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Nach der Therapie : Bekenntnisse eines Pädophilen

Fast zwei Jahre ist das jetzt her. Er hat für die Diagnostik Fragebögen ausgefüllt, die ihm vor Augen geführt haben, zu welchen Verbrechen eine sexuelle Präferenz wie seine noch führen kann. Er hat sich sein Elend von der Seele geredet. Er hat anderen Pädophilen dabei zugehört, wie sie dieselben Ausreden benutzten wie er. Befriedigung vor Missbrauchsabbildungen macht nicht dauerhaft zufrieden, begriff er. Die Regelmäßigkeit der wöchentlichen Treffen, die Gruppe mit den beiden Therapeuten wurde ihm zum Geländer. Andere bekamen triebhemmende Medikamente. Er löschte seine Festplatte. Hatte Rückfälle. Aha-Erlebnisse. Am Ende ist er dazu übergegangen, sich nur noch Videos von angezogenen Teenagern anzusehen, die offen bei Youtube verfügbar sind. Und Erwachsenenpornographie. So hält er es seither. Aber seine erste und wichtigste Lektion lautete: Sexuelle Präferenzen ändern sich nicht. Mindestens jeder hundertste Mann ist pädophil. Er würde mit der Sache leben müssen.

„Mit uns will ja keiner zu tun haben“

Man könnte auch sagen: mit sich selbst. Vor der Therapie, wenn der Mann vor seinem Rechner saß und Dinge tat, die so gar nicht zu seinem Selbstbild als friedfertigem, verträglichem Zeitgenossen passten, redete er sich ein: „Das bin nicht ich. Das ist ein ganz anderer, der so tickt.“ Er war sich fremd. Um seine Neigung zu ertragen, musste er sich distanzieren. Heute hat er das Gefühl, sich endlich selbst zu kennen, „diesen düsteren Punkt, den man vorher immer so ausgeschlossen hat“, inklusive. Er sagt: „Das wichtigste an der Sache ist, dass man sich selber akzeptiert und eine Art der Zufriedenheit für sich aufbaut.“

Während er früher pflegte, seine Tage einfach hintereinander abzuhaken, überlegt er jetzt jeden Abend, was ihm der vergangene Tag gebracht hat. Das schönste Ereignis notiert er in einer speziellen App. Einen kleinen Erfolg im Job. Ein schönes Gespräch. In schlechten Zeiten kann er sich so eine lange Liste mit persönlichen Glücksmomenten vor Augen halten. Diese Strategie hat er in der Therapie entwickelt. Der Mann ist überzeugt: Wenn er sich selbst gut fühlt, braucht er keine Bilder, die auf Kosten von Kindern entstanden sind. Wer Verantwortung für sich selbst übernimmt, kann auch verantwortlich handeln.

Damals, als er sich für die Therapie entschloss und erst seiner Freundin, dann seinen Eltern offenbarte, was er im Geheimen tat - „es musste mal raus“ -, rechnete er fast damit, dass sie den Kontakt abbrechen würden. „Mit uns will ja keiner zu tun haben“, sagt er, noch immer über die Reaktion erleichtert. „Sie haben eigentlich alle zu mir gehalten.“ Die Freundin habe ihn während der Therapie unterstützt. Das Angebot der Eltern, künftig ein Auge auf ihn zu haben, sobald junge Mädchen in der Nähe seien, fand er wiederum ernüchternd. Als sei er eine tickende Zeitbombe. Frauen und Männern, die Erwachsene begehrten, würde man doch auch nicht unterstellen, dass sie ihre Triebe ausleben müssten, jederzeit, ohne Chance auf Kontrolle. Niemand könne etwas für seine sexuellen Wünsche. Für sein Verhalten schon.

Die Sonne scheint schrägt auf den Waldparkplatz und ins Gesicht eines Mannes, der da breitbeinig steht, als könne kein Sturm ihn umhauen. „Was macht einen anderen Menschen normaler als mich?“, fragt er.

Die Gedanken sind frei. Die Phantasie, das hat der Mann in der Therapie gelernt, sei ein legitimes Mittel, um sexuelle Präferenzen auszuleben, ohne jemandem zu schaden. „Wen soll das groß stören?“, fragt er. „Was in den Köpfen der Leute vorgeht, das wissen Sie ja nie.“ Jetzt, da er sich endlich leiden mag, kann er sich sogar vorstellen, Kinder zu haben. Der Gedanke an eine pubertierende Tochter schreckt ihn nicht. Schließlich hätten die Väter in seiner Therapie erzählt, dass das ein komplett anderes Verhältnis sei. Ein Mädchen aus seinem Bekanntenkreis ist erwachsen und zu einer Freundin geworden, ohne dass er je fragwürdige Gefühle für sie gehegt hätte. „Von daher weiß ich, dass ich ein sehr guter Vater wäre“, sagt der Mann. Er klingt froh.

Er weiß auch: Es gibt keine Garantie, dass es auf ewig glattläuft. Nur ein paar Sekunden, und er hätte wieder Zugriff auf Bilder wie früher. Aber mit dem Präventionsnetzwerk hat er auch eine Anlaufstelle, an die er sich jederzeit wenden kann. Sein Kleinwagen braust davon. Die Vögel zwitschern. Für einen Februartag ist es viel zu warm.

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