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Integration einer Muslimin : „Amila, wozu bist Du geboren?“

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Scham für die eigene Mutter

Ohne die Mutter hätte sie es nicht geschafft. Die Mutter war wie ein winziger Spalt in der Wand, die der Vater um die Familie herum hochgezogen hatte. Dieser Spalt war zu schmal, als dass sich Amila hätte hindurchzwängen können. Er war sogar zu schmal, um einen Blick hindurchzuwerfen. Aber er war da und störte in der glatten Wand, Amila sah ihn jeden Tag. Der ständige Widerstand der Mutter gegen die Ansichten des Vaters, ihr tiefes Misstrauen gegenüber den Leuten in der Moschee führten dazu, dass Amila sich nie ganz dazugehörig fühlte.

Anfangs litt Amila darunter. Sie wollte unbedingt dazugehören. Aber selbst wenn sie sich ganz fest Mühe gab, waren da immer der Gedanke an die Mutter, das schlechte Gewissen ihr gegenüber, die Amila von den anderen trennte. Und dann war da noch der schlechte Ruf, den die Mutter in der Moschee hatte. Zum Beispiel trugen alle Frauen, die regelmäßig in die Moschee gingen, einen Gesichtsschleier, der nur die Augen freiließ.

Immer wieder verlangte der Vater von der Mutter, auch so einen Schleier zu tragen. Aber die Mutter hörte nicht auf ihn. Sie lachte ihn aus und trug weiterhin ihr Kopftuch. Sie ging auch viel seltener als die anderen Frauen in die Moschee. Und wenn sie einmal ging, dann redete sie auf die Frauen ein, sagte ihnen, sie sollten sich von den Männern nicht alles gefallen lassen, vor allem keine Schläge. Oder sie ermahnte sie, den Führerschein zu machen, Deutsch zu lernen. Die Frauen munkelten, die Mutter sei gefährlich, man müsse sich vor ihr in Acht nehmen. Über den Vater lachten sie hämisch und meinten, er sei schwach, er habe seine Ehefrau nicht im Griff. Amila schämte sich für ihre Mutter.

Irgendwann verschwand diese Scham. Amila war älter geworden, steckte in der Pubertät. Sie schwieg zwar immer noch, wenn die anderen Frauen über die Mutter herzogen. Aber sie schämte sich nicht mehr. Sie wünschte sich in solchen Momenten nicht mehr, das Kind einer anderen zu sein. Es konnte nun passieren, dass Amila die Tränen in die Augen stiegen, wenn die Mutter abends wie immer zu ihr ins Zimmer kam, um ihr über den Kopf zu streicheln und einen Gutenachtkuss zu geben. Die Mutter nahm sie dann in die Arme und sagte nur: „Ich weiß.“

„Eine Frau ist die Perle des Hauses“

Und Amila begann zu erzählen. Manchmal erzählte sie bis tief in die Nacht, von ihren Träumen, ihren Sehnsüchten, Zweifeln. Wenn sie stockte, nicht weiterwusste, fragte die Mutter jedes Mal: „Amila, wozu bist du geboren?“ Das half, und während Amila erzählte, fühlte sie sich so lebendig wie noch nie zuvor. Sie spürte das Wogen ihres Blutes, jede Faser im Körper, den Herzschlag. Als die Mutter irgendwann wieder ging, war Amila so aufgewühlt, dass sie noch lange wach lag.

Wenn Amila nach solchen Nächten wieder in die Moschee ging, hatte sie Atemnot. Sie ertrug die Vorträge der Frau des Imams nicht mehr, die wie die Mutter fragte: „Wozu seid ihr geboren?“ Nur um sofort selbst zu antworten: „Eine Frau ist die Perle des Hauses.“ Sie ertrug ihre Freundinnen nicht mehr, die bei dieser Antwort lächelten und nickten. Als Amila sechzehn war, hörte sie auf, in die Moschee zu gehen. Sie wechselte von der islamischen Schule auf ein öffentliches Gymnasium. Sie hatte alles heimlich mit der Mutter vorbereitet. Amila hatte mit der Wut des Vaters gerechnet, trotzdem war sie schockiert.

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