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Wiederaufbau in Istanbul : Ein Denkmal ersten Ranges

„Den Taksim-Platz fühlen“: Murat Tabanlioglu baut das Atatürk-Kulturzentrum wieder auf, das einst sein Vater Hayati Tabanlioglu errichtet hatte. Bild: Helmut Fricke

In Istanbul wurde das Atatürk-Kulturzentrum abgerissen. Nun wird es von Architekt Murat Tabanlioglu wieder neu aufgebaut – und zwar mit unveränderter Fassade.

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          Frankfurt diskutiert, ob es sein Opernhaus renovieren oder abreißen soll. Istanbul hat diese Frage für sich schon beantwortet. „Derzeit wird die Frage bei vielen Gebäuden aus den sechziger Jahren gestellt“, sagt Murat Tabanlioglu. Auch weil sich seither die Baumaterialien und die Bauphysik weiterentwickelt haben. Der Istanbuler Architekt baut das Atatürk-Kulturzentrum (AKM) neu, am selben Standort und mit unveränderter Fassade. Die Arbeiten am Fundament sind abgeschlossen, in 20 Monaten soll der Neubau am zentralen Taksim-Platz eröffnet werden.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          „Die Frage hat mit den Projektkosten zu tun, aber auch damit, ob der Bau Teil unseres Lebens und damit ein Denkmal geworden ist“, sagt Tabanlioglu. In Istanbul war der Entscheidung eine lange und teilweise hart geführte Debatte vorausgegangen. Der türkische Denkmalschutz führt das Atatürk-Kulturzentrum als „Denkmal ersten Ranges“ und bewertet es damit wie die Hagia Sophia und das Topkapi Serail der osmanischen Sultane.

          Zudem waren die Künstlergewerkschaft und die Architektenkammer dagegen, auch nur kleine Änderungen an dem Gebäude vorzunehmen, das Teil des Vermächtnisses des Republikgründers Atatürk geworden ist. Sie akzeptierten lediglich eine konservative Überarbeitung. Tabanlioglu bekam den Auftrag. „Es war, als wenn ich eine Oper im Stil wie vor 50 Jahren inszenierte“, sagt der Opernliebhaber. Die Arbeiten begannen 2009, sie wurden aber eingestellt, als im Mai 2013 die Proteste in und um den Gezi-Park begannen, der bis vors AKM reicht.

          Tabanlioglu ist davon überzeugt, dass das neue Kulturzentrum samt Opernhaus eine wichtige Funktion zu erfüllen hat, um die Qualität des Taksim-Platzes wieder zu heben. Dessen Attraktivität hat abgenommen, weil er zu einer öden Betonfläche verkam und Jugendliche zunehmend in den Einkaufszentren herumhängen, die in den mondänen Gebäuden der Istiklal-Straße eingerichtet wurden – der ehemaligen Grand Rue de Para, die vom Taksim-Platz abzweigt.

          Die Geschichte der Stadt

          Der Platz ist das Zentrum des „zweiten Istanbuls“, wie es Tabanlioglu nennt. Das „erste Istanbul“ auf der historischen Halbinsel sei den Touristen überlassen. Das „zweite Istanbul“ nördlich des Goldenen Horns habe jedoch ebenfalls einen historischen Kern mit dem Taksim-Platz als Zentrum und einer Bausubstanz von mehr als einem Jahrhundert, geprägt von griechischen, armenischen und italienischen Architekten.

          Am Taksim-Platz spiegelt sich die Geschichte der Stadt wider. So zweigt nach Süden die Istiklal-Straße mit ihren prächtigen Gebäuden ab, an ihrem Beginn steht die große griechisch-orthodoxe Kirche Aya Triada. Parallel zu ihr verläuft die in den achtziger Jahren geschlagene Verkehrsschneise der Tarlabasi-Straße mit je einer großen armenischen und syrisch-orthodoxen Kirche. In der Mitte des Platzes steht das wichtigste Atatürk-Denkmal der Türkei, unweit davon wird ein kleines Gebetshaus zu einer großen Moschee umgebaut, vor der ständig gepanzerte Wasserwerfer der Bereitschaftspolizei stehen. Auf der gegenüberliegenden Seite im Osten klafft noch das Loch des Atatürk-Kulturzentrums.

          Von 1936 an hatte der französische Stadtplaner Henri Prost auf Einladung Atatürks den Taksim-Platz gestaltet. Er schlug als Architekten für den Bau eines Opernhauses seinen Landsmann Auguste Perret vor. Der entwarf ein klassisches Stadtopernhaus im Stil der Mailänder Scala, nur kleiner. Es war ein Glück, dass der Türkei das Geld ausging, als der Rohbau stand. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unternahm die türkische Regierung einen neuen Anlauf. Sie beauftragte den jungen Architekten Hayati Tabanlioglu, den Vater von Murat, einen Entwurf vorzulegen. Er war an der Technischen Universität Hannover mit einer Arbeit über Theaterbauten bei Gerhard Graubner promoviert worden und arbeitete danach als wissenschaftlicher Assistent an der ETH Zürich.

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