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Integration einer Muslimin : „Amila, wozu bist Du geboren?“

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Der Vater schlug sie nicht, aber er nannte sie eine Schande, eine Ungläubige. Er schrie es immer wieder, monatelang. Sie wusste, was Ungläubige in seinen Augen waren: die schlechtesten, hassenswertesten Menschen, die man um jeden Preis bekämpfen und besiegen musste. Amila sagt, sie habe nie aufgehört, ihren Vater zu lieben. Aber sie habe aufgehört, zu hoffen, dass er sie irgendwann versteht. Sie wohnt immer noch zu Hause. Die Mutter hat sie darum gebeten. Amila geht dem Vater aus dem Weg. Der Vater wendet sein Gesicht ab, wenn er mit ihr in einem Raum ist. Sein Schweigen erdrückt sie. Manchmal wiegt es schwerer als all ihre Träume zusammen.

Das erste Jahr am Gymnasium war hart. Amila hatte ständig die Sätze aus der Moschee im Kopf: „Die Ungläubigen hassen uns Muslime.“ – „Die Ungläubigen wollen uns zerstören.“ Diese Sätze waren wie eine Brille, durch die Amila die neue Welt sah, in die sie geraten war: Die Lehrer am Gymnasium gaben ihr schlechte Noten, nur weil sie Muslimin war. Die Mädchen um sie herum, die rauchten, Freunde hatten, ins Kino gingen, waren verdorben und wollten auch sie ins Verderben ziehen. Amila fühlte sich, als wäre sie von Feinden umzingelt. Sie hatte Angst, in die Schule zu gehen.

Wenn die Mutter sie nicht jeden Morgen gedrängt hätte, wäre sie nicht gegangen. In diesem ersten Jahr sehnte sich Amila oft zurück in die Moschee. Aber sie durfte nicht zurück, denn für die Menschen in der Moschee war sie jetzt auch ein Feind. Das Schlimmste war, dass Amila ihnen recht gab, dass sie sich genauso fühlte: wie ein Feind.

Amila ist jetzt angekommen

Vielleicht war das der schrecklichste Moment auf dem Weg, den Amila zurückgelegt hat: als sie das alte Leben verlassen hatte und im neuen noch nicht angekommen war. Als sie sich selbst noch durch die alte Brille betrachtete, weil sie noch keine neue hatte, und etwas sah, was ihr Angst machte. Eine Fremde, der sie noch nicht vertrauen konnte. Amila hatte zum Glück die Mutter, deren Augen in ihr nie einen Feind, sondern immer nur eine liebenswürdige Tochter sahen. Was machen all die anderen, die wie Amila ebenfalls diesen Weg gehen, aber niemanden haben, der an sie glaubt?

Amila ist jetzt angekommen. Sie hat es sich anders vorgestellt in dieser Gesellschaft. Sie hat geglaubt, dass sie einen Platz findet, wenn sie sich nur genug anstrengt. Aber sie hat noch keinen Platz gefunden. Einmal fuhr sie in der U-Bahn. Plötzlich kamen zwei ältere Frauen auf sie zu und riefen: „Verschwinde! Steig sofort aus!“ Die Frauen versuchten, ihr das Kopftuch runterzureißen. Dann zeigten sie auf Amilas Sporttasche: „Du hast doch eine Bombe da drin, hau ab!“ Niemand kam zu Hilfe.

Einmal wartete sie an der Bushaltestelle, tippte irgendetwas in ihr Handy. Irgendwann blickte sie auf und sah, wie eine Mutter mit zwei kleinen Kindern sie anstarrte. Sie sah die Angst in den Augen der Mutter. Sie hörte, wie die Mutter ihren Kindern zuflüsterte: „Schnell, kommt weg hier, solche Menschen sind gefährlich.“ Während die Mutter die Kinder mit sich fortriss, blickte sie sich immer wieder um. Mit dieser Angst in den Augen. Amila kann viele solcher Episoden erzählen. In jeder haben die Menschen irgendwie einen angstvollen Blick.

Amila denkt oft an ihr erstes Jahr am Gymnasium zurück. Als sie sich wie ein Feind fühlte, weil die Menschen in der Moschee in ihr einen Feind sahen. Manchmal fühlt sie sich jetzt wieder wie ein Feind. Das Gefühl ist oft so mächtig, dass sie die anderen Blicke, die ohne Angst, gar nicht mehr wahrnimmt. Vor kurzem entschied sich Amila, ihr Kopftuch für immer abzulegen. Sie glaubt, dass die Menschen dann weniger Angst vor ihr haben. Jetzt versucht sie jeden Morgen, ohne Kopftuch aus dem Haus zu gehen. Aber sie schafft es nicht. Es schmerzt sie zu sehr.

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