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Gespräch mit Michel Abdollahi : „Flüchtlinge leben in Teilen Deutschlands gefährlich“

  • -Aktualisiert am

In Ihrem Brief prangern Sie den strukturellen Rassismus an, an den Sie selbst vor noch nicht allzu langer Zeit nicht wirklich geglaubt haben. Die Aussagen von Seehofer, Kretschmer und Maaßen aber haben Ihre Meinung geändert.

Ich bin immer ein großer Verfechter von unserem System gewesen und war der Überzeugung, dass ich in Deutschland einen fairen Prozess bekomme, dass die Polizei mich fair behandelt und dass die Grundrechte das oberste und wichtigste Gut sind. Dieser Meinung bin ich nicht mehr. Schon möglich, dass ich naiv war und das jahrelang nicht sehen wollte, obwohl es mir duchaus selbst passiert ist. Ich wusste, dass Polizisten mich viel lieber rausziehen, als meinen blonden Freund Ole. In den letzten Jahren und Monaten wurden mir diese Dinge vermehrt zugetragen. Leute haben mir Bilder und Geschichten geschickt. Da hieß es: „Bitte mach weiter so, wir brauchen eine Stimme!“  Es sind ganz kleine Dinge teilweise, aber das ist alles Rassismus. Wenn ich dann sehe, dass der Bundesinnenminister Migration zu einem generellen Problem macht, und wie der Verfassungsschutz-Präsident Maaßen mit seinem Verhalten das Fass zum Überlaufen bringt, werde ich sauer. Er sollte doch eigentlich auf unserer Seite stehen und nicht auf der der Opposition. Jetzt rudert er zurück, will seinen Fehler aber dennoch nicht einsehen. Es sind so viele Dinge: Das Veröffentlichen des Haftbefehls in der Sache Chemnitz, der NSU-Prozess. Ich denke, dass der Rassismus strukturell ist.

Sie setzen sich seit Jahren gegen rechts ein. Würden Sie sich mehr Engagement auch von anderen Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, wünschen?

Es kann nie zu wenig Engagement geben – für Freiheit, für Liebe und gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Für so viele Dinge, die sich gegen die Menschen richten. Ich habe die Hoffnung, dass die Menschen immer weiter sensibilisiert und immer lauter werden. Es war wichtig, dass sich Helene Fischer geäußert hat. Auch Peter Maffay hat gerade in einem großen Brief Stellung bezogen und sehr viel Gegenwehr von den Leuten bekommen, weil sie der Meinung sind, er solle einfach weiter Musik machen. Die Menschen äußern sich zwar, aber es müssen noch mehr werden, damit die Hetzer begreifen, wie allein sie mit ihrer Meinung sind.

Was kann jeder einzelne Bürger tun?

Ich finde Deutschland hat eine ganz tolle Tradition, laut zu sein. Die Deutschen demonstrieren gerne. Sie erheben ihre Stimme. Wenn wir sehen, wie in Chemnitz Menschen gejagt und angegriffen werden, sind wir in der Pflicht, uns zu äußern. Sonst werden wir am Ende von der schweigenden Mehrheit zu einer schweigende Minderheit. Es sind zwar nicht viele, die da pöbeln, Deutschland ist ja nicht per se rechts, aber wenn jemand Seite an Seite mit Nazis marschiert, muss er sich zumindest den Vorwurf gefallen lassen. Ich hoffe, dass die, die bisher geschwiegen haben lauter werden. Wir brauchen in diesen Zeiten jede einzelne Stimme der Vernunft.

Welche Reaktion erwarten Sie jetzt von der Bundesregierung und Frau Merkel? Der Grünen-Politiker Robert Habeck hat sich ja bereits in der Kommentarspalte solidarisiert.

Ich habe unglaublich viel Post von Theaterintendanten, Politikern, Künstlern und Musikern bekommen. Ein offener Brief  erwartet ja eine Diskussion, das ist, was ich damit anregen wollte – auch wenn er an Frau Merkel adressiert ist. Sie braucht mich aber nicht anzurufen, was will sie mir auch sagen? Ich will, dass die Gesellschaft weiter Druck ausübt und sich mit dieser Problematik auseinandersetzt. Und ich würde mir wünschen, dass sich das Bundesinnenministerium zu den NSU-Verbrechen in der Statistik äußert und nicht versucht, uns weiter für dumm zu verkaufen. Diese Statistik zu ändern und die Taten des NSU darin zu berücksichtigen, ist das Mindeste, was sie tun können. Damit die Opfer und Angehörigen nach all den Fehlern, die die dort passiert sind, nicht weiter verhöhnt werden. Wir sind nicht alleine, sondern unendlich viele. Deutschland ist ein tolles Land mit wundervollen Menschen und es wird Zeit, das wieder zu zeigen.

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