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Wiederaufbau in Istanbul : Ein Denkmal ersten Ranges

Fotos des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und die türkische Flagge hängen 2017 an der Fassade des Atatürk-Kulturzentrums in Istanbul.

Die Arbeiten begannen 1956, Tabanlioglu änderte das Konzept. Statt eines traditionellen Opernhauses entwarf er das erste große modernistische Gebäude der Türkei. Es sollte nicht nur einen großen Opernsaal enthalten, sondern auch einen kleineren Konzertsaal, weitere Aufführungsräume und Galerien. Zudem sollte es nicht mehr Opernhaus heißen, sondern Atatürk-Kulturzentrum. Unverkennbar war der Einfluss des Bauhauses – einfache Materialien, leichte Decken, Fußböden aus Holz. Ein Jahr nach seiner Eröffnung brannte es 1970 aus. Tabanlioglu und der ehemalige technische Direktor des Düsseldorfer Schauspielhauses, Willi Ehle, setzten das Haus wieder instand – mit besseren Materialien, schließlich hatte sich die wirtschaftliche Lage gebessert. 1978 wurde es wiedereröffnet.

Tabanlioglu und Ehle nahmen im Inneren Veränderungen vor. Nicht angetastet haben sie das modernistische Äußere und die halbtransparente Fassade mit den vertikalen Aluminiumleisten, die zum Markenzeichen des Gebäudes wurden. „Ist man drinnen, kann man den Taksim-Platz fühlen, ist man draußen, sieht man, was drinnen passiert“, sagt Murat Tabanlioglu. Für ihn war von Beginn an klar, auch bei seinem neuen Bau auf diese Fassade zurückzugreifen.

Vor mehr als zehn Jahren war für jeden sichtbar geworden, dass das Atatürk-Kulturzentrum dringend renoviert werden musste. Istanbul sollte 2010 die Kulturhauptstadt Europas werden, und das AKM war als eine der Spielstätten vorgesehen. So beauftragte das Kulturministerium Murat Tabanlioglu, den Zustand des Hauses zu prüfen. 2009 bekam er den Auftrag, das Gebäude zu renovieren und erdbebensicher zu machen. Die Arbeiten endeten jedoch abrupt mit den Gezi-Park-Protesten. Vor einem Jahr meldete sich das Kulturministerium wieder bei Tabanlioglu. Er überzeugte die Regierung in Ankara, dass es mehr bedürfe als kosmetischer Ausbesserungen. Er schlug eine Rekonstruktion des alten Baus vor. Die Regierung akzeptierte, eine neu ausgebrochene Währungskrise zwang Tabanlioglu aber zu Einsparungen.

Von außen alt, von innen neu

Von außen wird das neue Atatürk-Kulturzentrum aussehen wie das alte, im Inneren wird es aber viel moderner sein. Dazu verlagert Tabanlioglu den Konzertsaal in ein neues Nebengebäude, so dass im Hauptgebäude nur noch das Opernhaus untergebracht ist. Es wird nicht mehr 1300 Zuhörern Platz bieten, sondern 2300 und in der Form eines Hufeisens gebaut sein. Die Akustik werde dadurch besser, die Technik habe viel mehr Platz. Viel mehr Platz gebe es auch für die Probenräume und die Bühnenbilder, sagt Tabanlioglu. Der Zuschauerraum ragt wie eine Halbkugel in das Foyer hinein. In ihrem kräftigen Rot wird die Halbkugel auch auf dem Taksim-Platz zu sehen sein. „So kommen Vater und Sohn zusammen“, sagt Tabanlioglu. Der Vater mit der Aluminiumfassade, der Sohn mit der roten Halbkugel. Das Foyer wird nicht mehr auf viele, dunkel gehaltene Stockwerke verteilt sein, sondern sich lichtdurchflutet über die gesamte Höhe des Baus ziehen. Hinzu kommen kleinere Konzertsäle, Galerien, ein Designzentrum, Cafés und ein Restaurant mit einer Aussichtsplattform auf den Bosporus.

Das Büro von Tabanlioglu baut derzeit auch im ehemaligen Hafenviertel Karaköy eine ehemalige griechische Schule, für die es keine Schüler mehr gibt, in ein Kulturzentrum um. Nicht weit davon entfernt liegt das Museum Istanbul Modern. Im Auftrag der mäzenatischen Familie Eczacibaşi hat Tabanlioglu aus leerstehenden Hafendepots ein attraktives Museum für zeitgenössische Kunst entworfen. Für die Familie Eczacibaşi entwarf er zudem das Einkaufszentren Kanyon, das sich im Stadtteil Levent wie ein moderner Canyon zwischen modernen Bürogebäuden seinen Weg bahnt. Zuletzt entwarf er unter den Kuppeln eines historischen osmanischen Baus im Stadtteil Beyazit eine moderne Bibliothek.

Tabanlioglu liegt daran, in einer Stadt wie Istanbul mit einer Geschichte von mehreren tausend Jahren die alte Bausubstanz einzubeziehen. Derzeit arbeitet er an einem Masterplan für das Goldene Horn, an dem sich früher viele Werften und Industriebetriebe niedergelassen hatten. Die Folgen der Globalisierung auf seine Zunft sieht Tabanlioglu, der in Wien studiert hat, skeptisch. „Dadurch ähneln sich die Bauten auf der ganzen Welt immer mehr, die gleichen Bauten wie in Dubai und Schanghai kann man auch in Istanbul und Tokio sehen.“ Meist handle es sich einfach nur um schlechte Kopien guter Architektur.

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