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Nach der Therapie : Bekenntnisse eines Pädophilen

Bild: F.A.Z.

Er weiß, seine Neigung wird bleiben. Sein Tun kontrolliert er, seine Gedanken nennt er frei. Jetzt kann er sich sogar vorstellen, Vater zu werden. Eine Begegnung.

          7 Min.

          Ein Waldspaziergang mit einem Mann, der sich mit den Worten vorstellt: „Ich bin 38 Jahre alt, und mein Leben ist völlig normal. Wie jedes andere Leben auch.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Mann weiß, dass man das auch anders sehen könnte. Aber man sähe es ihm nicht an: Der Mann wirkt ein wenig jünger, als er ist, trotz seiner Größe fällt er nicht besonders auf. Ein Allerweltsgesicht mit weichen Zügen zu Allerweltsklamotten in Schwarz. Ein Kleinwagen, ein fester Händedruck, ein freundliches Wesen. Der Mann hat Wirtschaftswissenschaften studiert und sich „im kreativen Bereich“ selbständig gemacht. Inzwischen läuft es ganz gut. Mit seiner Freundin ist er zwölf Jahre zusammen. Gelegentlich gehen sie ins Kino. Für Hobbys bleibt keine Zeit.

          Die Sonne scheint zwischen den Bäumen hindurch, was für eine Idylle vor den Toren der Stadt. Da sagt der Mann mit dem angeblich normalen Leben mitten in das Vogelgezwitscher hinein: „Ich bin hebephil, also ich steh’ auf Mädchen im pubertären Alter so ab 13 aufwärts. Das ist meine Präferenz.“

          Es gibt bis heute nicht viele Menschen im Leben des Mannes, die davon wissen. Seine Eltern. Seine Freundin. Die Fachleute von dem Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“, die das Gespräch mit dieser Zeitung vermittelt haben und bei denen er bis vor kurzem an einer Therapie teilgenommen hat für Männer wie ihn, die Kinder sexuell begehren (Pädophile) oder Teenager am Beginn der Pubertät (Hebephile), entweder ausschließlich (Kernpädophilie) oder, wie er, zusätzlich zu erwachsenen Sexualpartnern. Deshalb stellt der Mann sich zwar mit seinem Vornamen vor. Alle Informationen jedoch, die seine Identität enthüllen könnten, sind tabu. Ein Parkplatz am Waldrand wird zum idealen Ausgangspunkt für ein Treffen. Wenn andere Spaziergänger vorüberschlendern, bricht das Gespräch kurz ab.

          Anfangs glaubte er, das wüchse sich irgendwann aus

          „Man verbirgt das immer ein Stück weit“, sagt der Mann. Seine Freunde haben Töchter, die fast noch Kinder sind. In seinem Haus leben Familien mit Teenagern. Wenn die wüssten, wie er tickt, wenn er sich ausmalt, was dann los wäre, muss der Mann leise lachen. Es klingt bitter. Weil er einerseits verstehen kann, dass Eltern sich Sorgen machen. Weil er andererseits weiß, sein Leben wäre zerstört. „Das ist absolut nicht gesellschaftsfähig. Das sieht man jetzt mit Edathy auch.“

          Anders als früher jedoch leidet der Mann nicht mehr unter dem Versteckspiel. Jeder Mensch habe schließlich Geheimnisse, sagt er. Sein heller Blick bleibt fest. „Ich hab’ gelernt, damit zu leben.“

          Kaum zu glauben, dass dieser Mann noch vor zwei Jahren in einem Zustand steckte, den er den Tiefpunkt seines Lebens nennt. Der berufliche Aufstieg nach dem Studium war nicht gelungen, seine Beziehung ödete ihn an. Aus Unzufriedenheit wurde Dauerfrust; was er damals Burn-out nannte, hält er heute für Depressionen. Als er dennoch den Sprung in die Selbständigkeit wagte und plötzlich Existenzängste hatte, als er den ganzen Tag daheim vorm Rechner saß und vergeblich auf Anrufe wartete, war ihm irgendwann alles egal.

          Zu diesem Zeitpunkt wusste er schon zwei Jahrzehnte, dass er sich für Mädchen interessierte, die viel zu jung dafür waren. Mit 15, 16 gefielen ihm Zehnjährige. Mit 20, 21 waren es Zwölfjährige. Er machte sich vor, dass es vielleicht daran lag, dass er noch nie eine Freundin gehabt hatte. Die Pubertät hindurch war er oft gehänselt worden. Vom überbehüteten Einzelkind zum Loser. Heute denkt er manchmal darüber nach, ob die Rolle des Außenseiters auch etwas damit zu tun hatte, dass er sein Anderssein spürte. Die meisten Männer in der Gruppentherapie hätten von ähnlichen Erfahrungen berichtet.

          Der Mann fing an, sich FKK-Heftchen zu besorgen, die man damals am Kiosk bekam, obwohl auch Kinder darin waren. Er gaukelte sich vor, es handele sich um normale Fotos, die jeder im Strandurlaub hätte knipsen können. Hätten seine Eltern, bei denen er bis Mitte zwanzig wohnte, das Zeug gefunden, er hätte so cool reagieren können wie jeder Halbwüchsige, der mit Pornoheften erwischt wird. Damals glaubte er noch, das wüchse sich irgendwann aus.

          Aber das Begehren blieb, auch als er schließlich seine erste Freundin hatte, die deutlich älter war als er. Die Bilder blieben auch. „Ersatzbefriedigung“ nennt er das. „Irgendwo brennt’s ja doch immer im Kopf.“ Dabei war ihm, anders als anderen Männern mit seiner Orientierung, klar, dass es tatsächliche sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern nicht geben darf. Während manche Pädophile mit hartnäckiger Unverfrorenheit behaupten, eine Achtjährige würde den Missbrauch genießen, spürte er eine Grenze. Er ist bis heute erleichtert, „dass ich diese Übergriffe nicht tätigen muss, wie es bei anderen scheinbar ist“.

          Die Sache mit den Bildern jedoch entglitt. Es gab ja mittlerweile das Internet. Und wer sich da auf die Suche nach FKK-Bildern machte, stieß zwangsläufig auf Härteres. So jedenfalls erklärt der Mann, wie aus Nacktfotos Posingbilder wurden und schließlich Kinderpornographie. „Das ist, wie wenn Sie Drogen konsumieren. Irgendwann gibt Ihnen jemand ’ne bessere Droge, und Sie sagen: ,Geil. Das ist interessanter, als irgendwie zu kiffen.‘“ Später, in seiner Therapie, sollte er Männer kennenlernen, die diesem Sog widerstanden hatten. Andere verbrachten ganze Nächte damit, von einem Bild zum nächsten zu klicken, und zapften zu Besuch daheim sogar den väterlichen Computer an.

          Sein Druck war anders. Selbstbefriedigung vor dem Rechner. Täglich. Geschlechtsteile in Großaufnahme. Geschlechtsverkehr. Und immer junge Teenager. Der Mann spricht von „Material“, er sagt „spannend“ und „interessant“. Wie ein Schleier ummantelt die Sprache, dass auf diesen Bildern Verbrechen an Kindern zu sehen sind. Der Waldspaziergang dauert Stunden. Nur ein einziges Mal formuliert der Mann es so drastisch, wie es ist: „Wenn eine Dreizehnjährige da von einem älteren Mann vergewaltigt wird, ist doch völlig klar, dass das grausam ist und wahnsinnig viel mit der macht.“

          Heute spricht er von einem „Riesenfehler“, von „Übergriffen im Netz“. Aber „das musste ich verdrängen. Sonst kommt man mit sich selber gar nicht mehr klar.“ Er flüchtete sich in die typische Schutzbehauptung, die Bilder gebe es ohnehin, unabhängig von ihm. In seinem Leid rechtfertigte er sich im Stillen: „Ist halt so. Mir geht’s scheiße. Warum dem Mädchen nicht? Wir haben alle unsere Probleme.“

          Die Grenze zwischen legalen und illegalen Bildern, über die derzeit zu Recht diskutiert wird, war ihm da längst egal. „Wenn man dieses harte Material konsumiert, dann hat man schon alles aufgegeben. Man weiß, dass das im Grunde tödlich für die Beziehung ist. Man weiß, dass das eine Straftat ist. Man macht’s trotzdem.“ Jederzeit hätte die Polizei vor der Tür stehen können. Einerseits peinigte ihn die Angst. Andererseits dachte er: Und wenn schon. Sollten sie ihn doch einsperren! Sein Lebenswille war dahin. Der Mann hasste sich selbst.

          Damals wandte er sich an das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ auf der Suche nach einer Therapie. Er hoffte tatsächlich: „Das hört danach auf. Ich geh’ da raus und denk’ nie wieder an irgendwelche Mädchen.“

          Fast zwei Jahre ist das jetzt her. Er hat für die Diagnostik Fragebögen ausgefüllt, die ihm vor Augen geführt haben, zu welchen Verbrechen eine sexuelle Präferenz wie seine noch führen kann. Er hat sich sein Elend von der Seele geredet. Er hat anderen Pädophilen dabei zugehört, wie sie dieselben Ausreden benutzten wie er. Befriedigung vor Missbrauchsabbildungen macht nicht dauerhaft zufrieden, begriff er. Die Regelmäßigkeit der wöchentlichen Treffen, die Gruppe mit den beiden Therapeuten wurde ihm zum Geländer. Andere bekamen triebhemmende Medikamente. Er löschte seine Festplatte. Hatte Rückfälle. Aha-Erlebnisse. Am Ende ist er dazu übergegangen, sich nur noch Videos von angezogenen Teenagern anzusehen, die offen bei Youtube verfügbar sind. Und Erwachsenenpornographie. So hält er es seither. Aber seine erste und wichtigste Lektion lautete: Sexuelle Präferenzen ändern sich nicht. Mindestens jeder hundertste Mann ist pädophil. Er würde mit der Sache leben müssen.

          „Mit uns will ja keiner zu tun haben“

          Man könnte auch sagen: mit sich selbst. Vor der Therapie, wenn der Mann vor seinem Rechner saß und Dinge tat, die so gar nicht zu seinem Selbstbild als friedfertigem, verträglichem Zeitgenossen passten, redete er sich ein: „Das bin nicht ich. Das ist ein ganz anderer, der so tickt.“ Er war sich fremd. Um seine Neigung zu ertragen, musste er sich distanzieren. Heute hat er das Gefühl, sich endlich selbst zu kennen, „diesen düsteren Punkt, den man vorher immer so ausgeschlossen hat“, inklusive. Er sagt: „Das wichtigste an der Sache ist, dass man sich selber akzeptiert und eine Art der Zufriedenheit für sich aufbaut.“

          Während er früher pflegte, seine Tage einfach hintereinander abzuhaken, überlegt er jetzt jeden Abend, was ihm der vergangene Tag gebracht hat. Das schönste Ereignis notiert er in einer speziellen App. Einen kleinen Erfolg im Job. Ein schönes Gespräch. In schlechten Zeiten kann er sich so eine lange Liste mit persönlichen Glücksmomenten vor Augen halten. Diese Strategie hat er in der Therapie entwickelt. Der Mann ist überzeugt: Wenn er sich selbst gut fühlt, braucht er keine Bilder, die auf Kosten von Kindern entstanden sind. Wer Verantwortung für sich selbst übernimmt, kann auch verantwortlich handeln.

          Damals, als er sich für die Therapie entschloss und erst seiner Freundin, dann seinen Eltern offenbarte, was er im Geheimen tat - „es musste mal raus“ -, rechnete er fast damit, dass sie den Kontakt abbrechen würden. „Mit uns will ja keiner zu tun haben“, sagt er, noch immer über die Reaktion erleichtert. „Sie haben eigentlich alle zu mir gehalten.“ Die Freundin habe ihn während der Therapie unterstützt. Das Angebot der Eltern, künftig ein Auge auf ihn zu haben, sobald junge Mädchen in der Nähe seien, fand er wiederum ernüchternd. Als sei er eine tickende Zeitbombe. Frauen und Männern, die Erwachsene begehrten, würde man doch auch nicht unterstellen, dass sie ihre Triebe ausleben müssten, jederzeit, ohne Chance auf Kontrolle. Niemand könne etwas für seine sexuellen Wünsche. Für sein Verhalten schon.

          Die Sonne scheint schrägt auf den Waldparkplatz und ins Gesicht eines Mannes, der da breitbeinig steht, als könne kein Sturm ihn umhauen. „Was macht einen anderen Menschen normaler als mich?“, fragt er.

          Die Gedanken sind frei. Die Phantasie, das hat der Mann in der Therapie gelernt, sei ein legitimes Mittel, um sexuelle Präferenzen auszuleben, ohne jemandem zu schaden. „Wen soll das groß stören?“, fragt er. „Was in den Köpfen der Leute vorgeht, das wissen Sie ja nie.“ Jetzt, da er sich endlich leiden mag, kann er sich sogar vorstellen, Kinder zu haben. Der Gedanke an eine pubertierende Tochter schreckt ihn nicht. Schließlich hätten die Väter in seiner Therapie erzählt, dass das ein komplett anderes Verhältnis sei. Ein Mädchen aus seinem Bekanntenkreis ist erwachsen und zu einer Freundin geworden, ohne dass er je fragwürdige Gefühle für sie gehegt hätte. „Von daher weiß ich, dass ich ein sehr guter Vater wäre“, sagt der Mann. Er klingt froh.

          Er weiß auch: Es gibt keine Garantie, dass es auf ewig glattläuft. Nur ein paar Sekunden, und er hätte wieder Zugriff auf Bilder wie früher. Aber mit dem Präventionsnetzwerk hat er auch eine Anlaufstelle, an die er sich jederzeit wenden kann. Sein Kleinwagen braust davon. Die Vögel zwitschern. Für einen Februartag ist es viel zu warm.

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