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Integration einer Muslimin : „Amila, wozu bist Du geboren?“

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Das waren die Gesetze

Einmal kam Amila weinend von der Moschee nach Hause. Die Mutter nahm sie in die Arme und wiegte sie. Dort, in dieser warmen Umarmung, gestand Amila der Mutter, dass sie sich in der Moschee nicht wohl fühle, dass sie nie mehr dorthin wolle. Die Mutter sagte nichts. Sie wiegte Amila nur weiter sanft hin und her, bis die Tränen versiegt waren. Am darauffolgenden Sonntag ging Amila wieder in die Moschee. Es fühlte sich viel leichter an als sonst, als wäre eine schwere Last von ihr abgefallen.

Ein andermal kam Amila wieder weinend von der Moschee nach Hause. Die Lehrerin hatte sie so fest geschlagen, dass die linke Wange ganz geschwollen war. Das Gesicht der Mutter wurde weiß vor Entsetzen. Sie brüllte den Vater an, wie Amila ihre Mutter noch nie hatte brüllen hören. Er solle sofort in die Moschee gehen und dem Imam von den Schlägen erzählen. Diesmal schrie der Vater nicht zurück. Er blieb ganz still. Sein Gesicht wurde hart. Die Mutter begann zu flehen, zu betteln. Am Ende winselte sie nur noch. Amila ertrug es nicht, die Mutter so zu sehen. Sie kniete sich neben die Mutter, nahm sie in die Arme und wiegte sie, so gut sie das mit ihren kleinen Armen konnte. Der Vater erzählte dem Imam nie von den Schlägen. Die Mutter auch nicht. Einer Frau war es verboten, mit einem fremden Mann zu reden, das wusste Amila. Als die Lehrerin sie wieder schlug, behielt sie es für sich.

Das waren die Gesetze. So funktionierte die Welt, in die Amila hineingeboren wurde, in der sie immer gelebt hatte. Sie kannte nichts anderes. Sie durfte in keinen Sportverein, sie durfte keine Klavierstunden nehmen, nicht Schlittschuh oder Fahrrad fahren. Sie musste auf eine islamische Privatschule gehen und nach der Schule immer sofort nach Hause kommen. Sie durfte keine Romane oder Gedichte lesen. Bei ihr zu Hause gab es nur die Bücher, die der Vater aus der Moschee mitbrachte und aus denen Amila immer noch auswendig zitieren kann: „Der reine und aufrichtige Glaube vollendet sich erst im Märtyrertod.“ Oder: „Die Ungläubigen werden schmerzhafte Strafen erfahren.“ Viele Jahre war das Amilas Leben. Von außen mag dieses Leben furchteinflößend wirken. Von innen, aus Amilas Sicht, bedeutete es Geborgenheit und Sicherheit. Von innen wirkte es vertraut, war gefüllt mit Gewohnheiten und Alltag. Wie die meisten Leben der meisten Menschen.

Amila hat ihr altes Leben gegen ein neues eingetauscht

Das muss man zuerst verstehen, um zu begreifen, welchen Weg Amila in der Zwischenzeit zurückgelegt hat: dass sie – wie jeder andere Mensch auch – ein Leben hatte, das sich für sie ganz normal anfühlte. Amila hat ihre frühere Welt verlassen und bewegt sich jetzt in einer anderen Welt, in der sie studiert und Französischlehrerin werden will. Sie hat ihr altes, vertrautes Leben gegen ein neues eingetauscht. Ist das nicht der Kern von Integration: Man gibt ein vertrautes Leben her und bekommt dafür ein anderes, das sich irgendwann auch vertraut anfühlt? Das klingt so einfach, tatsächlich ist es eine Herkulesaufgabe.

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Wie findet man aus dem alten, vertrauten Leben hinaus, wenn es sich doch so normal anfühlt und man nichts anderes kennt? Woher nimmt man die Kraft, den Mut und die Phantasie, sich jenseits des eigenen, vertrauten Lebens noch etwas anderes vorzustellen, etwas Schöneres, Besseres? Wie hält man die Angst und die Einsamkeit aus, nachdem man den ersten Schritt über die Grenzen des alten, vertrauten Lebens getan, aber noch keine neue Vertrautheit gefunden hat? Amila sagt, sie wisse nicht, ob sie diesen Schritt noch einmal wagen, noch einmal überleben würde.

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