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Mickie Krause im Gespräch : „Findet ihr mich peinlich?“

„Man muss sich musikalisch weiterentwickeln“: Krause bei der MDR-Unterhaltungsshow „Die Schlager des Sommers“ im Juni. Bild: INTERTOPICS/STAR-MEDIA

Auf der Bühne singt er von „Zehn nackten Friseusen“, daheim warten drei Töchter auf ihn. Ein Gespräch mit dem Partysänger Mickie Krause über Erziehung, Exzesse und die musikalische Bekehrung seines Vaters.

          5 Min.

          Herr Krause, wir treffen uns hier im „Fernsehgarten“ des ZDF, einer Institution der gediegenen Unterhaltung fürs Publikum gehobenen Alters. Das passt zu Ihrer Selbsteinschätzung, Sie seien familientauglicher geworden.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich bin musikalisch definitiv kompatibel geworden. Früher, mit den „Zehn nackten Friseusen“, galt ich als der Erfinder der Ballermann-Musik. Mit „Schatzi, schenk mir ein Foto“ bin ich sogar bei Florian Silbereisen gelandet - und das ist ja schon fast ein Ritterschlag.

           Ihr Publikum sind meist feierwütige Menschengruppen in mehr oder weniger alkoholisiertem Zustand. Familien dürften eher wenige darunter sein.

          Es hängt davon ab, was für Veranstaltungen es sind. Wenn ich nachmittags um 17 Uhr bei einem Stadtfest auftrete, biete ich natürlich das Programm mit angezogener Handbremse, auch meine komödiantischen Einlagen sind weit oberhalb der Gürtellinie. Nachts um halb drei im „Riu Palace“ auf Mallorca kann ich nicht damit rechnen, dass ich vor einem Ärztekongress stehe. Das sind dann Leute, die den ganzen Tag am Strand gefeiert haben, sich abends für zwei Stunden ins Bett gelegt haben, um 22 Uhr zu Abend essen, um 24 Uhr in den „Bierkönig“ oder in den „Megapark“ gehen, um dann um zwei, halb drei Uhr mit mir zu feiern. Die meisten sind natürlich alkoholisiert - aber Leute, die ohne Alkohol feiern können, sieht man Gott sei Dank auch.

          Musikern, zumal Partysängern wird nicht unbedingt ein bürgerlicher Lebensstil nachgesagt. Zugleich warten daheim im Münsterland drei Töchter und Ihre Frau, die Sie seit 24 Jahren kennen. Wie passt das zusammen?

          Sehr gut. Ich habe mir mit zwanzig, dreißig die Hörner abgestoßen, lass es Frauen sein, Partys oder Alkoholexzesse. Irgendwann will man ja auch ankommen, und der Sinn des Lebens besteht für mich auf jeden Fall darin, eine Familie zu gründen. Seitdem bin ich noch glücklicher als vorher.

          Leben Sie auf der Bühne einen Teil Ihrer Persönlichkeit aus, oder ist es eine perfekt einstudierte Rolle?

          Wenn man so eine Rolle einstudiert, dann geht es einem wie vielen Künstlerkollegen, die eine Rolle spielen und damit irgendwann nicht mehr klarkommen. Ich bin durch und durch Stimmungsmusiker, ich habe schon in der Schule meine Klasse unterhalten. Das habe ich irgendwann zu meinem Beruf gemacht. Ich komme gerade aus dem Urlaub und habe gestern gleich wieder drei Auftritte gehabt: 15 Uhr Mainz, 19 Uhr Nürnberg, 0 Uhr Siegen. Da muss man schon sehr konzentriert sein, denn wenn das Publikum merkt, der hat nicht wirklich Bock, dann springt der Funke nicht über.

          Ihre Töchter sind zwölf, elf und neun, im Herbst kommt noch ein Kind hinzu. Böse ausgedrückt, ist man heute mit vier Kindern hierzulande entweder adelig oder asozial.

          Ich glaube, ich bin beides ein bisschen.

          Was schätzen Sie an der Großfamilie?

          Was ich daran liebe: Du kommst nach Hause, und immer ist irgendjemand da. Und es gibt diesen Spruch: Jungs sind irgendwann weg von zu Hause, Mädchen kommen immer wieder zurück. Deshalb bin ich ganz froh, dass ich drei Mädels habe, in der Hoffnung, dass sie immer wieder zurückkommen. Zu Hause bin ich der bürgerliche, vielleicht sogar gutbürgerliche, vielleicht sogar manchmal etwas spießige Familienvater.

          Wie erklären Sie Ihren Kindern, was genau Sie beruflich machen?

          Meine Kinder sind ja mit dem, was ich mache, groß geworden. Wir wohnen sehr ländlich, und die Menschen im Dorf kennen mich seit meiner Kindheit, dort lässt man uns in Ruhe. Die Kinder werden vielleicht mal in der Schule gefragt: Sag mal, bist du die Tochter von Mickie Krause? Ich sage immer: Antwortet einfach, den kennt ihr gar nicht, dann habt ihr eure Ruhe.

          „Den kennt ihr gar nicht“: Mickie Krauses Ratschlag an seine Kinder
          „Den kennt ihr gar nicht“: Mickie Krauses Ratschlag an seine Kinder : Bild: dpa

          Was wäre, wenn Ihre Kinder eins Ihrer Konzerte besuchen wollen?

          Ich wäre glücklich, wenn sie mal ein bisschen Interesse zeigen würden! Ich bin vor einigen Wochen im „Megapark“ aufgetreten, um 17 Uhr, und habe gefragt: Wollt ihr mit? Die Große wollte. Die anderen haben gesagt: Was soll ich da, ich kenn ja deine Lieder.

          Spätestens in der Teenagerzeit sind vielen Kindern ihre Eltern peinlich. Wie ist das bei Ihnen?

          Ich habe vor dem Interview extra meine Kinder gefragt: Findet ihr mich peinlich? Sie sagten: Nee, warum? Aber das kann natürlich irgendwann kommen.

          Und wie finden Ihre Eltern das, was ihr Sohn macht?

          Meine Eltern waren lange skeptisch. Ich habe zwei grundsolide Ausbildungen hinter mir, habe Filmstoffdrucker gelernt und Jugend- und Heimerzieher. Mein Vater hat immer gesagt: Bleib doch im Jugenddorf, da weißt du, was du hast. Irgendwann konnte ich meine Eltern doch überzeugen, dass das, was ich mache, das Richtige ist. Aber sie waren natürlich nicht immer einverstanden mit den Titeln, die ich gesungen habe. Bei „Geh doch zu Hause, du alte Scheiße“ sagte mein Vater: Mann, ab und zu muss man sich ja schon dafür schämen, was du da singst. Er ist achtzig und steht halt auf Schlager von den Amigos oder Andy Borg, Herzschmerz und Sülze. Mit „Schatzi, schenk mir ein Foto“ konnte ich meine Eltern das erste Mal wirklich überzeugen. Ich hatte sie aber auch mal mit ins „Riu Palace“ genommen, wo meinem Vater bewusst wurde, dass zweieinhalbtausend Leute zu meiner Musik abfeiern.

          Sie haben den frühen Mickie Krause mal den „Schmuddelsänger von 1998“ genannt. Ohne die Schmuddelsongs von 1998 wäre aber auch Ihr Konzertpublikum von heute unzufrieden.

          Ich habe gepostet, welche Songs ich zuletzt im „Riu Palace“ gesungen habe, und ganz viele Leute schrieben: Du hast die „Zehn nackten Friseusen“ nicht gesungen. Doch man muss sich verändern, sich musikalisch weiterentwickeln.

          Kennen die Kinder die Texte Ihrer derberen Lieder?

          Sie kennen „Geh doch zu Hause, du alte Scheiße“ und „Geh mal Bier holen“, aber die älteren Alben interessieren die Kinder nicht so. Denen sind diese Doppeldeutigkeiten zum Teil auch gar nicht bewusst.

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          „Geh mal Bier holen, du wirst schon wieder hässlich“: Muss man humorlos sein, um das chauvinistisch zu finden?

          Ich glaube schon. Ich finde die Nummer sensationell, es ist ein Spruch, der auf T-Shirts steht. Wir wollen damit niemanden verletzen.

          Ist Ihnen gar kein Lied im Nachhinein peinlich?

          Nein, mir ist generell nichts peinlich. Aus dem Alter bin ich raus.

          Reden Sie mit Ihren Kindern über das Thema Alkohol?

          Nein. Dazu haben meine Kinder noch überhaupt keinen Bezug.

          Und was würden Sie in so einer Situation machen? Ihnen sagen: Sauft bloß nicht so viel wie meine Zuschauer?

          Ich gebe meinen Kindern da keine Ratschläge. Ihre Erfahrungen müssen sie selbst machen. Die Kids kontrollieren sich im Grunde auch untereinander. Ihre Freundeskreise sind gut, wir kennen die Eltern und würden schnell eine Info bekommen, wenn etwas aus dem Ruder gelaufen ist.

          Mit welchen Gefühlen denken Sie daran, dass Ihre Töchter dereinst Mallorcas Nachtleben erobern dürften?

          Das wird mir noch die eine oder andere schlaflose Nacht bereiten. Aber ich hoffe, dass die Kinder nicht so werden wie ich. Sie haben Gott sei Dank auch etwas mehr von meiner Frau, sind ein bisschen ruhiger und entspannter. Ich bin ganz froh, drei Mädels zu haben, die haben auch weniger Stress in der Schule als Jungs. Wenn ich das mit meinem Werdegang vergleiche . . .

          Sie sind mal von der Schule geflogen.

          Genau. Ich bin aus der Realschule unehrenhaft entlassen worden und auf der Hauptschule gelandet. Aber wenn das nicht passiert wäre, würde ich heute hier nicht sitzen - weil der Musiklehrer mein Talent erkannt und gefördert hat. Ich habe trotzdem noch den Realschulabschluss und das Fachabitur geschafft, dürfte also Sozialpädagogik studieren. Werd’s aber nicht mehr machen.

          Eine Boulevardzeitung hat spekuliert, Sie bekämen pro Auftritt 6000 Euro.

          Dazu äußere ich mich nicht. Aber wenn 6000 stimmt, dann ist es viel zu wenig - ich hätte mehr verdient (lacht).

          Ist das der beste Beweis für die Familientauglichkeit Ihres Jobs: dass Sie damit Ihrer Familie ein sorgenfreies Leben ermöglichen können?

          Geld spielt bei uns in der Familie eigentlich keine Rolle. Klar, ich besitze den Luxus eines Hauses auf Mallorca und habe ein schönes Haus in Deutschland, aber meine Kinder leben nicht so, als wären sie Prinzessinnen.

          Von Mai bis September fliegen Sie jeden Dienstag nach Mallorca und mittwochs wieder zurück. Insgesamt haben Sie 250 Auftritte im Jahr. Das klingt wieder wenig familiengerecht.

          Ich habe trotzdem den Eindruck, dass ich meine Familie relativ viel sehe. Ich habe montags fast immer frei, und wenn ich Jobs am Freitag- oder Samstagabend habe, fahre ich erst um 18 oder 19 Uhr los und komme sonntagmorgens um drei oder vier Uhr nach Hause. Die Kinder haben dann praktisch gar nicht mitbekommen, dass ich weg war.

          Was wäre, wenn eine Ihrer Töchter eines Tages sagte: Papa, ich will auch auf Mallorca als Sängerin auftreten?

          Kann sie gern machen, nur darf sie nicht erwarten, dass ich sie unterstütze, weil ich weiß, wie anstrengend das ist. Und den meisten Frauen in der Partyszene fehlt das Selbstvertrauen, den Leuten zu sagen: Hört mal her, ihr seid hier die Könige, aber ich bin die Kaiserin.

          Friseurin jedenfalls wird garantiert keine Ihrer Töchter werden wollen.

          Glaube ich auch nicht. Meine Schwägerin ist Friseurin - die einzige, die mir noch die Haare schneiden möchte. Meine älteste Tochter habe ich vor kurzem gefragt, ob sie schon irgendwelche Vorstellungen hat. Sie meinte: Papa, ich werde in vier Wochen dreizehn, da muss ich mir noch keine Gedanken machen. Aber die Jüngste hat schon gefragt, was für einen Schulabschluss man braucht, wenn man Schauspielerin werden möchte.

          Partysänger, geboren 1970 als Michael Engels; gelernter Jugend- und Heimerzieher; seine Zielgruppe, scherzt er gern, sei die gleiche geblieben.

          Bekannt als: der Held der alkoholisierten Massen in Mallorca-Discos, Bierzelten und Après-Ski-Hütten.

          Bekannt durch: die fragwürdige Perücke, die er auf der Bühne stets trägt; fragwürdige Lieder mit eindeutig zweideutigen Texten: „Zehn nackte Friseusen - mit richtig feuchten... Haaren“.

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