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Mutmaßliches Opfer : „R. Kelly macht Jagd auf junge Frauen“

  • -Aktualisiert am

Lizzette Martinez (links) und Anwältin Gloria Allred: „Er muss endlich gestoppt werden.“ Bild: AFP

Lizzette Martinez ist die nächste Frau, die öffentlich darüber spricht, Opfer von R. Kelly zu sein. Dass der Sänger so lange nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, schreibt ihre Anwältin der Hautfarbe der mutmaßlichen Opfer zu.

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          Gloria Allreds Timing war wie immer perfekt. Wenige Stunden nach R. Kellys Auftritt vor Gericht in Chicago lud die Anwältin und Frauenrechtlerin am Montag knapp 3000 Kilometer entfernt in ihre Kanzlei am Los Angeles’ Wilshire Boulevard ein, um ein weiteres mutmaßliches Opfer des Rappers vorzustellen. „Lizzette Martinez traf Herrn Kelly im Alter von 17 Jahren in einem Einkaufszentrum. Nach ihrer Darstellung wurde sie als Minderjährige und auch später von ihm missbraucht“, sagte Gloria Allred. Der Frage nach der Art der Übergriffe wich sie aus: „Lassen Sie mich nur sagen, dass eine Missbrauchsbeziehung zwischen Frau Martinez und Herrn Kelly bestand.“

          Zuschauer der Dokumentation „Surviving R. Kelly“, die vor einigen Wochen die jahrzehntelangen Anschuldigungen gegen den Musiker wiederholte und auch die Justizbehörden wachrüttelte, bekamen schon einen Eindruck. Wie Martinez berichtete, traf sie R. Kelly vor fast 25 Jahren in einer Mall in Florida. Nach ein paar Höflichkeiten und einer Umarmung hatte sich die Nachwuchssängerin schon wieder von ihrem Idol verabschiedet, als R. Kellys Leibwächter sie einholte. „Er arbeitet gerade im Studio an einem neuen Album. Ruf ihn an“, trug er der Siebzehnjährigen auf. In der Hoffnung auf eine Musikkarriere nahm Martinez einige Tage später Kontakt auf. Bei improvisierten Duetten kam R. Kelly der Jugendlichen dann sexuell näher.

          An das erste Mal mit R. Kelly kann sich die heute Einundvierzigjährige kaum noch erinnern: „Es war während einer Party. Seine Mitarbeiter gaben mir Alkohol. Ich war betrunken.“ Während der nächsten drei Jahre soll der Hip-Hop-Star Martinez immer wieder sexuell missbraucht haben. Er schlug sie, infizierte sie mit Mononukleose und verlangte eine Abtreibung, als sie schwanger wurde. Als Katholikin lehnte sie einen Abbruch ab, erlitt aber später eine Fehlgeburt. „Ich habe ihn geliebt“, sagte Martinez am Montag. Die Frage, ob sie bis zu der Trennung 1999 die Einzige im Leben des Musikers war, beantwortete sie mit einem schlichten Nein.

          Anklage in zehn Punkten

          Wie die Staatsanwaltschaft in Cook County bei der Anklageerhebung in der vergangenen Woche vortrug, soll Robert Sylvester Kelly mindestens 20 Jahre lang immer wieder Mädchen und Frauen missbraucht haben. Seit der Sender Lifetime die sechsstündige Serie „Surving R. Kelly“ der Filmemacherin Dream Hampton Anfang Januar zeigte, meldeten sich Dutzende Zeuginnen. Sony Music trennte sich inzwischen von dem Grammy-Preisträger, der mit Titeln wie „I Believe I Can Fly“ und „The World’s Greatest“ mehr als 75 Millionen Tonträger verkaufte. Am vergangenen Freitag erhob Staatsanwältin Kim Foxx schließlich Anklage in zehn Punkten und ließ R. Kelly verhaften. Der 52Jahre alte Musiker soll allein im Bundesstaat Illinois in den Jahren von 1998 bis 2010 mindestens drei Minderjährige und eine Erwachsene sexuell missbraucht haben.

          „Er macht seit mehr als 20 Jahren Jagd auf junge Frauen. Er muss endlich gestoppt werden“, sagte Lizzette Martinez am Montag. Dass R. Kelly trotz immer neuer Vorwürfe so lange nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, schreibt Gloria Allred der Hautfarbe der mutmaßlichen Opfer zu. Die Juristin, die neben Martinez mindestens fünf weitere mutmaßliche Opfer vertritt, gibt sich zuversichtlich: „Beim ersten Prozess 2008 verweigerte das einzige mutmaßliche Opfer die Aussage. Heute haben wir mindestens vier Frauen, die mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten.“

          Wann Martinez Gelegenheit zu einer Aussage bekommt, verriet Allred nicht: „Wie viele meiner Mandantinnen ist Lizzette jederzeit bereit, mit den Justizbehörden zu sprechen.“ Die Andeutungen von R. Kellys Verteidiger Steve Greenberg, frühere „weibliche Freunde“ des Musikers stellten sich plötzlich als Opfer dar, wies die Anwältin zurück: „Die meisten von ihnen haben unter Eid vor einer Grand Jury ausgesagt. Der Angeklagte hat bislang nicht unter Eid ausgesagt und wird es wohl auch bei seinem Prozess nicht tun. Das sagt schon alles.“

          Nach einem Wochenende im Gefängnis des Bezirks Cook ist R. Kelly inzwischen wieder auf freiem Fuß. Wie die „Chicago Tribune“ meldete, hinterlegte eine 47 Jahre alte Bekannte des Sängers aus Romeoville, einem Vorort von Chicago, am Montag 100.000 Dollar. R. Kelly musste drei Nächte hinter Gittern verbringen, da er zur Überraschung seiner Fans das Geld für die Kaution nicht aufbringen konnte. Kurz nach der Freilassung sagte die Ratiopharm-Arena in Neu-Ulm den für den 12.April geplanten Auftritt des Rappers wegen „neuer und objektiver Fakten“ ab. Der nächste größere Auftritt erwartet den einstigen Hip-Hop-Star nun in drei Wochen. Nicht auf einer Bühne, sondern in einem Chicagoer Gerichtssaal.

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