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Musikband Blind & Lame : Wir sind nicht die fröhlichen Behinderten

  • -Aktualisiert am

Tochter Lucy wuchs in das Leben auf dem Wagenplatz hinein: die Natur vor der Haustür, der Stadtlärm weit weg, ständig Besuch, fast immer ein Feuer mit Musik. Gitarristen, Trommler, Flamenco- und Salsatänzer aus allen Ecken der Welt verbrachten Wochen auf dem Wagenplatz. Klar, mit der Schule sei das manchmal schwierig gewesen, sagt Lucy. Nicht immer habe sie sich gefreut, wenn Gäste vor ihrem Schlafzimmerfenster eine Trommelsession hinlegten. „Trotzdem bin ich froh, dass ich so aufgewachsen bin.“

Texte auf Englisch, Französisch und Spanisch

Vor ein paar Jahren ist Lucy in eine eigene Wohnung gezogen. Sie habe nicht unbedingt von dem Wagenplatz-Leben weggewollt, sie habe einfach mal ihr eigenes Ding machen müssen, sagt sie. Beruflich ist sie bei der Kunst geblieben. Nach dem Abitur machte sie eine Bühnenausbildung, nahm Schauspiel- und Sprechunterricht und setzte die Gesangsausbildung fort, die sie als Kind begonnen hatte. Sie arbeitete als Regieassistentin an mehreren Theatern, war an einem Londoner Schauspielhaus. Mittlerweile hat sie mehrere Kurzfilme gedreht, illustriert Bücher und singt in zwei Bands. In der Gypsy-Gruppe „Rumbaya“ covert sie mit ihrer Mutter und einem zweiten Gitarristen Rumba- und Flamenco-Stücke. Bei Blind&Lame spielen Lucy und Kika ihre eigenen Titel.

Auf der Veranda legt Kika ihr Blindengerät zur Seite und verschwindet im Bauwagen. „Mama, die Gitarre liegt rechts von dir“, ruft Lucy ins Dunkel. Die beiden setzen sich einander gegenüber, verständigen sich über ein paar Akkorde, ein Summen. Dann spielen sie. Ohne Verstärker, nur Lucys volle Stimme, im Hintergrund die tiefere ihrer Mutter, dazu der Rhythmus der Gitarre. Schnell und eingängig ist das Stück, zornig der englische Text, in dem es um Lügen und Oberflächlichkeiten geht. In der Musik von Blind&Lame mischen sich Pop mit Swing, Rumba mit Country – praktisch alles, was sie jahrelang am Feuer hörten und spielten. Oft komponieren sie gemeinsam an den Ideen herum, die aus Kikas Aufnahmegerät kommen. Die Texte sind auf Englisch, Französisch oder Spanisch. Die meisten Texte auf der EP stammen von Lucy; sie handeln von Trauer, Verzweiflung und dem Gefühl, im Leben keine Chance zu bekommen. „Ich hab’ eben viel kämpfen müssen“, sagt sie. „In der Liebe ist es als schwerbehinderte Frau nicht einfach. Ständig muss man beweisen, dass man eine Frau ist und kein Neutrum.“

Und so schminkt Lucy ihre vollen Lippen tiefrot, wenn sie auf der Bühne steht. Ihre Schönheit und ihr Können will sie sich von ihrer Behinderung nicht nehmen lassen. Demnächst geht das Duo auf Tour – auch wenn es umständlich ist. Viele Clubs haben keine Rampe. Wenn es geht, buchen sie Locations mit breiten Gängen und ohne Stufen. „Es geht ja nicht nur um mich“, sagt Lucy. „Auch viele unserer Fans haben Behinderungen.“ Ob sie es nun beabsichtigen oder nicht: mit ihrer Musik und ihrem Auftreten senden Blind&Lame eine Botschaft – sie machen Mut.

Trotzdem: irgendwann soll es nur noch um die Musik gehen. Noch steht die Band am Anfang. Die EP war die erste Veröffentlichung, die dazugehörige Release-Party das erste große Konzert. Sie planen Festivalauftritte, Videodrehs und ein Album. Dass ihnen ihr besonderes Profil im Moment hilft, ist Kika klar: „Das finden Außenstehende nun mal interessant – Mutter und Tochter, der Wagenplatz, die Behinderungen.“ Lucy lacht und dreht entschuldigend ihre Handflächen nach oben: „Bei uns gibt’s eben noch die Freakshow dazu.“

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