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Miguel Herz-Kestranek : Der Mann mit den vielen Herzen

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Doch der Träger des „Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst“ kann eben auch profaner. Er hat den Österreichischen Filmschauspielerverband gegründet, ist Trachtenbotschafter seines Landes und betreibt die weltgrößte Website mit Schüttelreimen. Einer von Tausenden darauf lautet: „Im Fernsehen nix als Ehedramen / Deswegen aus ich drehe! Amen.“ Nach diesem Motto müsste sich Herz-Kestranek häufig selbst abschalten. Was die Frage aufwirft: Warum eigentlich macht ein so gebildeter Mensch, der mit Polohemd zum Anzug und Dreitagebart zur Hornbrille versiert zwischen den Stilen wandelt, warum nur macht so einer diesen Fernsehmüll, wo Liebe im Alpenglühen stets durch irgendwelche Mägen geht?

Miguel Herz-Kestranek mit Eleonore Weisgerber in „Im Tal der wilden Rosen - Was das Herz befiehlt“.

Da lächelt er aus schmalen Lippen, aus diesem schönen gelebten Gesicht mit engen Augen, dem das Alter eher Charisma als Verfall eingeprägt hat. Er lächelt vielleicht etwas scheu, fast schuldbewusst, doch dann kräuselt er die wettergegerbte Stirn und antwortet achselzuckend: „Die Miete muss eben gezahlt werden.“ Wer allerdings sieht, wofür genau, gerät doch ins Stutzen. Ob einem Morgenmagazin des ZDF oder einem Abendmagazin im Ersten - Herz-Kestranek zeigt jedem bereitwillig seine prächtige, mit alten Büchern vollgestopfte Altbauwohnung im 8. Wiener Bezirk, die er nur zum Drehen, Theaterspielen oder Abschalten in der Familienresidenz am Wolfgangsee verlässt. Nicht grad eine Spitzwegsche Studierhöhle, eher Wiener Haute-volee - auch wenn er mit Ruhm und roten Teppichen angeblich nichts am Hut hat, die Bezeichnung „Promi“ als „Proletenadel“ ablehnt und bei jeder Gelegenheit die Anekdote erzählt, er sei nach der Wahl zu Austrias liebstem „Tatort“-Ermittler Mitte der Achtziger sofort ausgestiegen.

„Ich genieße die Gegensätze“

Immerhin, es nagt der Zweifel am gelernten Theaterschauspieler, der gleich nach seinem letzten Jahresvertrag vor 31 Jahren auf Solokünstler umsattelte und seither eine nationale Bühnengröße ist, von rauchigem Hinterzimmer bis Salzburger Festspiele. „Die seichten Stoffe fallen mir zunehmend schwer“, sagt er. Das Lesen der meisten Drehbücher sei qualvoller als ihre Umsetzung, wo man Kollegen zuzwinkere und nach ein paar Tagen am Set die Gage nehme und gehe. Sein Erfolgsrezept - die Einsetzbarkeit von Charmeur bis Schurke, Liebhaber bis Großvater - macht ihn künstlerisch so angreifbar. Ein Schicksal, das er mit großartigen Schauspielerkollegen teilt.

“Ich genieße die Gegensätze“, sagt Miguel Herz-Kestranek beim nächsten Griff in die Erdnüsse, der dem Weltenbummler auf Zwischenstopp an der Alster das Mittagessen ersetzt, „aber es ist eine gehörige Portion Resignation dabei, wenn ich wieder mal mein Geld mit Dingen verdiene, mit denen ich mich kaum identifiziere.“

Mehr identifizieren könnte er sich da schon mit einem Sitz im Europaparlament. Auch ein eigener Verlag würde ihn reizen, vielleicht eine kleine Talkshow bei 3sat, „so Minderheitenfernsehen“. Oder doch lieber dies: „Das Holzschindeldach meiner Badehütte neu decken und Holz für den Winter schlagen.“ Zuvor aber will er weiter gediegene Bücher schreiben und harmlose Filme drehen. Weil ihm an der deutschen Sprache gelegen ist und daran, sich diese brotlose Kunst auch leisten zu können. Es schlagen eben, ach, ein paar Dutzend Herzen in Miguel Herz-Kestraneks Brust. Das macht ihn so schwer zu greifen, zu begreifen. Oder um mit Frau Pollak, einer Figur aus seinem jüngsten Buch, zu reden: „Einmal nennt mich mein Mann Gans, einmal Engel - also a Geflügel bin ich auf jeden Fall.“

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