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Zum Tode Sigmund Jähns : Ein bodenständiger Himmelsstürmer

Sigmund Jähn starb am Samstag im Alter von 82 Jahren. Bild: dpa

Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, ist gestorben. Er war ein Idol für viele Raumfahrer und ein Vorbild an Bescheidenheit. Ein Nachruf.

          5 Min.

          Welche Strahlkraft, welchen Einfluss die Pioniere der bemannten Raumfahrt für viele Menschen auf der ganzen Welt hatten, wie viel Anlass für Träume und Visionen sie gaben, das wurde in diesem Sommer erst wieder anlässlich des 50. Jahrestages der Mondlandung von Apollo 11 deutlich. Den Errungenschaften sollte stets ein für die gesamte Menschheit repräsentativer übernationaler Charakter angehaftet werden – aber natürlich spielte dabei eine ganz entscheidende Rolle, aus welchen Nationen die Männer stammten, die als Helden der Raumfahrt Geschichte schreiben sollten. Das war so beim Russen Juri Gagarin, dem ersten Mensch im Weltraum, und bei den ersten Schritten der Amerikaner Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und so war es auch bei Sigmund Jähn, dem ersten Deutschen im Weltraum. Dieser Faktor erklärt, warum der Name Jähn in diesem Jahr der Weltraumnostalgie hierzulande nie lange auf sich warten ließ, wenn es um prägende Erinnerungen und einflussreiche Pioniergestalten ging. Es war ein Faktor, aber sicher nicht der einzige, denn Jähns Ruhm ist nicht nur darin begründet, dass er als erster deutscher Kosmonaut von der DDR-Führung bald zum Volkshelden, zur Vorzeige-Ikone gemacht wurde. Auch seine integrierenden Leistungen für die gesamtdeutsche Raumfahrt nach 1990 und nicht zuletzt seine geradezu unbescheidene Bescheidenheit und sein ungewöhnlich bodenständiger Charakter spielen für seine besondere Bedeutung in der gesamten Republik eine wichtige Rolle.

          In Deutschland war die Raumfahrtforschung nach dem Zweiten Weltkrieg fast zum Erliegen gekommen. Führende Wissenschaftler und Ingenieure waren als Kriegsgefangene abgezogen worden und trieben die Raketenprogramme anderer Länder voran, insbesondere in den Vereinigten Staaten und in der Sowjetunion. Die Bundesrepublik und die DDR fanden erst langsam zurück in das Feld der Luft- und Raumfahrtforschung. Westdeutschland war seit 1962 Mitglied zweier europäischer Raumfahrtprogramme: der wissenschaftlich ausgerichteten European Space Research Organisation (ESRO) und der letztlich wenig erfolgreichen, auf den Bau einer Trägerrakete zielende European Launcher Development Organisation (ELDO), die 1975 schließlich zusammen mit der Conférence Européenne des Télécommunications par Satellites (CETS) in die Europäischen Weltraumorganisation Esa überführt wurden.

          Als Jagdflieger entsprach Jähn den Anforderungen

          Im November 1969 startete die Bundesrepublik ihren ersten Forschungssatelliten Azur. Sie beteiligte sich außerdem am amerikanischen Post-Apollo-Programm und dem Bau des Weltraumlabors Spacelab. Dieses Programm sollte westdeutschen Astronauten auch die Möglichkeit für Raumflüge eröffnen: 1977 wurde Ulf Merbold von der Esa als einer von vier Spacelab-Kandidaten vorgestellt, 1978 nahm er seine Raumfahrerausbildung auf.

          Die DDR kooperierte derweil über ihre Akademien der Wissenschaft mit der Sowjetunion, und konnte insbesondere auf dem Feld der Entwicklung der Instrumentierung wichtige Beiträge leisten. Im April 1967 gründete die DDR zusammen mit Bulgarien, Kuba, der Mongolischen Volksrepublik, Polen, Rumänien, der Sowjetunion, der Tschechoslowakei und Ungarn den Forschungsverbund „Interkosmos“, für dessen Arbeit die Sowjetunion Bodenstationen, Satelliten und Trägerraketen bereitstellte. 1968 war die DDR an der ersten Satellitenmission „Kosmos 261“ beteiligt, für den 1969 gestarteten Satelliten Interkosmos-1 hatte die DDR in Berlin-Adlershof erstmalig ein Photometer entwickelt. Seit 1971 betrieben die Russen außerdem Raumstationen im Rahmen des Saljut-Programms. Vor diesem Hintergrund entschloss sich die sowjetische Regierung 1976 dazu, Kandidaten anderer sozialistischer Länder in die bemannte Raumfahrt einzubeziehen.

          1. August 1978: Sigmund Jähn sitzt neben seinem sowjetischen Kollegen Waleri Bykowski im Kosmodrom in Baikonur, hinter ihnen ist ein riesiger Globus zu sehen. Wenige Wochen später werden die beiden die Erde verlassen und gemeinsam zur russischen Raumstation Salut 6 aufbrechen. DDR-Kosmonaut Jähn wird als Deutschlands erster ins Weltall fliegen. Bilderstrecke

          Sigmund Jähn war zu diesem Zeitpunkt, im Sommer 1976, Inspekteur für Flugsicherheit im Kommando der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung der DDR. Als ausgebildeter Jagdflieger, der vier Jahre lang bis 1970 die Kommandeurs-Militärakademie der Luftstreitkräfte der UdSSR in Monino bei Moskau besucht hatte, entsprach er genau den Vorstellungen, die das sowjetische Programm für geeignete Kandidaten vorsah. 20 Flieger wurden zunächst in einem geheim gehaltenen Verfahren vom Chef der Luftstreitkräfte und dem Vorsitzenden des Koordinierungskomittees Interkosmos der Akademie der Wissenschaften angesprochen, zehn davon daraufhin zur Auffrischung in den Fächern Mathematik Physik, Sport und Russisch beordert.

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