis zur üppigen „Märchenwiese“ am Fuße des Berges, und dort für Karl eine Blume pflücken. Wenn die Kinder größer sind, wird sie vielleicht, so wie früher, wieder in der Frühstückspension ihrer Mutter aushelfen. Und eines Tages will sie auch wieder einen Mann haben. Es muss kein Bergsteiger sein. Er sollte aber die Berge lieben.

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