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Geschwister Scholl : Der Zaun, an dem sie lächelte

  • -Aktualisiert am

Ein Bild mit historischer Wucht: Sophie Scholl verabschiedet ihren Bruder (zweiter von links). Im folgenden Jahr wurden die meisten der Abgebildeten hingerichtet. Bild: George (Jürgen) Wittenstein / a

Vor 75 Jahren wurden Hans und Sophie Scholl ermordet. Einer der Erinnerungsorte der „Weißen Rose“ soll nun gerettet werden. Doch was hat es mit dem Zaun auf sich?

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          Es ist eine Abschiedsszene, aber die Stimmung ist ausgelassen. Am 23. Juli 1942 verabschiedete Sophie Scholl am Münchner Ostbahnhof ihren Bruder Hans Scholl sowie Alexander Schmorell, Willi Graf und Hubert Furtwängler, die als Medizinstudenten zum dreimonatigen Sanitätsdienst an die Ostfront aufbrachen. Die Fotos zeigen, wie Sophie Scholl an dem Zaun zur Orleansstraße lehnt und die Freunde auf der anderen Seite des Zauns lachen. Es sind nur Bilder, aber sie haben historische Wucht – denn im folgenden Jahr wurden die meisten der Abgebildeten hingerichtet.

          An diesem Donnerstag vor 75 Jahren wurden Sophie und Hans Scholl in München zum Fallbeil geführt. „Mit einer kindlich festen Bereitschaft“ sei Sophie Scholl mit ihrem Bruder auf die Tür im Gefängnis Stadelheim zugegangen, „durch die sie dann allein hat gehen müssen“. So beschrieb Inge Aicher-Scholl, die Schwester von Sophie und Hans Scholl, den letzten Gang der Widerstandskämpfer von der Weißen Rose. Die Eltern hatten ihre todgeweihten Kinder noch einmal kurz vor deren Hinrichtung gesehen. Hans Scholl rief auf der Guillotine noch „Es lebe die Freiheit!“ Am selben Tag wurde ein weiteres Mitglied der Weißen Rose getötet: Christoph Probst. Am 13.Juli 1943 folgten Professor Kurt Huber und Alexander Schmorell, am 12. Oktober Willi Graf.

          Verdrängt ein Tiefbahnhof den Zaun?

          Die Widerstandskämpfer hatten in vielen deutschen Städten und zum letzten Mal am 18.Februar an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität kritische Flugschriften in Umlauf gebracht. An ihrer eigenen Universität wurden sie aber von einem Hörsaaldiener, der gleichzeitig ein SA-Mitglied war, entdeckt und verraten.

          Der Zaun an der Orleansstraße, gegenüber der Hausnummer 63, an dem die Studenten so fröhlich zusammenstanden, droht nun einer Baustelle zum Opfer zu fallen. Am Orleansplatz ist ein Tiefbahnhof geplant für die zweite Stammstrecke der S-Bahn quer durch die Münchner Innenstadt. 2020 sollen die Tiefbauarbeiten für den zum Bahnhof führenden Tunnel beginnen. Angeblich ist auch der Zaun von den Bauarbeiten betroffen. Ein Bahnsprecher sagt dazu, dies sei nicht der Fall – die Bauarbeiten würden hauptsächlich den Orleansplatz betreffen, nicht den Straßenabschnitt. Die Grundstücksverwaltungs- und Verwertungsgesellschaft (GVG) will jedoch das brachliegende Gelände hinter dem Zaun mit neuen Wohnanlagen bebauen, und für die Baustellenzufahrt könnte ein Teilabriss des Zauns notwendig werden. Dann würde die GVG versuchen, „zumindest einen Teil des Zaunes in die neue Gestaltung des Geländes zu integrieren“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Es sei im Sinne des Unternehmens, dass dieser Erinnerungsort erhalten bleibe. Die Planungen seien aber noch nicht so weit fortgeschritten, um Auskünfte über die genauere Form des Erinnerns zu geben.

          Der Zaun an der Orleansstraße heute.
          Der Zaun an der Orleansstraße heute. : Bild: Pahnke, Christina

          Der Kommunalpolitiker und Leiter des Haidhausen-Museums, Hermann Wilhelm, sagt, der Bezirksausschuss Au-Haidhausen habe beschlossen, Teile des Zauns zur Erinnerungsstätte machen zu wollen. Bislang hat nur eine kleine Gedenktafel auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf die Geschichte dieses Ortes hingewiesen. Eine größere Gedenktafel, die 2013 angebracht worden war, wurde nach Wasserschäden 2016 wieder abmontiert.

          München hat sich mit dem Erinnern an nationalsozialistische Verbrechen oft schwergetan. Werner Thiel, der den Zaun an der Orleansstraße als den Zaun auf den Fotos von 1942 identifizierte, hat ein Jahrzehnt für die mittlerweile wieder entfernte Gedenktafel gekämpft. Das Haus an der Leopoldstraße, in der die Flugblätter der Weißen Rose gedruckt wurden, musste der Expansion eines Versicherungsunternehmens weichen. Und nach Georg Elser, der 1939 ein Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller plante und 1945 im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde, ist erst 1997 der Platz vor seinem früheren Wohnhaus in der Maxvorstadt benannt worden. Zuletzt wurden die Stolpersteine, die an Opfer des Holocausts erinnern, auf öffentlichen Plätzen in München verboten. „Dabei ist allen Verantwortlichen die Bedeutung von München als ,Hauptstadt der nationalsozialistischen Bewegung‘ bekannt“, sagt Thiel. Viele wollten das aber nicht richtig wahrhaben.

          Anders als andere Gedenkstätten

          Hildegard Kronawitter, frühere Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der „Weiße Rose Stiftung“, sagt, dass man die Botschaft der Weißen Rose dafür nutzen solle, „sich für Toleranz und Weltoffenheit einzusetzen“. Wenn das nicht geschehe, übernähmen andere die Deutungshoheit. Was das bedeutet, illustriert ein Beispiel vom vergangenen Jahr, als ein AfD-Kreisverband den Slogan „Sophie Scholl würde AfD wählen!“ veröffentlichte.

          Der historisch so bedeutsame Zaun dürfe nicht aufgegeben werden, sagt Hildegard Kronawitter. Es gebe zwar schon viele Erinnerungsorte für die Weiße Rose, unter anderem die „DenkStätte“, die die Stiftung vergangenes Jahr mit einer neuen Ausstellung im Lichthof der Universität eröffnet hat. „Aber der Zaun hat etwas Besonderes, vor allem für Kinder und Jugendliche: Man kann haptisch den Ort erleben, an dem Sophie Scholl vor 75 Jahren gestanden und sich vom Kernkreis der Weißen Rose verabschiedet hat.“ Anders als die meisten Erinnerungsorte – die Gräber auf dem Friedhof am Perlacher Forst, der Sitzungssaal im Justizpalast, die Gedenkstätte in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim – steht der Zaun für etwas Positives: Es war der Ort, an dem Sophie Scholl lächelte.

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