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Miguel Herz-Kestranek : Der Mann mit den vielen Herzen

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Jüdische Wurzeln, katholische Erziehung, buddhistische Erkenntnisse

Als Spross einer österreichischen Industriellendynastie ist er 1948 im schweizerischen St. Gallen zur Welt gekommen. Wilhelm Kestranek, Vater seiner Mutter und von allen mit „der Große“ versehen, war Generaldirektor des größten Montankonzerns der k. u. k. Monarchie, väterlicherseits firmierte Opa Eugen Herz als Chef des landesweit führenden Eisenbahnunternehmens. Und beide Stränge waren nicht nur schwerreich, sie waren auch kunstsinnig, wissbegierig, musikalisch, gespickt mit Philosophen, Forschern, Avantgarde. „Es gab viel Geld zu verteilen in diesem Clan typischer Vertreter des assimilierten jüdischen Wiener Großbürgertums“, erinnert sich der Enkel, „aber auch viel Kultur.“

Bis 1938, bis zum „Anschluss“ Österreichs, der sich für beide Familien als Anfang vom Ende erwies. Miguel Herz-Kestraneks Vater musste emigrieren, kehrte nach dem Krieg enteignet und verbittert zurück, brachte aber eine Frau und einen Sohn mit exotischem Namen mit, Erinnerung ans Exil in Uruguay. Geboren in eine „traditionsliebende Diskussionswelt“, wie der Nachfahre sie umschreibt, „in der es von interessanten Menschen aus der ganzen Welt und aus den verschiedensten Schichten und Berufen nur so wimmelte“, war das Dynastische der Herz-Kestraneks jedoch Geschichte.

Doch Flucht, Vertreibung und deren Ursachen wurden neben der Schauspielerei, die den Eltern ganz recht war, zu seinem Lebensinhalt. In vierzig Jahren Bühnen- wie Filmkarriere hat sich der „jüdische Buddchrist mit jüdischen Wurzeln, katholischer Erziehung und buddhistischen Erkenntnissen“, wie er sich beschreibt, zusehends in den Dienst dieser Herkunftsgeschichte gestellt: Die Konversion seiner Mutter, die ihn streng ausgelegt zum Juden machte, das christliche Erbe, in dem er seine Tochter taufte - all dies war Ansporn seiner autobiographisch geprägten Studien. Hinzu kam ein Verlustgefühl. Denn Hitler, betont er, habe Deutschland ja weniger äußerlich als im Inneren zerstört: Identität, Charme, Humor, Mut, Charakter, Sprache, Kultur - „alles weg“.

Mit Ruhm und rotem Teppich nichts am Hut

Deshalb schreibt Miguel Herz-Kestranek ständig Bücher, die in den Trümmern nach Resten kultureller Werte suchen: vom Geist des „Weana Gmüats“ bis zur Überlebensstrategie jüdischen Humors oder die Lyrik der Emigration. Kein Wunder, dass der Verfasser nicht nur Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung ist, sondern diese Position auch zehn Jahre lang im PEN-Club seiner Heimat innehatte. Herz-Kestranek leitet europapolitische Gremien und historische Forschungszirkel, verfasst politische Zeitungskommentare und Reden, bringt sich in Diskurse ein oder eröffnet selber welche. „So wie andere ins Kino oder Theater gehen“, er streicht seine graue Dirigentenwelle nach hinten, „sitze ich in Vorträgen oder Symposien.“

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