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Nachruf auf Judith Kerr : Der gezeichnete Vater

Judith Kerr starb im Alter von 95 Jahren Bild: dpa

„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ machte Judith Kerr berühmt. Lieber als über sich sprach sie von ihrem Vater, Alfred Kerr.

          Wie nah kann man einem Mann kommen, der exakt hundert Jahre älter ist als man selbst und seit 1948 tot ist? Der noch im Kaiserreich gelebt hat und genau genommen sogar noch in der Zeit davor?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Einen Hauch von diesem Alfred Kerr, dem berühmtesten Literaturkritiker der Weimarer Republik, konnte man spüren, wenn man das Glück hatte, mit Judith Kerr zu sprechen, seiner Tochter. Sie zeichnete in den ersten beiden Bänden ihrer Romantrilogie um den Weg ihrer Familie ins Exil („Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, „Warten bis der Frieden kommt“, „Eine Art Familientreffen“) ein liebevolles Bild von ihm, und wenn sie von dem Mann, der bei ihrer Geburt bereits 56 Jahre alt gewesen war, noch im eigenen hohen Alter erzählte, konnte man das Gefühl haben, er sei im Grunde noch da, jedenfalls in ihrem Kopf und in ihrem Herzen. Wie er staunen würde über das 21. Jahrhundert, über die Menschen, die auf der Straße liefen und in kleine Kästchen sprächen, über ihre Kleidung – und wenn man Judith Kerr so reden hörte, die ihrerseits fest in der Gegenwart verwurzelt schien, dann war es so, als ob sie wieder an die dreißiger und vierziger Jahre anknüpfte, an die Fürsorge der jungen Frau für ihren Vater, der anders als sie selbst im englischen Exil völlig vereinsamt war.

          Cover des Buches „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“.

          Nach dem Krieg war ihre Mutter Julia nach Deutschland gegangen, um für die Alliierten zu übersetzen, und hatte der Tochter eingeschärft, sich um den Vater zu kümmern. Jeden Abend nach der Zeichenschule, die sie damals besuchte, ging Judith zu Alfred Kerr. „Ich wollte mit ihm über Malerei sprechen, er wusste ja so viel“, aber ihr Vater konnte nicht gut Englisch, anders als sie selbst, für die diese Sprache nun selbstverständlich geworden war. Im Deutschen aber war ihr Wortschatz „der einer Neunjährigen“ – in diesem Alter hatte sie Berlin verlassen, um über die Schweiz und Frankreich nach England zu gehen. Die abendlichen Gespräche mit dem Vater litten darunter. „Wir haben uns gut verstanden“, sagte sie im Rückblick, „aber es muss eine merkwürdige Unterhaltung gewesen sein, wie Telepathie.“

          Judith Kerr sprach freimütig über die Konstellation in ihrer Familie – ihr Bruder Michael stand der Mutter näher, sie selbst dem Vater –, und darüber, erst sehr spät erfahren zu haben, in welchem Maß sich beide Eltern während der schwierigen Jahre der Emigration für die Familie eingesetzt und eigene Bedürfnisse zurückgestellt hatten. Die Karriere ihrer Mutter, die Komponistin war, litt unter den Bedingungen der Emigration, für den Vater gab es im Ausland kaum Arbeitsmöglichkeiten, und was er damals der deutschsprachigen BBC-Abteilung anbot, wurde nur noch selten gesendet und honoriert. In ihrer eigenen künstlerischen Laufbahn sah Judith Kerr, die immer nur zeichnen wollte und auf Umwegen zum Schreiben fand, durchaus Parallelen zum Schaffen ihres Vaters. Der habe „immer und immer und immer alles überarbeitet – ich mache das auch, ich radiere mehr, als ich zeichne.“

          Ihr Schreiben aber stand für sie immer im Schatten des Zeichnens – trotz des riesigen Erfolgs ihrer Romantrilogie. Auf einem Empfang, der 2013 zu ihrem neunzigsten Geburtstag in Berlin abgehalten wurde, begleitete sie ihr Sohn Matthew Kneale, dessen prächtiger Roman „Englische Passagiere“ vielfach prämiert worden war. Sie sei vor allem Zeichnerin, sagte sie, außerdem die Tochter und die Mutter eines Autors.

          Nicht nur ihr Sohn widersprach damals diesem Versuch, sich selbst als Schriftstellerin zurückzunehmen. Dass es ihr aber immer darum ging, die Erinnerung an ihren Vater und dessen Werk wachzuhalten, zeigte sich darin auch. Fragte man sie, dann erzählte sie von den letzten Arbeiten Alfred Kerrs ebenso lebhaft wie von seinen Eigenheiten, etwa beim Fotografiertwerden ein für ihn ganz untypisches Gesicht zu machen, abgewandt und mit seltsam hochgereckter Nase, ein Ausdruck, den Judith Kerr dann liebevoll auf Porträtzeichnungen reproduzierte, die sie später von ihrem Vater anfertigte.

          Dass sie, die am Mittwoch im Alter von 95 Jahren gestorben ist, in dieser Künstlerfamilie eine Künstlerin aus eigenem Recht war, dass sie für ihre Bilderbücher von einem Millionenpublikum geliebt wurde, das wusste sie aber auch.

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