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Nanga Parbat : Eine Blume für Karl

Silke Perathoner fährt in einem alten Fiat Panda mit Allradgetriebe in Richtung Langental, ein bisschen Laufen mit der kleinen Tochter. Wenn Karl zu Hause war, ging er auch gerne dort hinauf, oft mit dem Fernglas und dem Kopf nach oben, die Berge lesend wie andere ein Buch. Im Kofferraum liegt noch eines seiner Seile. Auch der Schädel einer Gemse, vorne auf der Ablage des Beifahrersitzes, ist von Karl. Er hat ihn von einer Tour mitgebracht. Als er das letzte Mal fortging, brachte er nichts mit. Noch oft denkt Silke Perathoner an die Wochen und Tage vor seinem Aufbruch nach Pakistan und an die Zeit danach. Dann ist es ihr, als sei damals alles anders gewesen als sonst. Sie selbst habe häufiger an ihn denken müssen, als ihr lieb war, sagt sie. Auch mit Karl stimmte etwas nicht. Es war nicht die übliche Aufregung vor einer großen Expedition, nicht die Fixierung auf das Ziel, die notwendig ist, um Erfolg zu haben und zu überleben.

Karl war gehetzt: die Sponsoren, das Material, die Genehmigung. Eigentlich hatte er zusammen mit Nones und Daniele Bernasconi die Nordwand des Gasherbrum I besteigen wollen. Dann sperrten die Chinesen wegen der Olympischen Spiele alle Wege zum Basislager. Karl aber wollte seinen Traum von einer weiteren Achttausender-Begehung nicht begraben. Er disponierte deshalb auf den Nanga Parbat um, den Berg, auf dem bis zum damaligen Zeitpunkt schon gut 60 Bergsteiger verunglückt waren. Zwei weitere – der Österreicher Wolfgang Kölblinger und die Südkoreanerin Go Mi-Sun – sind gerade hinzugekommen. Bernasconi zog sich schließlich aus dem Projekt zurück, Kehrer sprang ein. Karl sollte der Chef sein. Er kannte das zwar schon vom Mount Genyen. Trotzdem behagte es ihm nicht.

„Der Tati kommt nicht mehr“

Kurz bevor es an den Nanga Parbat ging, fuhren Silke und Karl mit den Kindern an die ligurische Küste. Karl war ein liebevoller Vater, zumindest, wenn er in Gedanken nicht schon wieder auf dem nächsten Berg war. Dann spielte er im Wohnungsflur Fußball oder ging mit Alex in die Kletterhalle. Nur wenn die Kinder quengelten, hat er sie lieber Silke überlassen. Auch die Tage in Ligurien waren seltsam. Silke dachte manchmal, etwas sei verlorengegangen. Die Ausgelassenheit. Und die Ausgeglichenheit, die sie beide zu einem so starken Team gemacht hatte. Karl zweifelte. „Wenn ich vernünftig wäre, würde ich zu Hause bleiben“, sagte er. Die Kinder haben davon nichts mitbekommen. „Wenn der Tati wieder kommt“, sagte kürzlich die kleine Miriam, „dann gehen wir ans Meer.“ Alex sagte daraufhin: „Der Tati kommt nicht mehr.“ „Der ist ja jetzt im Himmel“, sagte Miriam.

Sie ist vier Jahre alt und hat ein Temperament für zwei. „Wie meine Mutter“, hatte Karl manchmal zu Silke gesagt. Als diese mit Miriam hochschwanger war, machte sich Karl zusammen mit dem Südtiroler Hans Kammerlander auf den Weg zum Jasemba. Es sollte eine Erstbesteigung werden. Am Tag des errechneten Geburtstermins telefonierten Karl und Silke das letzte Mal. Danach nicht mehr. Dass Silke zu Hause nicht wusste, was los war, musste sie verdrängen. Die Geburt ging jetzt vor. Zehn Tage später kam Miriam zur Welt. Es war der Tag, an dem der Südtiroler Christian Kuntner beim vierten Versuch, seinen 14. Achttausender, die 8091 Meter hohe Annapurna, zu besteigen, von einer Lawine in den Tod gerissen wurde. Auch Unterkircher und Kammerlander scheiterten, kamen aber unversehrt zurück.

„Wir sind geboren, und eines Tages werden wir sterben“

Am Abend, bevor die drei – Unterkircher, Nones und Kehrer – ins Flugzeug nach Islamabad stiegen, ist Karl mit Silke noch Pizzaessen gewesen. Auch das war neu. Vor den anderen Expeditionen hatte er bis zum Schluss Routen studiert. Silke hatte dann immer gedacht: Wenn er nicht wiederkommt, haben wir nicht einmal mehr richtig miteinander gesprochen. Während der Expedition hat Karl eine Art Tagebuch geführt, das im Internet veröffentlicht wurde. In seinem drittletzten Bericht, am 28. Juni, schrieb er: „Wir sind geboren, und eines Tages werden wir sterben. Dazwischen liegt das Leben! Ich nenne es das Geheimnis, niemand von uns besitzt den Schlüssel dafür. Das Leben liegt in Gottes Hand . . . und wenn er uns ruft . . ., dann müssen wir gehen. Ich bin mir bewusst, dass die breite Öffentlichkeit nicht meine Meinung teilt, denn sollten wir wirklich nicht mehr zurückkehren, würden viele sagen: ,Was haben sie denn dort nur gesucht . . .? Wer hat sie dort hingetrieben . . .?“

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