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Abschied von Erna de Vries : Eine Hoffnungsträgerin

Auch im hohen Alter von 96 Jahren reiste Erna de Vries noch von Schule zu Schule, um junge Leute über die Verbrechen während der NS-Zeit aufzuklären. Bild: Holde Schneider

Sie hat Auschwitz überlebt. Erna de Vries hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schülern vom Grauen im Lager zu berichten. Nun ist sie im Alter von 98 Jahren gestorben.

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          Einmal noch die Sonne sehen, das wünschte sich Erna de Vries, geborene Korn, als sie in Auschwitz die Nacht in einer Baracke verbrachte, eingepfercht mit Dutzenden anderen Frauen, die am nächsten Tag sterben sollten. Was wären wir ohne die Sonne? Das fragte de Vries noch 2019, auf dem Weg ins Münsterland, wo sie die nach ihr benannte Erna-de-Vries-Schule besuchte. In Auschwitz sah sie die Sonne noch mal, das Tageslicht, um sie herum Schreie, Panik, Todesangst. Eigentlich unmöglich, dass die junge Erna Korn ihre Nummer in diesem Tumult hören konnte, doch so war es. Auf dem Weg in die Gaskammer wurde sie gerufen und nach Ravensbrück verlegt. Ihre Mutter und sie lagen sich vorher weinend in den Armen. „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat“, sagte ihre Mutter. Es war das letzte Mal, dass sie sich sahen.

          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Erna Korn, für die Nazis „jüdischer Mischling 1. Grades“, überlebte. 1946 erfuhr Josef de Vries, dass es da in Köln eine Frau gab, die wie er in Auschwitz gewesen war. Der junge Mann, wie Erna Korn jüdischen Glaubens, wollte sie unbedingt kennenlernen. „Er hatte so einen Charme“, erinnerte sich Erna de Vries später. 1947 heirateten sie und gingen in de Vries’ Heimat, nach Lathen im Emsland, obwohl de Vries hier einst verraten worden war. Ohne das Emsland konnte er nicht.

          Ihren Kindern erzählten sie zunächst nichts vom Lager, von dem, was Menschen in der Lage sind, anderen Menschen anzutun. Sie sollten nicht mit dem Wissen über die Welt aufwachsen, das ihre Eltern so grausam erlernen mussten. Und auch sonst redeten sie nur untereinander über das KZ. Erst spät fand Erna de Vries zu ihrer Berufung: von Auschwitz zu erzählen. Und vom Todesmarsch, von dem sie glaubte, dass sie ihn nicht überlebt hätte, hätten ihr nicht Bauern ab und an gekochte Kartoffeln zugesteckt. Warum sie erst mit über 70 mit dem Erzählen anfing? „Mich hat keiner gefragt.“ Stolz nämlich war Erna de Vries. Mehr als 20 Jahre lang fuhr sie in Schulen und erzählte von Auschwitz, erzählte davon, wie sie und ihre Mutter als Juden erst ausgegrenzt wurden, später deportiert. Eigentlich sollte nur ihre Mutter nach Auschwitz. Doch Erna Korn hatte sonst niemanden auf der Welt. Sie bestand, neunzehnjährig, darauf, ebenfalls deportiert zu werden. „Ich hätte es mir nicht verziehen.“ Dabei wussten sie 1943 schon genau, was Auschwitz bedeutet, sie hatten heimlich die BBC gehört.

          Mehr als zwei Jahrzehnte lang berührte Erna de Vries das Leben von jungen Menschen, auf eine Weise, wie es wohl nur Zeitzeugen können. Da gab es Tränen, und manchmal mussten Jugendliche an die frische Luft. Wie begreift man die Hölle? Erna de Vries hat sie auf Erden erlebt und davon so eindrücklich und empathisch erzählt, dass Zuhörer trotzdem nie den Glauben an den Himmel verloren. Erna de Vries war eine Hoffnungsträgerin, die keinen Groll hegte, auch wenn sie niemandem verzeihen wollte. Ihr größtes Glück, so erzählte sie es 2019, sei ihre Familie, ihr Mann und ihre Kinder. „Das ist das Wichtigste für mich.“ Gemeinsam mit ihrer Tochter las sie daheim in Lathen immer wieder in den Hunderten von Briefen, die Schüler und Erwachsene ihr geschrieben hatten.

          Auch spät noch äußerte sie sich über Politik, selbst wenn sie nicht viel sagen wollte, aus Sorge, etwas Wichtiges zu vergessen. 2016 sagte sie vor Gericht gegen einen Wachmann aus Auschwitz aus. Sie fürchte einen Rechtsruck, sagte sie noch 2019. „Es ist schlimm, wenn die größer werden.“ Auch darum fühlte sie sich mit Mitte 90 noch in der Pflicht, in die Schulen zu fahren und von Auschwitz zu erzählen, davon zu berichten, was passiert, wenn man Menschen wegen ihrer Herkunft oder ihrer Religion ausschließt. „Es liegt an den Menschen. Ich hoffe, sie sind so klug, so etwas nie wieder zuzulassen.“ Am Sonntag ist Erna de Vries im Alter von 98 Jahren in Lathen gestorben.

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