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Nach der Therapie : Bekenntnisse eines Pädophilen

Der Mann fing an, sich FKK-Heftchen zu besorgen, die man damals am Kiosk bekam, obwohl auch Kinder darin waren. Er gaukelte sich vor, es handele sich um normale Fotos, die jeder im Strandurlaub hätte knipsen können. Hätten seine Eltern, bei denen er bis Mitte zwanzig wohnte, das Zeug gefunden, er hätte so cool reagieren können wie jeder Halbwüchsige, der mit Pornoheften erwischt wird. Damals glaubte er noch, das wüchse sich irgendwann aus.

Aber das Begehren blieb, auch als er schließlich seine erste Freundin hatte, die deutlich älter war als er. Die Bilder blieben auch. „Ersatzbefriedigung“ nennt er das. „Irgendwo brennt’s ja doch immer im Kopf.“ Dabei war ihm, anders als anderen Männern mit seiner Orientierung, klar, dass es tatsächliche sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern nicht geben darf. Während manche Pädophile mit hartnäckiger Unverfrorenheit behaupten, eine Achtjährige würde den Missbrauch genießen, spürte er eine Grenze. Er ist bis heute erleichtert, „dass ich diese Übergriffe nicht tätigen muss, wie es bei anderen scheinbar ist“.

Die Sache mit den Bildern jedoch entglitt. Es gab ja mittlerweile das Internet. Und wer sich da auf die Suche nach FKK-Bildern machte, stieß zwangsläufig auf Härteres. So jedenfalls erklärt der Mann, wie aus Nacktfotos Posingbilder wurden und schließlich Kinderpornographie. „Das ist, wie wenn Sie Drogen konsumieren. Irgendwann gibt Ihnen jemand ’ne bessere Droge, und Sie sagen: ,Geil. Das ist interessanter, als irgendwie zu kiffen.‘“ Später, in seiner Therapie, sollte er Männer kennenlernen, die diesem Sog widerstanden hatten. Andere verbrachten ganze Nächte damit, von einem Bild zum nächsten zu klicken, und zapften zu Besuch daheim sogar den väterlichen Computer an.

Sein Druck war anders. Selbstbefriedigung vor dem Rechner. Täglich. Geschlechtsteile in Großaufnahme. Geschlechtsverkehr. Und immer junge Teenager. Der Mann spricht von „Material“, er sagt „spannend“ und „interessant“. Wie ein Schleier ummantelt die Sprache, dass auf diesen Bildern Verbrechen an Kindern zu sehen sind. Der Waldspaziergang dauert Stunden. Nur ein einziges Mal formuliert der Mann es so drastisch, wie es ist: „Wenn eine Dreizehnjährige da von einem älteren Mann vergewaltigt wird, ist doch völlig klar, dass das grausam ist und wahnsinnig viel mit der macht.“

Heute spricht er von einem „Riesenfehler“, von „Übergriffen im Netz“. Aber „das musste ich verdrängen. Sonst kommt man mit sich selber gar nicht mehr klar.“ Er flüchtete sich in die typische Schutzbehauptung, die Bilder gebe es ohnehin, unabhängig von ihm. In seinem Leid rechtfertigte er sich im Stillen: „Ist halt so. Mir geht’s scheiße. Warum dem Mädchen nicht? Wir haben alle unsere Probleme.“

Die Grenze zwischen legalen und illegalen Bildern, über die derzeit zu Recht diskutiert wird, war ihm da längst egal. „Wenn man dieses harte Material konsumiert, dann hat man schon alles aufgegeben. Man weiß, dass das im Grunde tödlich für die Beziehung ist. Man weiß, dass das eine Straftat ist. Man macht’s trotzdem.“ Jederzeit hätte die Polizei vor der Tür stehen können. Einerseits peinigte ihn die Angst. Andererseits dachte er: Und wenn schon. Sollten sie ihn doch einsperren! Sein Lebenswille war dahin. Der Mann hasste sich selbst.

Damals wandte er sich an das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ auf der Suche nach einer Therapie. Er hoffte tatsächlich: „Das hört danach auf. Ich geh’ da raus und denk’ nie wieder an irgendwelche Mädchen.“

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