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Australien : Kardinal George Pell aus dem Gefängnis entlassen

Kardinal George Pell vor Gericht vergangenen August Bild: AFP

Es ist das überraschende Ende eines spektakulären Prozesses: Australiens Höchstes Gericht kippt das Urteil gegen den höchsten katholischen Würdenträger, der jemals wegen Kindesmissbrauch verurteilt worden war.

          2 Min.

          Der australische Kardinal George Pell ist frei. Das Höchste Gericht des Landes hat am Dienstag der Berufung des 78 Jahre alten ehemaligen Finanzsekretärs im Vatikan stattgegeben. Pell war der höchste katholische Würdenträger, der jemals wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt worden war. Der Anklage zufolge sollte er in den neunziger Jahren zwei Chorknaben in der Sakristei der Kathedrale von Melbourne missbraucht haben.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Pell war zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, von denen er mindestens drei Jahre und acht Monate absitzen sollte. Nun wurde er statt frühestens im Oktober 2022 schon an diesem Dienstag aus dem Barwon-Gefängnis in Melbourne entlassen. Fernsehbilder zeigten, wie er in einem schwarzen Auto aus der Haftanstalt gefahren wurde.

          Der Kardinal hatte stets seine Unschuld beteuert. In einer ersten Reaktion bezeichnete Pell die Entscheidung des Gerichts als Heilmittel gegen die „ernsthafte Ungerechtigkeit“, die ihm widerfahren sei. Er hege keinen Groll gegen den Belastungszeugen und wolle nicht, dass sein Freispruch zum Schmerz und zur Bitterkeit beitrügen, die so viele fühlten. Aber sein Prozess dürfe nicht als Referendum über die katholische Kirche oder über den Umgang der australischen Kirchenbehörden mit Pädophilie gesehen werden. „Es ging darum, ob ich diese schrecklichen Verbrechen begangen hatte, und das habe ich nicht“, sagte Pell.

          Zweifel an der Schuld des Angeklagten

          Das Berufungsurteil am Dienstag erfolgte weniger als einen Monat nach der Anhörung. Die Richterin Susan Kiefel sprach es in einem Gerichtssaal in Brisbane, der aufgrund der wegen des Coronavirus geltenden Beschränkungen fast leer war. Die insgesamt sieben Richter befanden, dass die Geschworenen sowie das Berufungsgericht unter Berücksichtigung aller Beweismittel Zweifel an der Schuld des Angeklagten hätten haben müssen, hieß es in einer Zusammenfassung ihres Urteils. Es gebe „signifikante Möglichkeit, wonach eine unschuldige Person verurteilt worden sei“. Dabei wurde auf die Zeugen verwiesen, die ausgesagt hatten, dass es zur vermeintlichen Zeit nach der Sonntagsmesse gar keine Gelegenheit dafür gegeben habe, unbemerkt eine solche Tat zu begehen.

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          Das Urteil kommt wie ein Paukenschlag. Missbrauchsopfer und Aktivisten reagierten mit Entsetzen, weil ihrer Meinung nach ein verurteilter Kinderschänder freikommt, der in seinen Machtpositionen außerdem dafür gesorgt habe, dass der Missbrauch anderer über Jahrzehnte vertuscht worden war. Der harte Kern der Unterstützer, die Pell über Jahre die Treue gehalten hatten und in dem Prozess eine Hexenjagd sahen, sehen sich dagegen bestätigt. Zudem scheint auch der Vatikan richtig gehandelt zu haben, indem er dem Druck standhielt, dem Kardinal noch vor dem endgültigen Urteil seine Priesterwürden zu nehmen. Als „Vorsichtsmaßnahme“ hatte der Papst Pell allerdings schon 2017 vorerst untersagt, sein Priesteramt in der Öffentlichkeit auszuüben und in Kontakt mit Minderjährigen zu treten.

          Mutmaßliche Opfer planen Zivilklage

          Der Fall hatte in Australien „die Gemeinschaft gespalten“, wie sich eine Richterin in einem früheren Berufungsverfahren geäußert hatte. Pell wurde entweder als Symbol für die Verfehlungen der Kirche oder für deren vermeintliche Verfolgung gesehen. Allerdings heißt das Berufungsurteil nicht, dass Pell nun in Ruhe seinen Lebensabend verbringen kann. Wie die australische Presse berichtet, bereiten derzeit andere mutmaßliche Opfer eine Zivilklage gegen ihn vor.

          Außerdem waren aufgrund des Verfahrens Aussagen vor einer Untersuchungskommission zurückgehalten worden, die Aufschluss George Pells Rolle bei der Vertuschung von Missbrauchsfällen katholischer Priester und Ordensbrüder geben sollen. Diese Passagen können nun veröffentlicht werden. Auch ein kirchenrechtliches Verfahren des Vatikans gegen Pell läuft noch. Sein Mandat als Finanzchef war bereits automatisch ausgelaufen, und er war aus dem mächtigen Beratergremium des Papstes ausgeschlossen worden.

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