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Middleton trägt Teekleider : Ein Modetrend zum Grenzensetzen

  • -Aktualisiert am

Stoffgewordene Souveränität: Ja, das kann ein Kleidungsstück bieten, jedenfalls wenn Ärmel und Saum stimmen. Bild: Getty

Bedeckte Knie und schwingende Röcke statt knallenger Hotpants und bauchfreier Trägertops: Teekleider bringen ein bisschen Retro-Charme in diesen Sommer. Kurven werden betont, aber nicht zur Schau gestellt.

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          Blumen in den leicht gewellten Haaren, wenig Make-up, entspannte Pose. So präsentieren drei Models den Sommertrend: leichte Kleider in Midi-Länge, mit ausgestellten Röcken und kurzen Ärmeln. Rot-weiße Längsstreifen zieren eines der Kleider, in der hoch sitzenden Taille verwandeln sie sich in Querstreifen. Das hellblaue Modell daneben kommt ohne Muster aus, dafür sind Knöpfe, Manschetten und die Taschen am locker fallenden Rock mit angedeuteten Rüschen versehen. Ganz rechts im Bild bedecken rote Rosen auf grünen Blättern den Stoff eines Kleides mit V-Ausschnitt.

          Drei Kleider, die sich für noch viel mehr Gelegenheiten eignen: mit hohen Schuhen für Hochzeiten und festliche Empfänge, zu Ballerinas fürs Büro und das Geschäftsessen, mit flachen Sandalen und Korbtasche für den Spaziergang am Strand, im Park oder durch die Stadt. Das Foto dieser textilen Multitalente könnte aus aktuellen Kampagnen des italienischen Labels Dolce & Gabbana entsprungen sein. Aus jenen der österreichischen Designerin Lena Hoschek, ihres Düsseldorfer Kollegen Steffen Schraut oder einer der großen Ketten wie Topshop oder Zara.

          Sie alle setzen spätestens seit diesem Sommer auf luftige und zugleich adrett anmutende Midikleider und schaffen damit eine Alternative zu knappen Hotpants, ständig verrutschenden Trägertops und zu Businesskostümen, die bei hohen Temperaturen schnell zu einer schweißtreibenden Angelegenheit werden.

          Die 1940er-Jahre sind zurück

          Besagtes Foto stammt jedoch aus einem Katalog für Sommermode der amerikanischen Warenhauskette Sears – erschienen in den frühen vierziger Jahren. Angepriesen werden hier Nachmittagskleider, im britischen Sprachraum auch als Tea-Dresses, also Tee-Kleider, bekannt. In den Vierzigern wurden sie zum unerlässlichen Bestandteil der Garderobe von Frauen aller Gesellschafts- und Altersklassen und keineswegs nur zur Teestunde getragen.

          Typisch für diese Art von Kleidern sind ein mindestens bis zum Knie reichender, in A-Linie fallender Rock, eine hohe Taille und durch kurze oder lange Ärmel betonte, in jedem Falle bedeckte Schultern. Oft zieht sich eine Knopfleiste vom Ausschnitt bis zum Saum der Kleider aus Jersey oder Rayon, die schon vor sechs Jahrzehnten von Streifen über Blumen bis zu Punkten ebenso liebliche Muster zierten wie heute.

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          Die damalige Mustervielfalt hatte ihren Ursprung in den Rationierungen während des Zweiten Weltkriegs, die auch Stoffe für Kleidung betrafen. Viele Couture-Häuser schlossen in dieser Zeit ganz. Wer es sich leisten konnte, kaufte bei Ketten wie Sears ein. Viele Frauen aber nähten ihre Kleider selbst und verwendeten dafür die Stoffe, die eben gerade da waren.

          Auch die Midi-Länge entstand dank knapper Materialien: Um Stoff zu sparen, rutschte der Saum von der anfänglichen Knöchellänge langsam aber sicher immer höher. Magazine wie „Simplicity“ veröffentlichten Schnittmuster. Für die Autoren lagen die Vorteile von Tee- und Blusenkleidern schon damals auf der Hand: „Feminin und hübsch, ohne zu ‚dressed-up‘ auszusehen, löst das Modell Ihr Problem, ein Kleid für den Nachmittag und das Dinner im Hotel zu finden“, heißt es in einem solchen Heft.

          Heute kostet so manches Nachmittagskleid bei einer großen Kette weniger als der Stoff, den es für seine Herstellung an der eigenen Nähmaschine bräuchte. Bei Primark und Forever 21 sind sie, versehen mit Blumendruck, für weniger als 20 Euro zu haben, bei H&M für knapp 50 Euro. Nach oben gibt es wie immer in der Mode keine Grenzen. Eine schwarz-weiß gestreifte und mit bunten Blumen bestickte Variante von Saloni gibt es für rund 800 Euro, Carolina Herreras gelbes Teekleid mit pinkfarbenem Blumendruck knackt die 2000-Euro-Grenze.

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