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Nadja Uhl im Gespräch : „Ich bin nicht bereit, die Heldin zu geben“

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Die Schauspielerin Nadja Uhl sieht sich selbst nicht als Heldin, ist aber froh darüber, in einem Land zu leben, wo man seine Meinung sagen kann. Bild: Mutter, Anna

In „Operation Zucker“ ermittelt Nadja Uhl wegen Kinderprostitution. Im F.A.Z.-Interview spricht die Schauspielerin über ein monströses Thema, Grenzen ihres Berufs und das Leben in einem unfertigen Haus.

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          Frau Uhl, nach der Pressevorführung von „Operation Zucker“ haben wir eine Stunde in der Kälte gestanden und über Kinderhandel und Kinderprostitution diskutiert. Sie haben plötzlich berlinert und hätten am liebsten geraucht.

          Was folgern Sie daraus?

          Normalerweise kriegt man Schauspieler zu Interviews, weil sie Werbung für ihren Film machen wollen. Hier hatte ich den Eindruck, es geht Ihnen um mehr.

          Es gibt Filme, wo wir Werbung machen, weil wir die Filme gut finden, oder Filme, wo wir Werbung machen müssen, obwohl wir die Filme nicht gut finden. In diesem Fall finde ich den Film sehr gelungen, ein schwieriges Thema wird auf starke und unaufgeregte Art behandelt. Aber ich möchte nicht, dass „Operation Zucker“ als Film Gegenstand von Diskussionen wird, während das eigentliche Thema auf der Strecke bleibt. Was auch immer es eventuell auszusetzen gibt: Ich bitte Sie, beschäftigen Sie sich mit dem Thema.

          Dann reden wir jetzt nicht über den Film, sondern über Kinderhandel und Kinderprostitution: Was sollte jeder Zeitungsleser, jeder Fernsehzuschauer wissen?

          Offenbar gibt es als Teil der europäischen Osterweiterung Auswüchse, die mehr sind als eine Randerscheinung. Ich als normale deutsche Bürgerin war plötzlich damit konfrontiert, dass mir Menschen erzählten, es gibt hier in unserem Land Tendenzen, in Berlin, direkt bei dir um die Ecke entwickelt sich ein großer Markt aufgrund der Armut in Osteuropa. Die Produzentin Gabriela Sperl kam lange vor Drehbeginn mit diesem Thema auf mich zu. Aber es ist monströs, ich bin ein Jahr lang geflohen. Da reagiere ich wie jeder andere: Lasst mich in Ruhe, das verkrafte ich nicht, ich bin Schauspielerin, keine Politikerin.

          Und dann?

          Wir haben im Rahmen unserer demokratischen Verhältnisse die Möglichkeit, auf Missstände aufmerksam zu machen. Das ist immer noch keine Selbstverständlichkeit. Also habe ich angefangen, Fragen zu stellen: Wie konkret ist das alles? Wie sind die Zahlen? Wo sieht man die Ursachen? Als Künstler sind wir Seismographen einer Gesellschaft, und wenn man dem Bundeskriminalamt und den Unicef-Studien zum Thema Menschenhandel und moderne Sklaverei glaubt, wenn wir von einem wachsenden Markt für Kinder als Prostitutierte sprechen, dann ist es an der Zeit, ein künstlerisches Zeichen zu setzen.

          In „Operation Zucker“ werden Kinder aus rumänischen Familien ihren Eltern abgekauft und in Berliner Clubs zum Sex mit illustren Kunden gezwungen, darunter Politiker und Staatsanwälte. Die Ermittlungen - Sie spielen die Kommissarin - werden von oben sabotiert. Ist das nicht dramaturgisch arg zugespitzt?

          Sie meinen, das klingt nach Verschwörungstheorie? Lassen Sie uns ganz nüchtern bei den Fakten bleiben, es gibt Profiorganisationen, die den realen Hintergrund des Filmgeschehens belegen können. Meine Arbeit basiert in diesem Fall auf den Aussagen anderer. Wenn man sich als Schauspieler kein eigenes Bild machen kann, ist das ist ein Abwägungsprozess, der mit Vertrauen zu tun hat.

          Für „Sommer vorm Balkon“ haben Sie damals zwei Wochen als Altenpflegerin gearbeitet.

          Das war leicht. Wenn man nicht in Strukturen eindringen kann, muss man sich auf Dritte verlassen.

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