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Miss World vor 50 Jahren : „Grünäugig und mit Plato vertraut“

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Vor 50 Jahren wurde Petra Schürmann in London zur „Miss World“ gekürt. Als damals schönste Deutsche betrat sie den Laufsteg. In der F.A.Z beschrieb damals Roland Hill die glückliche Welt der Schönheitsköniginnen.

          Petra Schürmann war bislang die einzige Deutsche, die sich die Krone der schönsten Frau der Welt aufsetzen durfte. 50 Jahre ist es her, daß sie den Wettbewerb als „Miss World“ gewann. Roland Hill war damals mit dabei und beschrieb das Treiben so:

          „Einen Kuß von Israel und den Vereinigten Staaten für Deutschland, liebenswürdige Worte an die Engländer von Griechenland und Aegypten und ein einziges, alles überschattendes Politikum, nämlich die vitalen Maße der jungen Teilnehmerinnen des Wettbewerbs um die Wahl der „Miss Welt“ von 1956 - welche Aussichten eröffnen diese Fakten für die internationale Verständigung! 24 Nationen waren auf Geheiß eines Tanzklubs und einer, übrigens konservativen Sonntagszeitung nach London gekommen, um sich ihren Richtern zu zeigen, in eleganten Abendkleidern und Badeanzügen, mit kostbaren Frisuren, die eine schlaflose Nacht auf ,,chinesischen Kissen“ hinter sich hatten, um für den großen Abend frisch erhalten zu bleiben.

          Die Eine Welt, von der die Menschheit träumt, war Wirklichkeit geworden. Alle waren hübsch und jung, alle lächelten süß, alle hatten ähnliche Körpermaße. Die Vetos und Eifersüchteleien waren tief in schöne Busen hineinverbannt. Miss Germany, mit einem kleinen Glücksteddybären in ihrer heißen Hand, stand hilfsbereit Miss Frankreich zur Seite, an deren Badeanzug hinten etwas nicht stimmte, und bewahrte dann Miss Großbritannien vor dem Umfallen, da diese in einem viel zu engen langen roten Abendkleid erschienen war und kaum darin gehen konnte. Dabei ist dann nur recht und billig, daß Miss Germany zur Miss Welt gekrönt wurde.

          Brustumfang 91, Taille 51 und Hüften 84 Zentimeter

          „Miss Deutschland über alles“ lautete eine englische Zeitungsüberschrift am nächsten Morgen. Die Krone fiel ihr zwar beim ersten Aufsetzen neckisch herunter; aber bekanntlich ist das Königinsein nicht so einfach wie das Königinwerden. Sie heißt Petra Schürmann, wurde in Mönchen-Gladbach geboren und ist 23 Jahre alt. Der Vater ist Prokurist. Sie ist geistig in der Kölner Universität beheimatet bei Philosophie, Philologie und Geographie, sagte sie. Körperlich anscheinend vertritt sie mit gutem Recht die Interessen einer deutschen Strumpffabrik.

          Ob man ihre Mitstudenten und Professoren beneiden oder bedauern soll ob dieser Ablenkung in den Hörsälen, war in dem Londoner Rampenlicht nicht so einfach festzustellen. Sie schwärmt verständlicherweise für Plato, interessiert sich für Jazz, Reisen nach dem Osten, hat grüne Augen und brünettes, ehemals blondes Haar und gibt sich natürlich. Englische und amerikanische Reporter waren tief beeindruckt über Petra Schürmanns männliche Ideale. Klugheit und Ritterlichkeit verlangt sie; schön braucht er bei ihren eigenen Maßen - Brustumfang 91, Taille 51 und Hüften 84 Zentimeter - nicht zu sein.

          Dunkle Schönheit mit glitzerndem Sternenstaub

          Sechs junge Damen wurden von den 24 in die endgültige Auswahl aufgenommen. Miss Dänemark, ein nordischer Typ, Miss Amerika, das blonde „Pin up“ vom Columbia College in Südkarolina, Miss Schweden, groß und schlank, die Stenotypistin von Beruf ist und daher nur etwas versteinert-maskenhaft zu lächeln verstand. Die kleine Miss Japan, die ein besonderer Publikumserfolg war, und Miss Israel, eine dunkle Schönheit mit glitzerndem Sternenstaub auf ihren braunen Locken und Schultern. Ihr Vater war, hieß es, in Belsen umgebracht worden.

          Die Richter hatten es nicht leicht - selbst nicht bei Teilnahme der Herzogin von Bedford, Lady Eden, einer Schwägerin des Premiers, des Rennfahrers Stirling Moss und des angeblichen „schwedischen Eisbergs“ Anita Ekberg mit ihrem ebenso schönen Anthony Steel.

          Einen Scheck auf 500 Pfund und einen Sportwagen

          Das klassische Profil der Ekberg, das zeitweilig raffiniert von ihren bis auf die Schultern reichenden blonden Haaren verdeckt wurde, verriet angestrengtes Nachdenken. Manche im Publikum wollten ihr den ersten Preis geben. Aber schließlich erfolgte der Richterspruch, nachdem wir die anderen Schönheiten etwas zu viel von vorn und hinten gesehen hatten und ihre guten und weniger guten Punkte hatten notieren können, als den armen Mädchen selbst schon - wochenlange angestrengte Vorbereitungen waren vorausgegangen - der ganze Zirkus zum Halse heraushing und die Verdrießlichkeit hinter ihrem Lächeln immer deutlicher wurde.

          Für Miss Germany hat sich die Anstrengung gelohnt. Sie erhielt einen Scheck auf 500 Pfund und einen Sportwagen, den sie sehr liebevoll über die Windscheibe streichelte, als die Fotografen sie umdrängten. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Von den anderen Enttäuschten zeigte sich keine mehr vor der Kulisse des Londoner Tanzpalastes. Dahinter war Miss Oesterreich in Ohnmacht gefallen.“

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