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Integration einer Muslimin : „Amila, wozu bist Du geboren?“

  • -Aktualisiert am

Welches Bild darf sich eine strenggläubige Muslimin von sich selbst machen? Bild: AP

Ihr Vater blickt sie nicht mehr an, er schämt sich seiner Tochter. Für ihren Weg in die Freiheit, in die Mitte unserer deutschen Gesellschaft, musste Amila einen unvorstellbar hohen Preis zahlen.

          8 Min.

          Amila ist zwanzig Jahre alt und Muslimin. Ihre Eltern stammen aus Bosnien, können kaum Deutsch. Der Vater arbeitet auf dem Bau. Vor einem Jahr hat Amila das Abitur gemacht, jetzt studiert sie Romanistik und jobbt nebenher in einem Supermarkt. Sie geht ins Fitnessstudio, hängt sonntags mit Freundinnen ab, schaut sich Schminkvideos auf Youtube an und will später einmal Französischlehrerin werden, kurz: Amila ist ein gutes Beispiel dafür, was Politiker meinen, wenn sie von „gelungener Integration“ sprechen. Es gibt viele solcher Beispiele, viele junge Muslime, die wie Amila in der Gesellschaft, in der sie leben, auch angekommen sind. Aber wie sieht der Weg aus, den sie zurücklegen mussten? Wie einfach oder beschwerlich war dieser Weg für sie, für Amila?

          Als Amila vier war, nahm der Vater sie zum ersten Mal mit in die kleine Moschee. Sie erinnert sich, dass sie an diesem Tag Bauchschmerzen hatte. Seit sie denken konnte, war die Moschee etwas, über das sich der Vater und die Mutter stritten. Die Mutter war immer dagegen, dass der Vater in die Moschee ging. Oft stellte sie sich ihm in den Weg, wenn er die Wohnung verlassen wollte. Sie schrie, dass die Menschen in der Moschee böse seien. Dass sie auch ihn böse machen würden. Der Vater stieß die Mutter jedes Mal weg. Er schrie sie an, sie sei keine gute Frau. Eine gute Frau würde dem Mann gehorchen und schweigen.

          „Ihr übt Verrat am reinen Glauben!“

          Manchmal holte der Vater aus, er hob die Hand, und Amila hatte Angst, dass er die Mutter schlagen würde. Aber der Vater schlug nie zu. Amila sagt oft: „Das war unser Glück, dass er uns nicht schlug.“ An dem Tag, an dem der Vater Amila zum ersten Mal mitnahm, brüllte die Mutter wie ein Tier und klammerte sich am Vater fest. Amila spürte die Angst der Mutter und hatte plötzlich selbst Angst. Sie stellte sich die Moschee als etwas ganz Schlimmes vor, wie eine dunkle Höhle. Trotzdem ging sie mit dem Vater mit, an dem Tag und an allen anderen Tagen. Sie liebte ja ihren Vater. Aber sie liebte auch ihre Mutter. Und während sie sich mit dem Vater auf den Weg machte, kamen die Bauchschmerzen.

          Wenn Amila von damals erzählt, spürt man, wie sehr sie ihre Eltern liebt. Behutsam wählt sie die Wörter, um den Vater und die Mutter ja nicht in ein schlechtes Licht zu rücken. Die Wörter sind sanft und lassen die Eltern erstrahlen. Amila spricht leise und lächelt. Es ist ein trauriges Lächeln. Vielleicht weil Amila weiß, dass ihre Liebe zu den Eltern nicht nur süß, sondern auch bitter sein kann. Weil sie weiß, dass diese Liebe sie als Kind fast zerrissen hätte.

          Damals ging sie jeden Sonntag mit dem Vater in die Moschee, während der Schulferien sogar mehrmals in der Woche. Mit gesenktem Kopf saß sie im Islamunterricht, während die Lehrerin mit ihr und den anderen Mädchen schimpfte. Die Lehrerin schimpfte immer: „Allah ist nicht mit euch zufrieden!“ – „Warum geht ihr zur Schule? Allah will, dass ihr heiratet und zu Hause bleibt!“ – „Ihr sündigt!“ – „Ihr übt Verrat am reinen Glauben!“ – „Ihr müsst euch bessern, sonst gehört ihr nicht hierher!“ Für Amila waren diese Sätze wie Stiche, die weh taten und ihr manchmal die Tränen in die Augen trieben. Aber in Wahrheit verstand sie die Sätze damals gar nicht. In Wahrheit weinte sie, weil sie das verzweifelte Brüllen der Mutter nicht vergessen konnte.

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