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Nach Satire-Gedicht : Wo isst Böhmermann?

Dönerverkäufer Erol Günes vor seinem „Kebapland“ Bild: Johannes Pennekamp

Jan Böhmermann war sein Stammgast, bis die Affäre um das „Schmähgedicht“ losging. Würde Erol Günes dem Satriker noch einen Lammspieß verkaufen?

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          Jan Böhmermann ist abgetaucht. Seit Tagen ist von dem Fernsehmoderator nichts zu sehen. Weil ihm nach seinem als „Schmähgedicht“ titulierten TV-Vortrag gedroht werde, stehe er unter Polizeischutz, heißt es. Seinen Auftritt beim Grimme-Preis hat er abgesagt, genauso seine Sendung „Neo Magzin Royale“ und seine Radioshow. Am Samstag kündigte er dann eine „Fernsehpause“ an.

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Auch an einem Ort, an dem sich der Satiriker in der Vergangenheit regelmäßig gestärkt hat, ist er schon lange nicht mehr gesehen worden. „Seit der Sache mit dem Gedicht war er nicht mehr hier“, sagt Erol Günes, Inhaber des Dönerladens „Kebapland“ in Köln-Ehrenfeld.

          Hunderte Kunden wegen eines Posts

          In dem türkisch geprägten Stadtteil gibt es Dutzende Dönerläden. Das „Kebapland“ ist ein besonderer, zumindest für Jan Böhmermann. Im Dezember outete sich der umstrittene Fernsehmann, alias „Gastro-Böhmi“, als Fan des Ladens auf der Venloer Straße. „Alter, Lammspieß als Tellergericht. Ist das lecker“, postete er auf Facebook. Wer noch nicht dagewesen ist, solle das schleunigst nachholen. „Wahnsinn. Ich ess seit Wochen nix anderes.“ Besonders pries Böhmermann den Ausblick aus dem Geschäft auf die gegenüberliegende Polizeiwache an. „Ein absoluter Traum, Eventgastronomie quasi!“ Tausende Böhmermann-Follower gefiel der Eintrag.

          Für Erol Günes war diese kostenlose Werbung ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk. „In den nächsten Tagen und Wochen kamen Hunderte Leute deswegen“, sagt er und nippt an einem Glas Tee. Böhmermann selbst sei regelmäßig sein Gast gewesen, er habe gerne Adana, also Lammgehacktes, bestellt. Günes, 42 Jahre alt und seit zwanzig Jahren in Deutschland, habe selten Zeit gehabt, sich die Sendung seines Stammkunden anzusehen. „Ich stehe von mittags bis spät abends im Laden“, sagt er. Aber wenn er mal eingeschaltet habe, dann habe er Böhmermann witzig gefunden.

          Das nächste Essen geht aufs Haus

          Und jetzt – würde er dem Mann, der so hart mit dem Staatsoberhaupt seines Heimatlandes ins Gericht gegangen ist, noch einen Lammspieß servieren? Günes breitet seine Arme aus und macht einen halben Schritt nach vorne. „Ich würde ihn in den Arm nehmen, wenn er das nächste Mal vorbeikommt. Er kann dann umsonst essen“, sagt der Ladenbesitzer. Er habe sich das Gedicht, das eine Staatsaffäre verursacht hat, angesehen. Böhmermann habe alles richtig gemacht, ist er überzeugt.

          Günes, der Kurde ist, hat nichts übrig für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Im Gegenteil. Lang sei die Liste von dessen Verfehlungen. Günes meint: „Intelligente Leute müssen sowas machen wie Jan Böhmermann, um darauf aufmerksam zu machen.“ Das sage er ganz unabhängig davon, dass der TV-Moderator sein Kunde sei und er von ihm profitiert habe.

          Günes weiß, dass nicht alle türkischstämmigen Kölner denken wie er. Bei Facebook würden Leute schreiben, dass man nicht mehr ins „Kebapland“ gehen solle. „Das sind Nationalisten und Fundamentalisten“, sagt der Dönerverkäufer, „die will ich hier sowieso nicht haben“. Dass Böhmermann im Moment viel aushalten müsse, tut Günes leid. Er hofft, dass sich die Erregung in der Sache bald wieder legt. „Ich habe schon überlegt, ihm mal sein Lieblingsessen vorbeizubringen.“

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