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Demonstrationen und Proteste : Chemnitz, was soll ich nur halten von dir?

In diesen Tagen spreche ich mit einigen Gruppen junger Männer migrantischen Aussehens. Einem gebe ich mein Handy, damit er seine Mailadresse eintippt, sie wollen später den Artikel lesen. Als ich ihm mein Handy gebe, zögere ich kurz. Und zucke dann zusammen. „Die haben alle Smartphones, die ich mir nicht leisten kann“, das hat doch vorhin noch ein Mann zu mir gesagt. Und ich habe es geglaubt, zumindest habe ich gedacht, da muss doch was dran sein an dem, was die alle sagen. Die waren nicht unsympathisch, und die Erzählungen waren sich so ähnlich. Jetzt fragt mich der junge Afghane: „Wie findest du Ausländer?“ Ähm. Ich bekomme mein Handy zurück, und wir reden ein bisschen weiter, er ist nett, und seine Freunde auch. Sie arbeiten übrigens alle für ihre Smartphones, bei der Deutschen Post, in der Nachtschicht. Ich schäme mich wieder sehr.

Auch Wut und Bildung schützen nicht immer vor Vorurteilen

In diesen Tagen gehe ich durch Chemnitz und könnte heulen vor Wut. Wut auf mich selbst, dass ich so viel gebe auf all die Dinge, die ich höre und lese. Wut auf die Menschen, die unbedacht Klischees reproduzieren, aber auch Wut auf mich, die ich dieselben Vorurteile gegenüber Sachsen habe wie halb Deutschland. Und Wut darauf, dass ich gegen die subjektive Wahrnehmung dieser Menschen, ihren emotionalen Zugang zu ihrem Alltag nicht rational argumentieren kann.

Viel Wut auch darauf, dass die Menschen nicht einfach miteinander sprechen. Wenn die, die von Smartphones klauenden Migranten daherfaseln, sich mit denen, die Angst haben, dass kein Sachse sie im Land haben will, einfach mal zusammensetzen würden, denke ich. Ja, dann? Die größte Wut aber empfinde ich für die, die den Hass säen, die Vorurteile schüren und die Gerüchte anheizen. Auch ich bin so blöd und falle immer wieder darauf herein.

Kuschelkurse für Nazis gegen die Spaltung der Gesellschaft

Ich muss das natürlich reflektieren, ich bin ja nicht als Privatperson in Chemnitz, sondern in meiner Funktion als Journalistin. Aber wenn selbst ich, die ich in den Medien arbeite, die einigermaßen weiß, wie Nachrichten und Halbwahrheiten und „Fake News“ funktionieren, mich immer wieder hinsetzen und alles sortieren muss, wie soll es dann erst denen ergehen, die sich nicht so professionell mit Journalismus beschäftigen? Wenn ich, die ich eigentlich beruflich Menschen befrage, mich in verschiedenste Positionen hineinfühlen kann, mit denen ich konfrontiert werde, wie soll es dann erst jenen ergehen, die vielleicht nur mit einer Seite in Berührung kommen? Die sich von der anderen Seite unverstanden oder nicht beachtet fühlen?

Natürlich fühle ich mich nicht in die Neonazis hinein, und ich bin weit davon entfernt zu glauben, ihre Gewalt sei nur ein stummer Schrei nach Liebe – und nicht Ausdruck einer brandgefährlichen, völkisch-nationalistischen und vor allem menschenverachtenden Gesinnung. Und nein, man muss auch besorgte Bürger nicht verstehen, bestimmt nicht. Wenn man aber immer nur in der Blase des eigenen Umfelds sitzt, ist das einfach zu schreiben. Wenn man draußen ist und eine Frau mit feuchten Augen von der Angst um ihre Tochter erzählt, nicht.

Wie aber entwickelt sich unsere Gesellschaft weiter, wenn wir nicht miteinander reden? Die gesellschaftliche Spaltung wird deutlich, wenn mir eine Frau in einer linksalternativen Kneipe erzählt, sie besuche ihre Mutter nicht mehr so häufig, seit diese und ihr Lebensgefährte die AfD wählen und gegen Flüchtlinge wettern. Die Fronten verhärten sich. Eine andere Frau sagt mir, sie träume davon, Kuschelkurse für Nazis anzubieten. Ganz so weit bin ich dann doch noch nicht. Doch diese Tage in Chemnitz sind entscheidend, da bin ich mir sicher.

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