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Miguel Herz-Kestranek : Der Mann mit den vielen Herzen

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Sein Erfolgsrezept – die Einsetzbarkeit von Charmeur bis Schurke – macht Miguel Herz-Kestranek künstlerisch so angreifbar. Bild: Müller, Andreas

Sein Ursprung: katholisch-jüdischer Industrieadel. Die Erziehung: geistreich, kultiviert, bildungsnah. Das Leben: Literatur, Politik, Bühne, Kino. Was, bitte, will Miguel Herz-Kestranek also bei Rosamunde Pilcher? Eine Annäherung.

          Der Mann ist ein Rätsel. Es beginnt schon mit der Anrede: Miguel Herz-Kestranek - was für ein widersprüchlicher Name. Wenn man ihn denn überhaupt richtig ausspricht. „Nicht Mi-gu-el.“ Mit heruntergezogenen Mundwinkeln fügt Herz-Kestranek imaginäre Gedankenstriche zwischen die Silben. „Gerade bei euch sagen das viele“, klagt er. Wir sitzen in einem Hamburger Luxushotel fernab seiner österreichischen Heimat, und er legt jene süffisante Boshaftigkeit an den Tag, die man wohl Wiener Schmäh nennt. Mehr rhetorisch fragt er: „Oder sagt wer zu Herrn Westerwelle Gu-i-do?“

          Nun, da gab es einen. Zum Gu-i-do zerhackte einst Joschka Fischer den Namen des politischen Erzfeindes, und sein Stakkato war stets eine Ohrfeige. Nun will sicher niemand, der Herz-Kestraneks Vornamen verunstaltet, ihn schlagen; es ist eher Ausdruck dessen, dass der Mann seinem Publikum auch im Karriereherbst noch merkwürdig fremd ist.

          Dabei blickt der Fernsehveteran mit 64 Jahren auf gut 160 Filme zurück. Auf internationale Kinoproduktionen wie „Klimt“ und nationale Straßenfeger wie „Die Wanderhure“. Auf Preisgekröntes wie die Romanadaption „Radetzkymarsch“ und Peinliches wie die Deppenserie „Cobra 11“. Auf seriöse Hauptrollen wie in der Gesellschaftssatire „Das Kapital“ und redundante Episodenauftritte à la „Der Fürst und das Mädchen“. Mit Weltstars wie Richard Burton, Vanessa Redgrave, Clint Eastwood und Schnulzensternchen wie Mark Keller, Christina Plate, Patrik Fichte.

          Symphonie und Oper statt Schnulze und Musical

          Miguel Herz-Kestranek macht aber auch erfolgreich Kabarett, er spielt Theater, gibt den Conférencier, hält Vorträge, betreibt Politik. Er forscht und singt und musiziert und liest und unterhält und redet, vor allem aber schreibt er. Unermüdlich, als Autor und Herausgeber, 13 Bücher bereits: Zeitgeschichtliches, Fiktionales, Biografisches, Anrührendes, Sachliches, Lustiges oder alles zusammen wie in seinem jüngsten Werk „Die Frau von Pollak oder Wie mein Vater jüdische Witze erzählte“. Es ist eine autobiographische Aufarbeitung seiner Beziehung zur jüdischen Verwandtschaft, und es erzählt die Historie der bedeutenden, verfolgten, emigrierten, zurückgekehrten, nicht völlig verarmten, aber doch arg gebeutelten Familien Herz/Kestranek aus Wien.

          Hierzulande aber kennt diesen Schauspieler im Grunde nur, wer freitagabends die ARD bevorzugt oder zwei Tage darauf das ZDF, wer sich also aufs seifige Parkett berechenbarer Seniorenbespaßung mit Titeln voll „Herz“ und „Liebe“, „Sehnsucht“ und „Regenbögen“, „weißen Segeln“ und „Möwen im Wind“ begibt, wer lieblos verfilmte Drehbuchödnis mag, schlicht im Tonfall, noch schlichter in der Bildsprache, schlichtweg zum Heulen - und Miguel Herz-Kestranek kann da auch noch ein paar drastischere Worte finden.

          Gemeinsam mit Anja Kruse spielt Herz-Kestranek in „Inga Lindström: Ein Wochenende in Söderholm“.

          Doch als sei dem Feingeist dies zuwider, nimmt er sie nicht bloß umgehend zurück, sondern greift auch noch zu den Erdnüssen auf dem barocken Hoteltisch, um die ruppigen Silben symbolisch herunterzuschlucken. Er mag das denken; er weiß aber auch, was ihm diese Art der Arbeit ermöglicht. Den Kern seiner Existenz nämlich, seiner Geschichte. Denn sein Leben, seine Herkunft, das ist für ihn nicht Schnulze, sondern Symphonie, nicht Musical, sondern ganz große Oper. Und die will ausgestattet werden. Sagt er.

          Jüdische Wurzeln, katholische Erziehung, buddhistische Erkenntnisse

          Als Spross einer österreichischen Industriellendynastie ist er 1948 im schweizerischen St. Gallen zur Welt gekommen. Wilhelm Kestranek, Vater seiner Mutter und von allen mit „der Große“ versehen, war Generaldirektor des größten Montankonzerns der k. u. k. Monarchie, väterlicherseits firmierte Opa Eugen Herz als Chef des landesweit führenden Eisenbahnunternehmens. Und beide Stränge waren nicht nur schwerreich, sie waren auch kunstsinnig, wissbegierig, musikalisch, gespickt mit Philosophen, Forschern, Avantgarde. „Es gab viel Geld zu verteilen in diesem Clan typischer Vertreter des assimilierten jüdischen Wiener Großbürgertums“, erinnert sich der Enkel, „aber auch viel Kultur.“

          Bis 1938, bis zum „Anschluss“ Österreichs, der sich für beide Familien als Anfang vom Ende erwies. Miguel Herz-Kestraneks Vater musste emigrieren, kehrte nach dem Krieg enteignet und verbittert zurück, brachte aber eine Frau und einen Sohn mit exotischem Namen mit, Erinnerung ans Exil in Uruguay. Geboren in eine „traditionsliebende Diskussionswelt“, wie der Nachfahre sie umschreibt, „in der es von interessanten Menschen aus der ganzen Welt und aus den verschiedensten Schichten und Berufen nur so wimmelte“, war das Dynastische der Herz-Kestraneks jedoch Geschichte.

          Doch Flucht, Vertreibung und deren Ursachen wurden neben der Schauspielerei, die den Eltern ganz recht war, zu seinem Lebensinhalt. In vierzig Jahren Bühnen- wie Filmkarriere hat sich der „jüdische Buddchrist mit jüdischen Wurzeln, katholischer Erziehung und buddhistischen Erkenntnissen“, wie er sich beschreibt, zusehends in den Dienst dieser Herkunftsgeschichte gestellt: Die Konversion seiner Mutter, die ihn streng ausgelegt zum Juden machte, das christliche Erbe, in dem er seine Tochter taufte - all dies war Ansporn seiner autobiographisch geprägten Studien. Hinzu kam ein Verlustgefühl. Denn Hitler, betont er, habe Deutschland ja weniger äußerlich als im Inneren zerstört: Identität, Charme, Humor, Mut, Charakter, Sprache, Kultur - „alles weg“.

          Mit Ruhm und rotem Teppich nichts am Hut

          Deshalb schreibt Miguel Herz-Kestranek ständig Bücher, die in den Trümmern nach Resten kultureller Werte suchen: vom Geist des „Weana Gmüats“ bis zur Überlebensstrategie jüdischen Humors oder die Lyrik der Emigration. Kein Wunder, dass der Verfasser nicht nur Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung ist, sondern diese Position auch zehn Jahre lang im PEN-Club seiner Heimat innehatte. Herz-Kestranek leitet europapolitische Gremien und historische Forschungszirkel, verfasst politische Zeitungskommentare und Reden, bringt sich in Diskurse ein oder eröffnet selber welche. „So wie andere ins Kino oder Theater gehen“, er streicht seine graue Dirigentenwelle nach hinten, „sitze ich in Vorträgen oder Symposien.“

          Doch der Träger des „Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst“ kann eben auch profaner. Er hat den Österreichischen Filmschauspielerverband gegründet, ist Trachtenbotschafter seines Landes und betreibt die weltgrößte Website mit Schüttelreimen. Einer von Tausenden darauf lautet: „Im Fernsehen nix als Ehedramen / Deswegen aus ich drehe! Amen.“ Nach diesem Motto müsste sich Herz-Kestranek häufig selbst abschalten. Was die Frage aufwirft: Warum eigentlich macht ein so gebildeter Mensch, der mit Polohemd zum Anzug und Dreitagebart zur Hornbrille versiert zwischen den Stilen wandelt, warum nur macht so einer diesen Fernsehmüll, wo Liebe im Alpenglühen stets durch irgendwelche Mägen geht?

          Miguel Herz-Kestranek mit Eleonore Weisgerber in „Im Tal der wilden Rosen - Was das Herz befiehlt“.

          Da lächelt er aus schmalen Lippen, aus diesem schönen gelebten Gesicht mit engen Augen, dem das Alter eher Charisma als Verfall eingeprägt hat. Er lächelt vielleicht etwas scheu, fast schuldbewusst, doch dann kräuselt er die wettergegerbte Stirn und antwortet achselzuckend: „Die Miete muss eben gezahlt werden.“ Wer allerdings sieht, wofür genau, gerät doch ins Stutzen. Ob einem Morgenmagazin des ZDF oder einem Abendmagazin im Ersten - Herz-Kestranek zeigt jedem bereitwillig seine prächtige, mit alten Büchern vollgestopfte Altbauwohnung im 8. Wiener Bezirk, die er nur zum Drehen, Theaterspielen oder Abschalten in der Familienresidenz am Wolfgangsee verlässt. Nicht grad eine Spitzwegsche Studierhöhle, eher Wiener Haute-volee - auch wenn er mit Ruhm und roten Teppichen angeblich nichts am Hut hat, die Bezeichnung „Promi“ als „Proletenadel“ ablehnt und bei jeder Gelegenheit die Anekdote erzählt, er sei nach der Wahl zu Austrias liebstem „Tatort“-Ermittler Mitte der Achtziger sofort ausgestiegen.

          „Ich genieße die Gegensätze“

          Immerhin, es nagt der Zweifel am gelernten Theaterschauspieler, der gleich nach seinem letzten Jahresvertrag vor 31 Jahren auf Solokünstler umsattelte und seither eine nationale Bühnengröße ist, von rauchigem Hinterzimmer bis Salzburger Festspiele. „Die seichten Stoffe fallen mir zunehmend schwer“, sagt er. Das Lesen der meisten Drehbücher sei qualvoller als ihre Umsetzung, wo man Kollegen zuzwinkere und nach ein paar Tagen am Set die Gage nehme und gehe. Sein Erfolgsrezept - die Einsetzbarkeit von Charmeur bis Schurke, Liebhaber bis Großvater - macht ihn künstlerisch so angreifbar. Ein Schicksal, das er mit großartigen Schauspielerkollegen teilt.

          “Ich genieße die Gegensätze“, sagt Miguel Herz-Kestranek beim nächsten Griff in die Erdnüsse, der dem Weltenbummler auf Zwischenstopp an der Alster das Mittagessen ersetzt, „aber es ist eine gehörige Portion Resignation dabei, wenn ich wieder mal mein Geld mit Dingen verdiene, mit denen ich mich kaum identifiziere.“

          Mehr identifizieren könnte er sich da schon mit einem Sitz im Europaparlament. Auch ein eigener Verlag würde ihn reizen, vielleicht eine kleine Talkshow bei 3sat, „so Minderheitenfernsehen“. Oder doch lieber dies: „Das Holzschindeldach meiner Badehütte neu decken und Holz für den Winter schlagen.“ Zuvor aber will er weiter gediegene Bücher schreiben und harmlose Filme drehen. Weil ihm an der deutschen Sprache gelegen ist und daran, sich diese brotlose Kunst auch leisten zu können. Es schlagen eben, ach, ein paar Dutzend Herzen in Miguel Herz-Kestraneks Brust. Das macht ihn so schwer zu greifen, zu begreifen. Oder um mit Frau Pollak, einer Figur aus seinem jüngsten Buch, zu reden: „Einmal nennt mich mein Mann Gans, einmal Engel - also a Geflügel bin ich auf jeden Fall.“

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