https://www.faz.net/-gum-80rxk

Missbrauchs-Vorwürfe : Yoga-Guru erzeugte Kultur der Angst

  • -Aktualisiert am

Charisma auch für Prominente: Bikram Choudhury 2012 in Los Angeles Bild: PIOTR REDLINSKI/The New York Tim

Um das legendäre Bikram-Yoga zu lernen, tingelten selbst Hollywood-Prominente zu Bikram Choudhury. Jetzt bekommt das Imperium des „American Yogi“ Risse: Sechs Frauen klagen den schwerreichen Inder wegen sexueller Übergriffe an.

          3 Min.

          Die ersten Risse bekam das Imperium des „American Yogi“ schon vor drei Jahren. Damals ließ der Autor Benjamin Lorr seine amerikanischen Landsleute an einer Odyssee mit Bikram Choudhury teilhaben, die ihn anfangs in ein New Yorker Yogastudio und später zu einem surreal anmutenden Seminar für künftige Yogalehrer nach Kalifornien führte. Wie Lorr unter dem Buchtitel „Hell-Bent“ beschrieb, beschränkte sich das „teacher training“ in San Diego keineswegs auf die 26 Positionen des Bikram-Yoga. Nach den Turnereien bei 40 Grad, eine Erinnerung an Choudhurys indische Heimatstadt Kalkutta, hatten die Kursteilnehmer dem Guru auch für Massagen, Haare kämmen und Filmnächte mit Bollywood-Produktionen zur Verfügung zu stehen. „Einige Frauen erzählten hinter vorgehaltener Hand von sexuellen Übergriffen durch Bikram. Sie hatten aber Angst, das öffentlich zu machen“, sagt Lorr im Gespräch mit der F.A.Z. „Erst als ,Hell-Bent‘ an der Fassade kratzte, trauten sie sich.“

          Den Anfang machte Sarah Baughn. Im März 2013 reichte die Neunundzwanzigjährige vor dem Obersten Bezirksgericht in Los Angeles eine Zivilklage gegen Choudhury, seine Ehefrau Rajashree und das Unternehmen Bikram’s Yoga College of India ein. Die Vorwürfe reichten von sexueller Belästigung über Verleumdung bis zur Diskriminierung bei der Arbeit. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Anklage zuvor abgelehnt, da Beweise fehlten. Wie Baughns Anwältin Mary Shea Hagebols schilderte, nutzte der 69 Jahre alte Guru ein Lehrerseminar im Jahr 2005, um ihrer Mandantin näherzukommen. „Während Bikram Choudhury vorgab zu helfen, drückte er sie auf den Boden, nachdem er bei ihr Bein und Arm auseinandergespreizt hatte. Er presste sich an sie und flüsterte ihr sexuelle Anspielungen ins Ohr, bis sie in Tränen ausbrach. Die anderen Schüler interpretierten ihr Schluchzen als Überforderung durch die Übung“, schrieb die Juristin.

          Von George Clooney und Demi Moore bis zu Madonna

          Als Baughn den Vorschlag einer sexuellen Beziehung weiterhin ausschlug, strafte Choudhury sie mit Verachtung. Bei Wettkämpfen trug er den Juroren angeblich auf, seiner vielfach ausgezeichneten Schülerin die ersten Plätze zu verweigern. „Bikram ist ein Narzisst, der Leute kontrollieren und manipulieren will. Dazu gehört, Frauen zu verführen“, sagt Lorr. In den Monaten nach Baughns Klage wandten sich vier weitere Schülerinnen mit Vergewaltigungsvorwürfen an den Superior Court. Die Klage, die die Kanadierin Jill Lawler dort jetzt als sechstes mutmaßliches Opfer einreichte, scheint das Imperium des Inders endgültig zu entzweien. Immer mehr amerikanische Studios streichen das mit hartem Training, Seminargebühren und Lizenzabgaben teuer erkaufte Attribut „Bikram“ aus dem Namen. „Die Community übte sich jahrelang in Verschwiegenheit, um die Marke zu schützen. Viele Mitglieder haben Jahre ihres Lebens geopfert und Zehntausende Dollars investiert“, sagt Lorr. Sein Buch erzürnte daher nicht nur Choudhurys Anwälte. „Ich bekam auch von Schülern böse Anrufe. Sie beschimpften mich als Parasiten und Wahnsinnigen.“

          Choudhury galt jahrzehntelang als Yogi Hollywoods. Nach bescheidenen Anfängen in einem Keller am Wilshire Boulevard vor 40 Jahren fanden sich mehr und mehr Prominente in den Studios ein. Zu den bekanntesten Anhängern des Bikram-Yoga, bei dem 90 Minuten lang 26 Positionen wie „Held“ und „Kamel“ geübt werden, gehören George Clooney, Demi Moore und Beyoncé. Der Schauspielerin Jennifer Aniston soll Choudhury nicht nur zu straffen Oberarmen verholfen haben. Durch Bikram-Yoga fand Aniston nach der Trennung von Brad Pitt angeblich auch das innere Gleichgewicht wieder. Selbst Madonna nahm mehr als ein paar Übungen mit. „Sie wollte Privatstunden. Das habe ich abgelehnt. Wer von mir lernen will, muss meine Klassen besuchen. Ego und Starallüren sollte man zu Hause lassen“, wetterte Choudhury.

          Atmosphäre der Angst

          Die Lizenzgebühren der etwa 600 Studios auf der Welt haben ihn längst mit seinen prominenten Anhängern gleichziehen lassen. Der Guru bewohnt mit seiner Ehefrau Rajashree und zwei fast erwachsenen Kindern eine etwa 1000 Quadratmeter große Villa in der kalifornischen Enklave Beverly Hills. „Er hat ein Faible für Materielles wie Uhren, Gold und Autos. In seiner Garage stehen etwa 40 Wagen, darunter Rolls-Royce-Limousinen und Bentleys“, sagt Lorr. „Das Wort Mäßigung kommt in seinem Vokabular nicht vor.“ Die neunwöchigen Lehrerseminare, die Choudhury zweimal im Jahr für etwa 11.000 Dollar anbietet, verfolgt er in der Regel von einem thronartigen Sitz. Zur knappen schwarzen Badehose trägt er dabei nur eine Rolex. „Selbst Leute, die ihn für eine Art Comicfigur halten, können sich nicht gegen sein Charisma wehren. Spätestens wenn man ihn erlebt, wird man von seiner Wandelbarkeit und seinem Gespür für Menschen überrascht“, erinnert sich der 36 Jahre alte Lorr an ein Seminar mit „Bikram“.

          Für viele Anhänger werde Yoga unter Choudhury schnell zu einer Art Kult. „Mit seiner Persönlichkeit zieht er Menschen an, die ihr Leben ändern wollen. Viele seiner Schüler haben Erfahrungen mit Drogen und Alkohol gemacht oder tragen ein Kindheitstrauma mit sich herum. Sie sind extrem verletzlich“, sagt Lorr. Die „Kultur der Angst“, die Choudhury mit einer Mischung aus Gehorsam, Überanstrengung und Unberechenbarkeit erzeuge, soll auch die sechs Klägerinnen dazu gebracht haben, nach den ersten Übergriffen weiter an Seminaren teilzunehmen. „Vor Gericht hängt der Erfolg nun davon ab, ob die Frauen der Jury diese Atmosphäre vermitteln können. Das könnte schwierig werden“, sagt Lorr. Als Erste versucht es die frühere Yogameisterin Sarah Baughn. Sie wird „Bikram“ zum ersten Mal seit Jahren im August vor dem Superior Court wiedersehen.

          Weitere Themen

          Razzia bei Politikern

          Kampf gegen ’Ndrangheta : Razzia bei Politikern

          Der Kampf gegen die kalabrische Mafia beeinflusst jetzt auch die Regierungskrise: Chefankläger Gratteri hat Razzien gegen weitere gut 50 Verdächtige veranlasst, die meisten von ihnen aus Politik und öffentlicher Verwaltung.

          Ein Brand in der größten Impfstoff-Fabrik

          In Indien : Ein Brand in der größten Impfstoff-Fabrik

          In der größten Fabrik der Welt für die Herstellung eines Impfstoffes gegen Corona ist in Indien ein verheerendes Feuer ausgebrochen. Fünf Menschen kamen ums Leben. Die Impfstoff-Produktion soll nicht betroffen sein.

          Topmeldungen

          Pandemie-Bekämpfung : Das Versagen der Schweiz

          In der Regierung in der Schweiz sitzen sieben Vertreter von vier Parteien, die ausgeprägt gegensätzliche Strategien zur Corona-Bewältigung verfolgen. Das Ergebnis ist eine einzige Peinlichkeit – und hat tödliche Folgen.

          Nach Trump : Wer Biden zuhört

          Wer befreit die moderate Rechte in Amerika aus dem Griff der Extremisten? Dem demokratischen Präsidenten allein kann das nicht gelingen. Aber eine bessere Gelegenheit als jetzt wird es so bald nicht geben.
          Ausnahmen für Abschlussklassen: Schüler eines geteilten Kurses der Oberstufe sitzen in einem Klassenraum der Graf-Anton-Günther-Schule in Oldenburg

          Beschluss der Kultusminister : Kein Rütteln am Abitur

          Abitur und andere Prüfungen finden statt, darauf einigen sich die Kultusminister – gegenseitig will man die Abschlüsse anerkennen. Weniger Prüfungen können für mehr Lernzeit sorgen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.