https://www.faz.net/-gum-9czrk

Middleton trägt Teekleider : Ein Modetrend zum Grenzensetzen

  • -Aktualisiert am

Stoffgewordene Souveränität: Ja, das kann ein Kleidungsstück bieten, jedenfalls wenn Ärmel und Saum stimmen. Bild: Getty

Bedeckte Knie und schwingende Röcke statt knallenger Hotpants und bauchfreier Trägertops: Teekleider bringen ein bisschen Retro-Charme in diesen Sommer. Kurven werden betont, aber nicht zur Schau gestellt.

          7 Min.

          Blumen in den leicht gewellten Haaren, wenig Make-up, entspannte Pose. So präsentieren drei Models den Sommertrend: leichte Kleider in Midi-Länge, mit ausgestellten Röcken und kurzen Ärmeln. Rot-weiße Längsstreifen zieren eines der Kleider, in der hoch sitzenden Taille verwandeln sie sich in Querstreifen. Das hellblaue Modell daneben kommt ohne Muster aus, dafür sind Knöpfe, Manschetten und die Taschen am locker fallenden Rock mit angedeuteten Rüschen versehen. Ganz rechts im Bild bedecken rote Rosen auf grünen Blättern den Stoff eines Kleides mit V-Ausschnitt.

          Drei Kleider, die sich für noch viel mehr Gelegenheiten eignen: mit hohen Schuhen für Hochzeiten und festliche Empfänge, zu Ballerinas fürs Büro und das Geschäftsessen, mit flachen Sandalen und Korbtasche für den Spaziergang am Strand, im Park oder durch die Stadt. Das Foto dieser textilen Multitalente könnte aus aktuellen Kampagnen des italienischen Labels Dolce & Gabbana entsprungen sein. Aus jenen der österreichischen Designerin Lena Hoschek, ihres Düsseldorfer Kollegen Steffen Schraut oder einer der großen Ketten wie Topshop oder Zara.

          Sie alle setzen spätestens seit diesem Sommer auf luftige und zugleich adrett anmutende Midikleider und schaffen damit eine Alternative zu knappen Hotpants, ständig verrutschenden Trägertops und zu Businesskostümen, die bei hohen Temperaturen schnell zu einer schweißtreibenden Angelegenheit werden.

          Die 1940er-Jahre sind zurück

          Besagtes Foto stammt jedoch aus einem Katalog für Sommermode der amerikanischen Warenhauskette Sears – erschienen in den frühen vierziger Jahren. Angepriesen werden hier Nachmittagskleider, im britischen Sprachraum auch als Tea-Dresses, also Tee-Kleider, bekannt. In den Vierzigern wurden sie zum unerlässlichen Bestandteil der Garderobe von Frauen aller Gesellschafts- und Altersklassen und keineswegs nur zur Teestunde getragen.

          Typisch für diese Art von Kleidern sind ein mindestens bis zum Knie reichender, in A-Linie fallender Rock, eine hohe Taille und durch kurze oder lange Ärmel betonte, in jedem Falle bedeckte Schultern. Oft zieht sich eine Knopfleiste vom Ausschnitt bis zum Saum der Kleider aus Jersey oder Rayon, die schon vor sechs Jahrzehnten von Streifen über Blumen bis zu Punkten ebenso liebliche Muster zierten wie heute.

          Was Herzogin Kate trägt ist schnelle ausverkauft

          Die damalige Mustervielfalt hatte ihren Ursprung in den Rationierungen während des Zweiten Weltkriegs, die auch Stoffe für Kleidung betrafen. Viele Couture-Häuser schlossen in dieser Zeit ganz. Wer es sich leisten konnte, kaufte bei Ketten wie Sears ein. Viele Frauen aber nähten ihre Kleider selbst und verwendeten dafür die Stoffe, die eben gerade da waren.

          Auch die Midi-Länge entstand dank knapper Materialien: Um Stoff zu sparen, rutschte der Saum von der anfänglichen Knöchellänge langsam aber sicher immer höher. Magazine wie „Simplicity“ veröffentlichten Schnittmuster. Für die Autoren lagen die Vorteile von Tee- und Blusenkleidern schon damals auf der Hand: „Feminin und hübsch, ohne zu ‚dressed-up‘ auszusehen, löst das Modell Ihr Problem, ein Kleid für den Nachmittag und das Dinner im Hotel zu finden“, heißt es in einem solchen Heft.

          Heute kostet so manches Nachmittagskleid bei einer großen Kette weniger als der Stoff, den es für seine Herstellung an der eigenen Nähmaschine bräuchte. Bei Primark und Forever 21 sind sie, versehen mit Blumendruck, für weniger als 20 Euro zu haben, bei H&M für knapp 50 Euro. Nach oben gibt es wie immer in der Mode keine Grenzen. Eine schwarz-weiß gestreifte und mit bunten Blumen bestickte Variante von Saloni gibt es für rund 800 Euro, Carolina Herreras gelbes Teekleid mit pinkfarbenem Blumendruck knackt die 2000-Euro-Grenze.

          Die Designerin Lena Hoschek aus Wien zeigte im Juli auf der Berliner Fashion Week neben Tea-Dresses auch knielange, mit leuchtend gelben Bananenstauden bedruckte Blusenkleider. Hoschek ist für einen von den vierziger und fünfziger Jahren inspirierten Stil und die Betonung weiblicher Kurven bekannt. „Die Sanduhr-Silhouette ist einfach die schmeichelhafteste für Frauen, und das in jeder Größe“, findet Hoschek, die ihr Label 2005 gründete.

          Bequem und schön kein Widerspruch

          Dass sie sich mit ihren Entwürfen, die den Körper eher umschmeicheln als ihn zur Schau zu stellen, mit jeder Saison in größerer Gesellschaft befindet, überrascht die Designerin nicht. „Dass bequeme Mode durchaus schön sein kann, lange Kleider auch zu Turnschuhen gut aussehen können und High-Fashion auch auf der Straße getragen werden kann, haben der breiten Masse vor allem Bloggerinnen gezeigt.

          Wer tagsüber ein langes Kleid trägt, wird schon lange nicht mehr schief angeschaut. Heute ist modisch alles möglich. Und das ist wunderbar.“ Frauen fühlten sich von diesem Stil weniger unter Druck gesetzt, den eigenen Körper ständig auf Minirock-Tauglichkeit zu konditionieren. Und Männer gefalle die klassische Silhouette auch noch. „Das ist ja nicht bei jedem Mode-Phänomen der Fall“, sagt Hoschek und lacht.

          Stellt der Körper nicht zur Schau: Kleid von Lena Hoschek

          Auch Steffen Schraut setzt nicht erst seit dieser Saison auf Midi statt Mini. „Meine Kundinnen möchten city- und bürotaugliche Kleider, mit denen sie abends auch noch auf eine Party gehen können“, sagt der Designer, der seine Entwürfe grundsätzlich von Größe 34 bis 46 produzieren lässt – und sie am liebsten an Frauen aller Altersklassen sieht.

          „Das Alter wird zu einer immer unwichtigeren Kategorie, die Grenzen sind heute fließend“, findet Schraut. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wirkt der aktuelle Trend, der Schultern, Oberarme und Oberschenkel ganz nonchalant verhüllt, wie eine textilgewordene Win-win-Situation: Die Anbieter erweitern ihre Zielgruppe, Kundinnen jenseits der sechzig haben endlich mehr Auswahl, Mütter und Töchter können Kleider tauschen.

          Geadelte Tee-Kleider

          Hemdblusen- und Teekleider erobern vehement die sommerlichen Straßen, da können Modemagazine sie noch so oft augenzwinkernd als „Spießer-Kleider“ und „Granny-Look“ bezeichnen. Kein Wunder, gilt doch ein Hauch von Vintage spätestens seit Kate Moss ganz offiziell als cool. Sie war es, die 2007 den Begriff des Tea-Dresses langsam ins öffentliche Bewusstsein zurückholte, als sie für die britische Kette Topshop eine Kollektion entwarf. Zu der gehörte auch eine ultrakurze Variante des Teekleides. Doch den Weg für die aktuelle Wiederbelebung der Silhouette und der Midi-Länge bahnte eine andere Kate: die Herzogin von Cambridge.

          Was Kate Middleton trägt, ist innerhalb von Minuten ausverkauft. Der sogenannte „Kate-Effekt“ ist auch deshalb so groß, weil die Herzogin sich oft in Kleidern zeigt, die in ein ganz bürgerliches Budget passen. So wie das blau-weiß gestreifte Midi-Kleid mit Knopfleiste, Gürtel und kurzen Flatterärmeln von Zara, das sie im Juni bei einem Polo-Turnier trug. Und so wie das gepunktete Kleid mit Dreiviertelärmeln des britischen Online-Shops Asos für rund 50 Euro. Mit rund 540 Euro war ihr grünes, mit weißen Blumen übersätes Teekleid des britischen Labels Suzannah teurer, dafür trug Kate es allein im Jahr 2014 immerhin bei drei Anlässen.

          Mit Grenzen Souveränität ausstrahlen

          Zum femininen, aber nie aufreizenden, die Etikette wahrenden und immer auch ein bisschen pragmatisch anmutenden Stil der mittlerweile dreifachen Mutter gehören Blusen- und Teekleider so selbstverständlich wie die stets perfekt geföhnte Haarpracht. Bei der Begrüßung von Staatsoberhäuptern kann eine zukünftige Königin schließlich nicht Spaghetti-Träger oder Miniröcke zurechtzupfen.

          Nachmittagskleid, das auch am Abend passt: Steffen Schraut.

          „Sind die Schultern und die Knie bedeckt, fühlt man sich auch in offiziellem Rahmen richtig angezogen, aber trotzdem schön und weiblich. Man setzt Grenzen und strahlt dadurch noch mehr Souveränität aus“, sagt Steffen Schraut, in dessen Düsseldorfer Showroom für den kommenden Sommer so viele Tee- und Blusenkleider wie lange nicht mehr hängen - und sich während der Modemesse im Juli als Bestseller seiner neuen Kollektion entpuppten. Mittlerweile seien die Schnittformen der Kleider so gut, dass auch niemand mehr befürchten müsse, unter wallenden Stoffbahnen zu versinken, sagt Schraut.

          #MeToo-Debatte fördert Durchbruch

          Am Bügel mutet manches Kleid brav, bisweilen sogar bieder an. Doch zu Turn- oder Herrenschuhen und Lederjacke wirkt es plötzlich cool. Da überrascht es auch nicht, dass das Phänomen ausgerechnet jetzt, in einer Zeit von wieder entflammten Feminismus- und „#MeToo“- Debatten, um sich greift.

          Es sei ironisch, befand die „Financial Times“ 2013, als sich das Comeback der züchtigen Kleider bereits leise anbahnte, dass eines der Lieblingskleidungsstücke erfolgreicher Unternehmerinnen wie der Designerin Tory Burch, der Auktionatorin Kerry Taylor und der Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“, Anna Wintour, ausgerechnet aus einer Zeit stamme, in der Frauen noch größtenteils an Haus und Küche „gekettet“ gewesen seien.

          Kleid für das Einverständnis der Schwiegermutter

          Doch die Neu-Interpretation der Kleidung vorheriger Generationen sei eben charakteristisch für die Mode. Wohl wahr. Vermutlich würden wir heute allesamt Kniebundhosen tragen, wären „sansculottes“ nicht seit dem frühen 19. Jahrhundert von ihrem Ruf als Beinkleid der einfachen Leute befreit worden. Mit dem Frauenbild der vierziger Jahre kann Steffen Schraut jedenfalls nicht viel anfangen: „Damals waren Frauen auf eine ganz bestimmte häusliche Rolle festgelegt, Individualität war nicht erwünscht.“ Die Inspiration für seine Tee- und Tageskleider sei schlicht dem Wunsch entsprungen, schöne und zugleich tragbare Mode für selbstbewusste Frauen zu machen.

          Pippa Middleton und ihr Mann James Matthews

          Diese Motivation spielte schon bei der Wiederbelebung eines anderen Klassikers eine Rolle. 1974 perfektionierte Diane von Fürstenberg das Wickelkleid und machte es für Frauen jeder Konfektionsgröße und Altersklasse so vorteilhaft, dass CNN Fürstenbergs knielange Version aus Jersey-Stoff noch vierzig Jahre später als „Demokratie in einem Kleid“ feierte. Bis heute passt es im Büro und beim Date gleichermaßen. Legendär ist der Satz, mit dem die Designerin selbst ihren Entwurf beschrieb: Es sei „die Sorte Kleid, mit dem du den Mann verführst und seine Mama nichts dagegen hat“.

          Kardashians Sanduhr-Silhouette ohne formende Unterwäsche

          Und diese Sorte Kleid betont, genau wie seine etwas zugeknöpfteren Kleiderkollegen, einen Körperteil, der schon seit einigen Jahren wieder zum Blickfang wird: die Taille. Dass die immer wichtiger wird, führt Lena Hoschek vor allem auf eine Familie zurück, die sonst nicht unbedingt für züchtige Eleganz bekannt ist, nämlich die Kardashians.

          Tatsächlich machten Kim, Kylie, Khloé und ihre Schwestern aus der extremen Sanduhr-Silhouette ein Schönheitsideal für Millionen junger Frauen weltweit. Wer gerade im Sommer aber lieber doch auf formende Unterwäsche verzichten möchte, wie sie der Kardashian-Clan trägt, betont die eigene Taille eben mit den hohen, ausgestellten und weit schwingenden Röcken von Tee-, Blusen- und Wickelkleidern.

          Midi-Trend ist modern, nicht spießig

          Noch umflattern sie vor allem Knie und Waden ihrer Trägerinnen, doch auch als Mini-Variante sind sie zu finden. Die Tendenz zu knappen Schnitten werde in der Mode nie ganz versiegen, ist Lena Hoschek überzeugt. Das habe weniger stilistische als ökonomische Gründe, schließlich brauche es für ein kurzes Kleid weit weniger Stoff als für ein langes.

          Mit jedem Zentimeter Stoff weniger schwinden aber auch die Einsatzmöglichkeiten: Ein hochwehender Minirock oder hauchdünne Träger lassen sich schwer an Ort und Stelle halten, wenn man Laptoptasche oder Einkaufskorb in der einen und Handy oder Babytragetasche in der anderen Hand hält. Und plötzlich mutet der so nostalgisch wirkende Midi-Trend alles andere als spießig und bieder an, sondern sehr modern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.