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Musikfestival in Sanremo : Dann eben doch ohne Zuschauer

Wie gewohnt im Ariston Theater, aber ohne Zuschauer: Am Dienstag startet das Schlagerfestival von Sanremo. Bild: AFP

Am Dienstag startet das „Festival della Canzone Italiana“. Show-Master Amadeus musste auf seine Pläne, Live-Zuschauer auf einem Kreuzfahrtschiff zu stationieren, verzichten – dafür singt vielleicht Fußball-Profi Zlatan Ibrahimović .

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          Es ist wieder soweit: Von Dienstag- bis Samstagabend versammelt sich die italienische Nation vor dem Fernsehlagerfeuer. Es findet statt, wie gewohnt im Teatro Ariston zu Sanremo, die 71. Ausgabe des „Festival della Canzone Italiana“. Den ältesten Popmusikwettbewerb Europas gibt es seit 1951. Erdacht wurde er seinerzeit von der Fremdenverkehrswirtschaft, um mehr Touristen an diesen Abschnitt der ligurischen Küste zu locken.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Über die Jahrzehnte ist das Sanremo-Festival zu einem einzigartigen Schatz der „niederen“ Liedkultur Italiens geworden, sozusagen die Popvariante der Mailänder Scala. Und es wurde zum trällernden Thermometer gesellschaftlicher Entwicklungen. Als zum Beispiel 1958 Domenico Modugno von Sanremo aus mit seinem Hit „Nel blu dipinto di blu“ die Welt eroberte, da schwebte die von Modugnos Refrain „volare“ (fliegen) beschwingte Nation durch den tiefblauen Wirtschaftswunderhimmel geradewegs in eine Zukunft ohne erkennbare Sorgen.

          Heuer sehen der Himmel über Sanremo und sein Schlagerfestival natürlich anders aus. Die Pandemie liegt dunkel über Italien, natürlich auch über Ligurien. Aber am Horizont schimmert die Hoffnung in Gelb: Die Region im Nordwesten des Landes ist gemäß Corona-Warnampel seit Montag als „gelbe Zone“ mit mäßigem Infektionsrisiko ausgewiesen und nicht mehr als „orange Zone“ mit erhöhtem Risiko. So weit wie Sardinen, die einzige „weiße Zone“ mit dem geringsten Ansteckungsrisiko, ist man in Ligurien aber noch nicht.

          Showmaster Amadeus bestand auf Zuschauer

          Deshalb finden die fünf langen Abende der Show, die vom öffentlich-rechtlichen Sender Rai 1 live übertragen werden und sagenhafte Einschaltquoten von jeweils bis zu 50 Prozent zu erreichen pflegen, ohne Publikum im Ariston-Theater statt. Das hatte sich Showmaster Amadeus, der Sanremo zum zweiten Mal in Folge präsentiert, anders gewünscht. Er werde, gemeinsam mit dem Fernsehkomiker Fiorello als Ko-Moderator, das Festival nur dann präsentieren, wenn Leute im Saal seien. Planungen wurden vorangetrieben, das Saalpublikum für die gesamte Dauer des Festivals auf einem im Hafen von Sanremo vertäuten Kreuzfahrtschiff unterzubringen: allesamt negativ „durchgetestet“, pendelnd in Bussen zwischen Schiff und Show in einer Art Klatscher- und Lacher-Quarantäne. Es gab genug Leute, die sich auf die ziemlich teure stationäre Kreuzfahrt von Sanremo nach Sanremo eingelassen hätten.

          Doch dann wurde es dem Gesundheits- und Kulturministerium in Rom zu bunt: Sanremo findet ohne Publikum statt oder gar nicht, lautete die Ansage. Offenbar fürchtete man sich vor einem „falschen“ Signal: Während Theater, Opernhäuser und Konzertsäle seit Monaten geschlossen sind, solange ungezählte Schauspieler und Musiker um ihre Existenz bangen, könne man für Amadeus und seine Schlagersänger keine Ausnahme machen. Amadeus und seine Sänger vor Publikum hätten freilich auch ein „richtiges“ Signal senden können: Wir überwinden das virtuelle Kulturleben mit dem „richtigen“, es beginnt die Epoche der Post-Pandemie.

          Ob Zlatan Ibrahimović auch göttlich singt?
          Ob Zlatan Ibrahimović auch göttlich singt? : Bild: AFP

          Amadeus jedenfalls fügte sich – und präsentiert nun doch. Nun müssen seine und Fiorellos Witze eben über die leeren Sitzreihen hinweg bis in die Wohnzimmer tragen. Zur Seite stehen den beiden – neben den Dutzenden Sängern als Hauptdarsteller – diverse berühmte Hilfs-Moderatoren. Der selbsternannte Mailänder Fußballgott Zlatan Ibrahimović vom AC Milan wird an allen fünf Abenden dabei sein. Es gibt Gerüchte, wonach „Ibra“ sogar singen werde. Seine akute Verletzung – einen Adduktorenriss im linken Oberschenkel – wird er tagsüber von einem eigenen Physiotherapeuten behandeln lassen. Das Spiel gegen Udinese Calcio am Mittwochabend wird Ibrahimović also wegen eines schlimmen Beins, nicht wegen eines potentiell schlimmen Showauftritts verpassen.

          Auch die durch allerlei Talentshows im Fernsehen sekundär-berühmte Olympiasiegerin im Freistilschwimmen Federica Pellegrini und der kürzlich von Doping-Vorwürfen freigesprochene Geher Alex Schwazer, ebenfalls Olympiasieger, werden dabei sein. Auf Italien warten wieder einmal kumulierte dreißig Stunden einer Fernseh-Sangesshow, die nach den Gesetzen der Medienentwicklung längst hätte ausgestorben sein müssen. Und nebenbei wird dabei, wie jedes Jahr in Sanremo, Italiens Kandidat für den Eurovision Song Contest im Mai in Rotterdam gekürt.

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