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Historischer Nachbau : Schindeln schlagen für vorgestern

Hobeln: Viele Helfer arbeiten an der Zukunft der mittelalterlichen Siedlung. Bild: Soldt

Mittelalter-Romantiker bauen in Meßkirch ein Kloster für Zeitreisende. Eile ist nicht geboten – bis 2066 ist noch Zeit. Was steckt hinter der Idee?

          5 Min.

          Bis die Besucher des Campus Galli auch nur erste Andeutungen eines Fundaments sehen können, werden noch 15 Jahre vergehen. Seit drei Jahren wird in einem Waldstück im Norden von Meßkirch an einer mittelalterlichen Klosteranlage gebaut: mit den Methoden des Mittelalters und den damals vorhandenen Werkzeugen. Betonmischer, Kräne, Planierraupen, nichts davon setzen die Bauarbeiter ein. Erlaubt sind nur moderne Arbeitsschutzschuhe oder gelbe Ohrstöpsel für den Schallschutz. Sandsteinquader werden auf dem Ochsenkarren transportiert statt auf dem Tieflader, schwere Lasten mit dem Flaschenzug gehoben. Kein Wunder, dass es mit den Fundamenten der geplanten Abteikirche noch etwas dauert.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Auf dem 28 Hektar großen Waldgrundstück und der Campus-Baustelle herrscht kontemplative Stimmung. Besucher können auf dem zentralen Platz würzige Würstchen nach karolingischem Rezept kaufen. In einfachen Bauhütten arbeiten Schmiede, Steinmetze, Zimmerleute, Seilmacher und Korbflechter. Die Handwerker stellen Holzschindeln her, färben Webstoffe oder drechseln Räder. Einen Gutteil ihrer Zeit verbringen sie damit, Besuchern die mittelalterlichen Techniken zu erklären. Auf Feldern wachsen Hirse, Getreide, Saubohnen und sogar Melonen. In einem Gehege wird eine Schweinerasse gehalten, die den Tieren des Mittelalters ähneln soll.

          „Wir machen aus nichts ziemlich viel.“

          Vorbild des Projekts ist der St. Galler Klosterplan. Die Mönche auf der Reichenau zeichneten 819 für den St. Galler Abt Gozbert nur Grundrisse, keine dreidimensionalen Pläne. Sie ordneten Kathedrale, Aderlasshaus, Pilgerherberge, Kräutergarten, Apotheke und weitere fast 40 Gebäude auf dem künftigen Klostergelände an. Doch alles, was über den Grundriss hinausgeht, die Struktur des Mauerwerks etwa, die damals üblichen Dachkonstruktionen, die Technik des mittelalterlichen Fundamentbaus, müssen die Historiker und Architekten des Projekts in Meßkirch erst recherchieren und konstruieren. Ähnlich wie die Mönche damals entschieden sich die Initiatoren des in Deutschland einmaligen Projekts, mit dem Bau von Werkstätten und einer Holzkirche zu beginnen. Ein Teil des Kirchendachs ist schon gedeckt. Die Bauarbeiter, die schlichte Kleidung aus Leinen und Wolle tragen, sind gerade damit beschäftigt, Holzbohlen ins Fachwerk einzusetzen.

          „Wir haben bewusst nicht mit dem Bau der Abteikirche begonnen“, sagt Erik Reuter, der Historiker des Campus-Galli-Projekts. „Dann hätte man zehn Jahre nur gesehen, wie Fundamente gelegt werden. Für die Besucher wäre das uninteressant gewesen.“ Die Initiatoren sehen den Bau der Klosteranlage als kulturhistorisches Projekt, nicht als religiöses. Wer den Campus besucht, spürt schnell, dass im Mittelalter ein anderes Lebenstempo vorherrschte, dass die Menschen es verstanden, mit einfachen Materialien viel zu erreichen.

          Räuchern: Gearbeitet wird im Leinen-Look
          Räuchern: Gearbeitet wird im Leinen-Look : Bild: Soldt

          „Wir machen aus nichts ziemlich viel. Es wird nichts weggeworfen. Jeder kann sich fragen, wie man mit einfachen Mitteln etwas schaffen kann“, sagt Hans Lässig, der Ur- und Frühgeschichte studiert hat, als Bildhauer arbeitete und auf dem Campus nun als Drechsler tätig ist. Andreas Herzog, der in der Holzkirche damit beschäftigt ist, in das Fachwerk Bohlen einzupassen, versucht den Besuchern zu erklären, dass man vom Mittelalter auch etwas lernen kann: „Es wird immer gesagt, dass das Leben und Arbeiten im Mittelalter so gefährlich war, aber das glaube ich nicht. Wenn ich in einer modernen Werkstatt mit Maschinen arbeite, kann mir viel mehr passieren, weil ich unkonzentrierter bin und schneller arbeite.“

          Hoffnung auf 180.000 Besucher im Jahr

          Herzog lebte einige Zeit selbst als Mönch in einem Kloster, arbeitete dann als Schreiner und ist nun auf der Klosterbaustelle als Holzhandwerker beschäftigt. Von den fest angestellten Mittelalterhandwerkern haben die wenigsten das, was Reuter einen „linearen Lebenslauf“ nennt. Ein ehemaliger Betonbauer ist dabei, der heute als Schindelmacher arbeitet, oder eine frühere Langzeitarbeitslose, die nun als Seilmacherin eine interessante Beschäftigung gefunden hat.

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