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Zum Tode von Costa Cordalis : Mit hart erarbeiteter Leichtigkeit

So kennt man ihn von früher: Costa Cordalis war der wohl berühmteste Grieche Deutschlands – auch wenn er die letzten Jahre meist auf Mallorca lebte. Bild: dpa

Mit wallendem schwarzen Haar kam der junge Grieche Costa Cordalis als musikalischer Gastarbeiter in die junge Bundesrepublik – und gewann die Herzen des Publikums. Für seine Fans bleibe er immer der „temperamentvolle Südländer“, hat er einmal gesagt. Doch für sie hat er gerne gerackert.

          Es dauerte eine Weile, bis in der noch jungen Bundesrepublik die Lust neu erwachte auf die große weite Welt, mit der es sich die Deutschen im Krieg so gründlich verscherzt hatten. Zu einer Zeit, als für die meisten Bürger Auslandsreisen noch undenkbar waren, fand diese Lust ausgerechnet im deutschen Schlager ihren Ausdruck, und zwar nicht allein durch englische Künstlernamen wie Roy Black und Chris Roberts, unter denen deutsche Sänger auftraten, sondern auch durch zahllose musikalische Gastarbeiter, die hierzulande enorm populär wurden. Sie kamen, um nur einige zu nennen, aus Amerika (Gus Backus, Bill Ramsey, Connie Francis), Norwegen (Wencke Myhre), Dänemark (Gitte Haenning), der Schweiz (Vico Torriani), Jugoslawien (Bata Illic), der Tschechoslowakei (Karel Gott), Frankreich (Mireille Mathieu), Großbritannien (Chris Howland) und sogar, wie Daliah Lavi, aus Israel. In Deutschland, zu viel Weltläufigkeit musste es dann doch nicht sein, sangen sie alle auf Deutsch, und das gern mit weichem Timbre und exotisch rollendem R.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Den Part des Griechen unter den Importsängern füllte auf imposante Weise Costa Cordalis aus. Anders als seine Landsfrau Vicky Leandros, die in ihrem größten deutschen Hit irritierenderweise ins polnische Lodz aufbrechen wollte, bot er seinem deutschen Publikum exakt das, was es von einem echten Hellenen erwartete. In seinen Liedern bat er die Damen seines Herzens, mit nach Theben zu kommen oder das nächste Schiff nach Rhodos zu nehmen, wenn er in ihnen nicht gleich einen Engel erblickte, der vom Olymp gestiegen war. Mit wallendem schwarzen Haar, strahlend weißen Zähnen und weit aufgeknöpftem Hemd präsentierte sich Cordalis als Grieche wie aus dem Bilderbuch respektive dem Urlaubskatalog.

          Denn genau darum ging es ja bei dieser nordsüdlichen Wiederannäherung: keine alten Wunden aufzureißen, sondern Fernweh zu wecken. Sonne und Meer, Tanz und Taverne, Bouzouki und Sirtaki, das waren die musikalischen Koordinaten, zwischen denen sich Costa Cordalis bewegte. Einen solchen Gast luden die Deutschen gern zu sich ins Wohnzimmer, gab er ihnen doch das Gefühl, ihrerseits in der Welt wieder willkommen zu sein, allen Kriegsgreueln zum Trotze. Die einzige rote Flüssigkeit, die in Cordalis’ Schlagern höchst verschwenderisch floss, war der griechische Wein.

          Costa Cordalis sitzt im Mai 1972 im Garten seines Reihenhauses in Heusenstamm bei Frankfurt am Main. 1976 veröffentlichte er seinen Ohrwurm „Anita“. Bilderstrecke

          Konstantinos Kordalis war 16, als er selbst sich auf eine große Reise begab, die ihn mit dem Zug von Griechenland nach Frankfurt führte, wo er sich zunächst als Barsänger verdingte. Im Goethe-Institut lernte er Deutsch und begann nach dem Abitur ein Studium der Philosophie und Germanistik, das er nach ein paar Semestern abbrach, um auf die Musikhochschule zu wechseln. Die dort erworbenen Qualifikationen kamen in seinem Werk nicht durchgehend zum Tragen; zu seinem größten Erfolg wurde 1976 der Party-Stampfer „Anita“, dessen Schauplatz ihn mal nicht in die alte Heimat, sondern ins ferne Mexiko führte. Der Rezensent dieser Zeitung war 1981 zwar wenig angetan von einem Cordalis-Konzert, lobte aber, dass der Sänger „ein wirklich netter großer Junge“ sei und – ein Hauch von Dialektik – „selbstzufrieden und dabei sehr bescheiden“ auftrat.

          Costa Cordalis selbst bescheinigte sich noch andere, ausgesprochen deutsch anmutende Tugenden: „Disziplin, Realismus und letztlich sehr harte Arbeit“ hätten ihn zum Erfolg geführt, sagte er, der zum Zeitpunkt seines Durchbruchs schon verheiratet und dreifacher Vater war. Ausdauer und Ehrgeiz trieben ihn auch zu sportlichen Höchstleistungen, so zu einer Landesmeisterschaft im Hochsprung als Jugendlicher und zum 30-Kilometer-Rennen der Skilangläufer bei der Weltmeisterschaft 1985, wo Cordalis zwar als Letzter ins Ziel kam, doch immerhin als bester Grieche. Einen Titel gewinnen konnte er dafür im Jahre 2004: In der allerersten Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ wurde Cordalis zum Dschungelkönig gekürt und lieferte das Musterbeispiel dafür, wie man aus dieser Show nicht nur ohne Verluste, sondern mit Gewinn hervorgeht. Stoisch und stets freundlich ertrug Cordalis alle Schikanen und gab beim Auszug aus dem Camp sogleich das Liedchen zum Besten, das er eigens komponiert hatte. Sein Preisgeld spendete er. Im Privatleben zog er dem Dschungel den Schwarzwald vor, wo er viele Jahrzehnte lang lebte.

          Nicht alle Ausflüge des Schlager-Veteranen in die Gefilde der zeitgenössischen Promi-Welt – Reality TV, Social Media, Beauty-Klinik – verliefen derart glimpflich; als Vater des ebenfalls musizierenden Lukas Cordalis, Ehemann des Fernsehsternchens Daniela Katzenberger, war Costa Cordalis stets für ein bisweilen zu offenes Wort gegenüber dem Boulevard zu haben. Dass er auch anders konnte, nämlich nachdenklich und selbstreflektiert, demonstrierte er, als er in der Dokumentation „Schlagerland“ sinnierte über die selbstgewählte Rolle, aus der ihn die Deutschen partout nicht mehr entlassen mochten: Sie sähen in ihm immerzu den „temperamentvollen Südländer“, der auf der Bühne ordentlich schwitzen müsse. Für seine Fans hat er gern gerackert, sie werden ihn so in guter Erinnerung behalten. Am Dienstag ist Costa Cordalis im Alter von 75 Jahren gestorben.

          Stimmen zum Tod von Costa Cordalis

          Nach dem Tod von Schlagerstar Costa Cordalis halten ihn berufliche Weggefährten in angenehmer Erinnerung. „Costa war ein liebenswerter Schatz und ist leider viel zu früh von uns gegangen“, schrieb etwa Vicky Leandros auf Facebook. „Jetzt sind meine Gedanken bei seiner Familie. Costa, wir werden Dich und Deine Musik vermissen!“

          Sänger Jürgen Drews schreibt auf seiner Facebook-Seite: „Mit großer Bestürzung habe ich heute die Nachricht erhalten, dass mein lieber Kollege Costa Cordalis gestorben ist. Das macht mich wirklich sehr, sehr traurig. Costa war immer ein absolut liebenswerter, netter und höflicher Mensch.“ Als er ihn einst kennengelernt habe, habe er gedacht: „Wow, sieht der gut aus. Wie ein Adonis.“

          Sänger Bernhard Brink schreibt auf Facebook: „Wieder ist einer meiner alten Weggefährten gegangen. Meine Gedanken sind bei Costa und seiner Familie. Es war toll, ihn gekannt zu haben. Wir werden ihn alle vermissen.“

          Die Schauspielerin Mariella Ahrens sagte „Focus online“ zum Tod von Cordalis: „Ich bin entsetzt und traurig wegen dieser schlimmen Nachricht. Er war erst 75, das ist kein Alter für einen lebenslustigen Menschen wie ihn.“ Ahrens und Cordalis nahmen 2004 gemeinsam an der ersten Staffel des RTL-Dschungelcamps teil. „Er war ein so witziger, liebevoller und warmherziger Mensch“, erinnerte sich Ahrens.

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