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Nanga Parbat : Eine Blume für Karl

Silke Perathoner kennt die Antwort darauf, viele im Grödnertal, wo sie und Karl herkommen, kennen sie. Vielleicht sind es die vielen Touristen, die jedes Jahr in diesen Teil Südtirols kommen, die in den Einheimischen die Sehnsucht nach mehr schüren. Vielleicht sind es aber auch die Berge. Jedenfalls haben sich viele von hier da draußen einen Namen gemacht. Der Komponist Giorgio Moroder zum Beispiel. Skifahrer wie Isolde Kostner oder Peter Runggaldier. Und natürlich die Bergsteiger: Luis Trenker, ein Onkel von Giorgio Moroder. Hans Vinatzer. Und Carlo Großrubatscher, der wie Karl Unterkircher Mitglied der Klettergilde Catores war und 1991 am Manaslu tödlich verunglückte.

In der Wohnung erinnert viel an Karl

Der „Berg der Seele“, wie der Manaslu übersetzt heißt, hätte nach dem Nanga Parbat Karls nächster Achttausender werden sollen. Noch im Herbst 2008. Warum auch nicht? Er war der Mann der Stunde, ein würdiger Nachfolger für Messner und Kammerlander. Sein Glanzstück, 2004 vollbracht, war die Besteigung der beiden höchsten Gipfel der Welt, Mount Everest und K 2, innerhalb von nur zwei Monaten und ohne künstlichen Sauerstoff. Das war Rekord. Trotz solcher Erfolge war er noch verhältnismäßig jung, 1970 geboren, in dem Jahr, in dem Reinhold Messners Bruder Günther für immer am Nanga Parbat blieb. Der Zufall wollte es, dass im Sommer 2008 ausgerechnet jener Pakistani Führungsoffizier von Unterkirchers Expedition war, der ein paar Jahre vorher mit Reinhold Messner den Schuh und einige Gebeine von Günther gefunden hatte.

In der Wohnung der Unterkirchers erinnert viel an Karl: der Wohnzimmertisch stammt vom K 2, der Wohnzimmerteppich vom Everest. Unter den vielen Fotos zeigt eines Silke und Karl in Nepal. 1998 waren sie dort zusammen auf einem Sechstausender gewesen. Zwei Jahre vorher hatte sich Silke beim gemeinsamen Klettern in den Dolomiten den Knöchel gebrochen, und Karl harrte neun Stunden bei ihr aus, bis endlich Hilfe kam. Sie kannten sich damals schon, ihre Liebe aber hat in diesen neun Stunden ihren Anfang genommen.

Ihre Kinder geben ihr Halt

Dreizehn Jahre sind nun vergangen, seit die Berge die beiden zueinandergeführt haben, ein Jahr, seit sie das Paar wieder auseinanderrissen und Karl für immer in einer Gletscherspalte verschwand. Die Kinder müssen auf ihre Weise mit dem Verlust zurechtkommen. Miriam macht es in ihren Träumen, Alex hat im Garten oft Expedition gespielt. In den Anoraks des Vaters sahen er und seine Freunde aus wie Astronauten. Nur langsam begreift der kleine Junge, wer sein Vater war. Als kürzlich die Mutter einer Schulkameradin starb, hat er Silke gefragt, warum denn darüber nicht auch im Radio berichtet werde.

Silke Perathoner selbst verlebt bessere und schlechtere Tage. Ab und an hatte sie Kontakt zur Frau von Luis Brugger, der 2006 am Jasemba umgekommen war und ebenfalls drei Kinder zurückließ. Ihre eigenen Kinder geben ihr Halt. Und wenn sie allein ist, dann tröstet sie sich damit, dass Karl keinen bergsteigerischen Fehler gemacht hat und dass sie ihn weder hätte aufhalten können noch aufhalten wollen. Finanziell kommt sie zurecht. Die Catores hatten ein Spendenkonto für sie eingerichtet. Und es gab eine Versicherung, die Karl auf ihren Namen abgeschlossen hatte. Auch ein Buch hat sie inzwischen über alles geschrieben: „Die letzte Umarmung des Berges“. Karls Tod hat ihr gezeigt, dass es keinen Sinn macht, weit im Voraus zu planen. Man müsse das Leben nehmen, wie es kommt, sagt sie. Im Herbst will sie selbst zum Nanga Parbat reisen, zumindest bis zur üppigen „Märchenwiese“ am Fuße des Berges, und dort für Karl eine Blume pflücken. Wenn die Kinder größer sind, wird sie vielleicht, so wie früher, wieder in der Frühstückspension ihrer Mutter aushelfen. Und eines Tages will sie auch wieder einen Mann haben. Es muss kein Bergsteiger sein. Er sollte aber die Berge lieben.

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