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Nagano und die Bayerische Staatsoper : Abschied vom Sehnsuchtsort

  • -Aktualisiert am

Bild: Robert Brembeck

Ein glanzvolles Opernhaus, ein begnadeter Dirigent – und ein unwürdiger Abgang. Wir haben Kent Nagano in seinen letzten Tagen in München begleitet.

          7 Min.

          Als Josef Ackermann sich vor gut einem Jahr von der Deutschen Bank verabschiedete, räumte er seinen Schreibtisch und ging. Kent Nagano, 61, bis vergangenen Mittwoch Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München, möchte seinen Schreibtisch gern mitnehmen. Der massive Eichentisch im Bauhausstil stammt noch von seinem Vorgänger und Mentor Wolfgang Sawallisch - und Maestro Nagano ist ein Musenmensch, der eine innere Schönheit auch in den scheinbar profanen Dingen erkennt.

          Zwei Tage vor seinem letzten Arbeitstag ist plötzlich nicht mehr klar, ob er das Möbelstück tatsächlich behalten darf. Im Kabuff neben seinem Büro im fünften Stock des Verwaltungstrakts der Oper klingelt das Telefon von Christa Pfeffer, seit zehn Jahren Naganos persönliche Assistentin. Es geht um den Schreibtisch in Naganos Büro. Mit seinem Nachfolger Kirill Petrenko habe sie alles besprochen, spricht Pfeffer in die Muschel, er wolle ihn nicht, bezahlt habe ihn Nagano auch schon, wo also sei das Problem? Im Laufe des Gesprächs wird klar: Intendant Nikolaus Bachler möchte, dass der Schreibtisch in München bleibt. Pfeffer legt auf und ist bedient. Es ist ein weiterer Tiefpunkt in einer am Ende unwürdigen Beziehung.

          Intendant Bachler: Welten entfernt

          Zwei Tage vor dem Ende der Ära Nagano an der Bayerischen Staatsoper wippt der Intendant mit seiner stattlichen, kerzengeraden Statur und einem Grinsen über die Flure, als pfeife er eine beschwingte Melodie. Das macht er immer so, es wäre also nicht ganz richtig, ihm eine besondere Vorfreude auf Naganos Abgang zu unterstellen. Aber ganz falsch liegt man damit sicher auch nicht.

          Bachler, gebürtiger Steirer, war mal Schauspieler, ihm wird eine Melange aus Weltläufigkeit, Eitelkeit und Machtwillen nachgesagt. Er ist der Hochkultur-Stenz der Schickimicki-Metropole, und dass das mit dem stillen Intellektuellen Nagano, in Kalifornien als Enkel japanischer Einwanderer und Sohn amerikanischer Farmer geboren, nicht gutgehen konnte, war irgendwie abzusehen.

          Bachler kam 2008, zwei Jahre nach Nagano, an die Münchner Oper. Fünf Jahre haben sie es zusammen ausgehalten, aber jetzt ist Schluss. Hier im fünften Stock der Oper haben beide ihre Büros, getrennt durch ein Zimmer und doch Welten voneinander entfernt. „Es gibt kein Verhältnis zwischen den beiden, unterschiedlicher könnten zwei Menschen nicht sein“, sagt Nagano-Assistentin Pfeffer auf die Frage, wie sie zum Ende hin miteinander klargekommen sind.

          „Dafür ist er einfach zu höflich“

          Für Pfeffer ist klar, dass einem großen Musiker durch kleine Bösartigkeiten ein standesgemäßer Abschied vermiest werden soll, das findet sie ehrabschneidend. Weiß sie, wie sich Nagano, der aus seinem Herzen meist eine Mördergrube macht, mit alldem arrangiert hat? „Einen totalen Ausbruch werden sie bei ihm nicht erleben“, sagt Pfeffer, „dafür ist er einfach zu höflich.“ Was Nagano wirklich denkt - bis zuletzt das bestgehütete Geheimnis im vielleicht wichtigsten Opernhaus der Welt.

          Die Spurensuche. Anfang Juli besucht der Generalmusikdirektor, in München gern kurz „GMD“ genannt, die Werkstätten der Staatsoper in Poing bei München. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung begleitet Kent Nagano in diesen letzten Wochen seiner Amtszeit, um aus nächster Nähe zu beobachten, wie der amerikanische Pultstar über die Vertreibung aus dem „Sehnsuchtsort meiner Jugend“, so hat er München immer wieder genannt, wirklich denkt. Es ist das traditionelle Sommerfest des technischen Personals, hier in einer 10 000 Quadratmeter großen Werkshalle entstehen die Bühnenbilder der großen Opernproduktionen.

          „Schade, dass sie gehen müssen“

          Im Eingangsbereich sind zwei lebensgroße Styropor-Hengste aus „Medea“ zu sehen, weiter hinten im Raum das Galeerenschiff aus „Boris Godunow“. 60 Schreiner, Schlosser, Raumausstatter, Plastiker und Theatermaler arbeiten hier, aber heute wird gefeiert - mit Plastikpool, Kunstpalmen und einem 25-Liter-Fass Augustiner, welches Nagano den Handwerkern, die sich weit weg vom Opernhaus immer ein wenig vergessen glauben, den Werkstätten jedes Jahr spendiert.

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