https://www.faz.net/-gum-9czrk

Middleton trägt Teekleider : Ein Modetrend zum Grenzensetzen

  • -Aktualisiert am
Nachmittagskleid, das auch am Abend passt: Steffen Schraut.

„Sind die Schultern und die Knie bedeckt, fühlt man sich auch in offiziellem Rahmen richtig angezogen, aber trotzdem schön und weiblich. Man setzt Grenzen und strahlt dadurch noch mehr Souveränität aus“, sagt Steffen Schraut, in dessen Düsseldorfer Showroom für den kommenden Sommer so viele Tee- und Blusenkleider wie lange nicht mehr hängen - und sich während der Modemesse im Juli als Bestseller seiner neuen Kollektion entpuppten. Mittlerweile seien die Schnittformen der Kleider so gut, dass auch niemand mehr befürchten müsse, unter wallenden Stoffbahnen zu versinken, sagt Schraut.

#MeToo-Debatte fördert Durchbruch

Am Bügel mutet manches Kleid brav, bisweilen sogar bieder an. Doch zu Turn- oder Herrenschuhen und Lederjacke wirkt es plötzlich cool. Da überrascht es auch nicht, dass das Phänomen ausgerechnet jetzt, in einer Zeit von wieder entflammten Feminismus- und „#MeToo“- Debatten, um sich greift.

Es sei ironisch, befand die „Financial Times“ 2013, als sich das Comeback der züchtigen Kleider bereits leise anbahnte, dass eines der Lieblingskleidungsstücke erfolgreicher Unternehmerinnen wie der Designerin Tory Burch, der Auktionatorin Kerry Taylor und der Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“, Anna Wintour, ausgerechnet aus einer Zeit stamme, in der Frauen noch größtenteils an Haus und Küche „gekettet“ gewesen seien.

Kleid für das Einverständnis der Schwiegermutter

Doch die Neu-Interpretation der Kleidung vorheriger Generationen sei eben charakteristisch für die Mode. Wohl wahr. Vermutlich würden wir heute allesamt Kniebundhosen tragen, wären „sansculottes“ nicht seit dem frühen 19. Jahrhundert von ihrem Ruf als Beinkleid der einfachen Leute befreit worden. Mit dem Frauenbild der vierziger Jahre kann Steffen Schraut jedenfalls nicht viel anfangen: „Damals waren Frauen auf eine ganz bestimmte häusliche Rolle festgelegt, Individualität war nicht erwünscht.“ Die Inspiration für seine Tee- und Tageskleider sei schlicht dem Wunsch entsprungen, schöne und zugleich tragbare Mode für selbstbewusste Frauen zu machen.

Pippa Middleton und ihr Mann James Matthews

Diese Motivation spielte schon bei der Wiederbelebung eines anderen Klassikers eine Rolle. 1974 perfektionierte Diane von Fürstenberg das Wickelkleid und machte es für Frauen jeder Konfektionsgröße und Altersklasse so vorteilhaft, dass CNN Fürstenbergs knielange Version aus Jersey-Stoff noch vierzig Jahre später als „Demokratie in einem Kleid“ feierte. Bis heute passt es im Büro und beim Date gleichermaßen. Legendär ist der Satz, mit dem die Designerin selbst ihren Entwurf beschrieb: Es sei „die Sorte Kleid, mit dem du den Mann verführst und seine Mama nichts dagegen hat“.

Kardashians Sanduhr-Silhouette ohne formende Unterwäsche

Und diese Sorte Kleid betont, genau wie seine etwas zugeknöpfteren Kleiderkollegen, einen Körperteil, der schon seit einigen Jahren wieder zum Blickfang wird: die Taille. Dass die immer wichtiger wird, führt Lena Hoschek vor allem auf eine Familie zurück, die sonst nicht unbedingt für züchtige Eleganz bekannt ist, nämlich die Kardashians.

Tatsächlich machten Kim, Kylie, Khloé und ihre Schwestern aus der extremen Sanduhr-Silhouette ein Schönheitsideal für Millionen junger Frauen weltweit. Wer gerade im Sommer aber lieber doch auf formende Unterwäsche verzichten möchte, wie sie der Kardashian-Clan trägt, betont die eigene Taille eben mit den hohen, ausgestellten und weit schwingenden Röcken von Tee-, Blusen- und Wickelkleidern.

Midi-Trend ist modern, nicht spießig

Noch umflattern sie vor allem Knie und Waden ihrer Trägerinnen, doch auch als Mini-Variante sind sie zu finden. Die Tendenz zu knappen Schnitten werde in der Mode nie ganz versiegen, ist Lena Hoschek überzeugt. Das habe weniger stilistische als ökonomische Gründe, schließlich brauche es für ein kurzes Kleid weit weniger Stoff als für ein langes.

Mit jedem Zentimeter Stoff weniger schwinden aber auch die Einsatzmöglichkeiten: Ein hochwehender Minirock oder hauchdünne Träger lassen sich schwer an Ort und Stelle halten, wenn man Laptoptasche oder Einkaufskorb in der einen und Handy oder Babytragetasche in der anderen Hand hält. Und plötzlich mutet der so nostalgisch wirkende Midi-Trend alles andere als spießig und bieder an, sondern sehr modern.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.