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Münchner Nockherberg : Selbst Olaf Scholz schaltet sich zu – mit Schlumpffigur

  • -Aktualisiert am

Kabarettist Maximilian Schafroth bei der Probe am Nockherberg: Am Abend war er spontan. Bild: dpa

Auf dem Münchner Nockherberg müssen sich Politiker eigentlich ganz leibhaftig Gemeinheiten anhören. Bei der digitalen Version war in diesem Jahr dafür so viel politische Prominenz wie vielleicht noch nie dabei.

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          Was am Freitagabend aussah wie eine Videoinstallation von Nam June Paik aus den frühen neunziger Jahren, war tatsächlich die Bühne auf dem Münchner Nockherberg. Röhrenfernseher waren da aufeinandergestapelt, aus denen die Politiker zugeschaltet waren, die sich normalerweise, also ohne Corona, ganz leibhaftig die Gemeinheiten des Fastenpredigers Maxi Schafroth hätten anhören müssen. Als Michael Piazolo, der bayerische Kultusminister, auf einem der Fernseher erscheinen sollte, stürzte das System ab – eine schöne Parabel auf Distanzunterricht und Digitalisierung, die gegenwärtig mit dem Selbstbild vom Premiumbundesland nicht Schritt halten können.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Im vergangenen Jahr war der Nockherberg kurzfristig abgesagt worden, die Entscheidung war ein Menetekel, dass nun ernste Zeiten anbrechen würden. Die Infektionszahlen sind seither schlechter statt besser geworden – an ein volles Haus war also nicht zu denken. Und dennoch war es gut, dass sich Maxi Schafroth (zusammen mit der Paulaner-Brauerei) das Experiment getraut hat, vor einem leeren Saal zu sprechen, während die Politiker daheim oder in ihren Büros saßen oder, wie der CDU-Vorsitzende Armin Laschet, im Aachener Rathaus.

          Der so wegfallende Anfahrtsweg dürfte sogar dafür gesorgt haben, dass so viel politische Prominenz wie nie beim sogenannten Politiker-Derblecken (Verspotten – für alle Preußen) dabei war. Selbst Olaf Scholz war zugeschaltet – vor sich hatte er gut sichtbar eine Schlumpffigur platziert. Offenbar sehen seine Berater im jüngsten Angriff Markus Söders auf ihn („Sie brauchen nicht so schlumpfig zu grinsen“) die letzte Chance, doch noch vom Scholzomat-Image wegzukommen. Nur Gesundheitsminister Jens Spahn, der es sich in seinem schönen Haus vor dem Fernseher ja auch ganz nett hätte einrichten können, hatte offenbar erst zugesagt, um dann doch noch abzusagen. Ein Spenden-Essen? Schafroth kommentierte die Absage mit Blick auf Spahns zurückgenommene Schnelltest-Versprechen so: „Zusagen, absagen, das macht er ja öfter.“

          Ein Highlight, wie schon beim ersten Auftritt Schafroths vor zwei Jahren, waren die Lieder. Es fing an mit einem hinreißenden gregorianischen Choral, den der Kabarettist mit seinen sangesbegabten Freunden von der „Jungen Union Miesbach“ zum Besten gab. So transportierte er schon zu Beginn der Aufführung nicht nur einen feierlichen Schauer zu den heimischen „Sofa-Sitzmulden“ (Schafroth), sondern brachte auch das kärgliche Credo des vergangenen bayerischen Jahres auf den Punkt: „Ora et labora, Rex Markus dixit/Schaffa, essa, Häusle baua/und nicht nach de Mädle schaua/Ora et labora, Rex Markus dixit.“ Ähnlich erhebend war, außer fürs Pflegepersonal, das Gstanzl auf die Systemrelevanten, das eigentlich von der Heuchelei der Politik und der Gesellschaft handelte: „Danke für Überstunden und Nachschicht! Aber mehr Geld gibt’s dafür nicht. Bleibts g’sund und haltet euch ran. Und klatscht für den Jens Spahn, Applaus und Bussi, Gruß und Kuss. Das ist euer Corona-Bonus.“

          „Wie der Jazzer in der Blasmusik“

          Auch in seinem Vortrag wartete Schafroth mit einigen sehr guten Pointen und Formulierungen auf. „Liebe Gäste von auswärts, das ist Political Correctness in Bayern. Da wo euch der Atem stockt, da beginnt bei uns der Schenkelklopfer.“ Über Scholz: „Lieber Olaf, Gratulation, zu deinem Mut. Also wenn die Bundestagswahl die Bundesjugendspiele wären, dann machst den 1000-Meter-Lauf von Anfang an und der Markus rennt kurz vor der Ziellinie aus’m Gebüsch und sagt: ’Leudde, so anstrengend war’s jetzt auch wieder nicht. Habt’s euch net so.’“ Über die SPD: „Wie soll ich a Idee zu euch haben, wenn ihr selber keine habt.“

          Hat hier seinen Spaß: Der CDU-Vorsitzende Armin Laschet
          Hat hier seinen Spaß: Der CDU-Vorsitzende Armin Laschet : Bild: dpa

          Über Verkehrsminister Andreas Scheuer: „Der Andi, ein Unikat, 580 Millionen versenkt und schaut, unschuldig wie ein Kälbchen kurz vorm Bolzenschuss.“ Über den in jeder Hinsicht feingliedrigen Piazolo: „Michael, du hast das Talent in Dinge hineinzugeraten. In die Freien Wähler zum Beispiel. Was machst du da? Du hockst da drin, wie der Jazzer in der Blasmusik. Der jedes Mal die Augen verdreht, wenn der Dirigent sagt: ’Burschen, mir brauchen keinen Takt, es langt wenn’s scheppert.’“ Über die geschasste Gesundheitsministerin Melanie Huml: „Liebe Huml Melli, du hast wenigstens an Anstand ghabt. Du hast deinen Rücktritt angeboten, zwei Mal sogar, der Markus hat zwei Mal gsagt, is a schlechte Idee, weil se ned von mir is.“

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