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Nachruf auf Karel Gott : Botschafter der Musik

  • -Aktualisiert am

Karel Gott starb in Prag im Alter von 80 Jahren. Bild: dpa

Vom Elektriker zum internationalen Musikstar: Ein Nachruf auf den tschechischen Sänger Karel Gott, der mehr im Repertoire hatte als nur das Titellied der „Biene Maja“.

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          Das Lied von der „Biene Maja“ wurde für Generationen unvergesslich. Doch Karel Gott hatte weit mehr im Repertoire als nur das Titellied der gleichnamigen Fernsehserie. In den sechziger Jahren steuerte der Sänger den Soundtrack bei zu einem neuen Lebensgefühl in seiner tschechischen Heimat. Mit seinen Liedern brachte er die Botschaft einer neuen, liberalen Zeit in die Plattenbausiedlungen, zu den Arbeitern, den Jugendlichen, den Unpolitischen.

          Die Geschichte des Musikstars Karel Gott begann in den sechziger Jahren. Viele Tschechen und Slowaken hatten damals genug von Sozialismus und Planwirtschaft, sie sehnten sich nach allem, was aus dem Westen kam. Und die Musik brachte ihnen zumindest eine Illusion von Freiheit. „Die Lieder aus dem Westen klangen so anders als unsere eigenen, in denen immer die Angst vor den Ideologen mitschwang“, erinnerte sich Karel Gott einmal.

          Der Sänger war damals gerade 20 Jahre alt geworden. Offiziell war er als Elektriker tätig, in dem Beruf, den er ursprünglich gelernt hatte. Eigentlich aber fühlte er sich als Rock’n’ Roller. Er veränderte sich äußerlich so, wie er es von den Plattencovern aus dem Westen kannte: lange Haare, mächtige Koteletten, Schlaghosen und weitgeöffnete Hemden. Seinen ersten Auftritt hatte er bei einem Talentwettbewerb. Danach sang er sich von der Provinz in der Stadt Pilsen, wo er im Sommer des Jahres 1939 geboren wurde, bis in die Hauptstadt Prag. Das Publikum liebte seine Stimme, und Karel Gott intonierte mit Vorliebe das, was seine Anhänger von ihm hören wollten: Songs von Frank Sinatra, von Elvis Presley, von den Beatles.

          „Ich hatte gewissermaßen Diplomatenstatus“

          Die Originalversionen von deren Titeln konnten damals offiziell im Land nicht gekauft werden, es gab sie höchstens auf dem Schwarzmarkt zu erwerben. Und da kosteten sie leicht schon mal den Wochenlohn eines Fabrikarbeiters. In diesen Monaten des Prager Frühlings, so scheint es, hat Karel Gott eine Popularität erfahren, die für ein ganzes Musikerleben reichen könnte. In einem Café am Wenzelsplatz etwa erstarrten die Kellner damals vor Ehrfurcht, wenn er die Terrasse betrat. Die Gäste ringsum applaudierten, auch die ausländischen Touristen, denn Karel Gott war genauso der Star ihrer Jugendjahre.

          In dieser Zeit waren die Musikproduzenten aus dem Westen längst schon auf die „goldene Stimme“ aus der Tschechoslowakei aufmerksam geworden. „Weißt du wohin“ war im Jahr 1967 seine erste deutschsprachige Platte. Was folgte, war eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte: Karel Gott absolvierte Auftritte in Las Vegas, er ging auf Europa-Tournee und hatte eine Personality-Show im ZDF, „Der Goldene Löwe“ von Radio Luxemburg. In Frankfurt eröffnete er den traditionellen Weihnachtsmarkt auf dem Römerberg mit einem Auftritt, bei dem er deutsche Weihnachtslieder sang.

          Karel Gott zu Besuch beim Autor des Artikels, Rainer Holbe (Mitte), unter anderem mit TV-Assistentin Maren Kehler und Schlagersängerin Manuela (rechts).

          In seinem Heimatland war später sein Verhältnis zum kommunistischen Regime nicht immer unumstritten. 1977 unterzeichnete Gott mit anderen Künstlern die sogenannte Anticharta, die von der Kommunistischen Partei als Antwort auf die Bürgerbewegung Charta 77 der oppositionellen Künstler und Regimekritiker initiiert wurde. Die kommunistischen Machthaber statteten den inzwischen international beliebten Künstler mit einem dauerhaften Visum aus, das ihm erlaubte, zwischen den politischen Welten zu pendeln.

          „Damit gehörte ich zu den wenigen privilegierten Menschen im Ostblock“, erinnerte sich Karel Gott später daran. „Ich hatte gewissermaßen Diplomatenstatus.“ Er fuhr gerne mit seinem BMW in wenigen Stunden von seiner Wohnung in München in das Jugendstilhaus im Prager Stadtteil Barrandov, in dem er mit seinem Vater wohnte. Dort kochte der Vater regelmäßig die Lieblingsspeise seines Sohns: böhmischen Schweinebraten mit Sauerkraut und Semmelknödeln.

          Keine Geschenke für Karel Gott

          Mit den Jahren starben viele seiner ehemaligen Freunde. Der Sänger wohnte weiter in der großzügigen Villa und galt als begehrter Junggeselle der Prager Gesellschaft. Dabei sollte es aber nicht bleiben. Im Januar 2008 heiratete er in der amerikanischen Stadt Las Vegas die um 37 Jahre jüngere Ivana Macháčková. Das Paar hat zwei Töchter, die 13 Jahre alte Charlotte und die elf Jahre alte Nelly. Aus früheren Beziehungen Karel Gotts stammen zudem zwei weitere Töchter in erwachsenem Alter.

          Mit ihnen und mit zahlreichen Freunden feierte der Mann mit der samtenen Stimme noch im vergangenen Juni seinen 80.Geburtstag in seinem Sommerhaus in den böhmischen Wäldern. Geschenke wollte er zu seinem Festtag keine. Karel Gott war damals bereits an Leukämie erkrankt, das Sprechen fiel ihm schwer. Ein Lied freilich wollte er immer wieder hören, es war die heimliche Hymne seines Landes: „Die Moldau“ des tschechischen Komponisten Bedřich Smetana aus dessen Zyklus „Mein Vaterland“. Karel Gott hatte das Lied einst an einem Sommerabend in einem Prager Park vor Tausenden von Menschen gesungen. Am Dienstagabend kurz vor Mitternacht starb er im Alter von 80 Jahren im Kreis seiner Familie in seinem Haus hoch über den Dächern von Prag.

          Der Autor, geboren 1940, ist Journalist in Frankfurt. Er wurde vor allem als Moderator der „Starparade“ im ZDF bekannt.

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