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Autor Michael Nast : Woher rührt die Begeisterung für diesen Mann?

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Ist der Traummann vielleicht dort? Michael Nast posiert im ausverkauften Theater „Modernes“ in Bremen mit seinem meist weiblichen Publikum. Bild: dpa

Zu Michael Nast pilgern Tausende Frauen. Der Autor von „Generation Beziehungsunfähig“ erklärt auch sich selbst.

          Alles Irrtum. „Ich bin kein Beziehungsratgeber“, sagt Michael Nast bestimmt, noch bevor er das erste Mal an seinem Milchkaffee nippt. Sein Buch solle auch „keine Anleitung“ sein.

          Die Fans sehen das anders. In Schlangen harren sie vor den Hörsälen, Horden junger Frauen, Kamera und Kugelschreiber in der Hand. Pilgern von der einen Universitätsstadt in die andere, mit brennenden Fragen einem Junggebliebenen nach, ihre Miene hoffnungsvoll.

          Hat der Messias in ganz Deutschland Gastprofessuren? Nein, Michael Nast füllt die Auditorien, wie es sonst nur Ulrich Wickert gelingt, wenn er mit betrübten Germanistikstudenten über Journalismus fachsimpelt. Sage und schreibe 1600 Zuhörer hatte Nast im Februar bei einer Lesung in Hamburg. Für den Autor aus Berlin ist es normal geworden: „Ein Meer aus Gesichtern“, sagt er lächelnd. Michael Nast ist kein Popstar, nicht einmal Mitglied der Band AnnenMayKantereit. Er ist Geschichtenerzähler. Oder wie er selbst sagt: „Sprachrohr meiner Generation“.

          Warum Großstädter an der Liebe scheitern

          Seine Kolumnen handeln vom Berliner Nachtleben, von Dates, Peinlichkeiten und Körben. Davon, warum so viele Großstädter an der Liebe scheitern. Vor allem Single-Frauen lesen seine Artikel, wenn nicht in seinem neuen Buch, dann in der „Freundin“ oder auf dem Dating-Portal „Im Gegenteil“. Frauen mit Liebeskummer, Mittzwanzigerinnen, „die oft von Männern enttäuscht wurden und jetzt meinen Rat suchen“. Fragerunden musste Michael Nast aus dem Programm streichen: „Zu viele wollten ihre eigene Geschichte erzählen.“ Dabei ist der Vierzigjährige weder der neue Sloterdijk noch ein Paartherapeut. Und mag er auch oft Goethe, Dostojewski und Erich Fromm zitieren: Zu den großen Dichtern und Denkern zählt er nicht.

          „Generation Beziehungsunfähig“, so heißt der Text, der seit einem Jahr millionenfach geklickt wurde. So heißt auch das Buch, das Nast daraus gemacht hat. „Ick beschreib darin einfach dit Leben“, berlinert er. Das Leben der Generation, zu der er, strenggenommen, gar nicht gehört.

          Die Generation Y gilt als konsumsüchtig, selbstverliebt, perfektionistisch und nicht selten vegan. Junge Erwachsene, zwischen 1980 und 1995 geboren, die so krampfhaft nach Individualität streben wie ihre Eltern einst nach dem Eigenheim. Doch die Selbstoptimierer von heute haben mehr gemein als den Zwang, sich voneinander abzuheben. Sie sind bindungsscheu. Nast, der zuzuspitzen weiß, sagt prompt „beziehungsunfähig“.

          „Wir konsumieren Menschen“

          Der Übeltäter? „Das System!“ Die Menschen mieden Beziehungen, weil ihnen die Selbstverwirklichung im Wege stehe. „Wir sind immer auf der Suche nach etwas Besserem, vom iPhone über den Turnschuh bis hin zum Partner. So wurden wir erzogen.“ Liebe sei wie Wirtschaft, die Dating-App Tinder wie Shopping. „Wir konsumieren Menschen. Es ist heute einfacher, unverbindlichen Sex zu haben, als sich auf jemanden einzulassen.“ Nach dem Motto „Alles ist möglich, nichts bleibt“.

          Aber was ist das Erfolgsrezept des Ur-Berliners? Sein Buch wurde zum Bestseller, kleine Lesungen wurden zu Auftritten mit Konzertcharakter. Aus Südkorea und der Tschechischen Republik fragten Verlage schon im ersten Monat nach Erscheinen nach Lizenzen. Dabei enthält „Generation Beziehungsunfähig“, das im Februar herauskam, keine neuen Weisheiten. Michael Nast gibt längst bekannten Figuren neue Namen. Der Plot bleibt gleich: Früher war alles anders. Trotzdem feiert die Generation Y den Mann wie ihre Mütter in den Neunzigern Carry Bradshaw.

          Mit seinen Kolumnen über die Liebe und das Leben trifft Michael Nast den Nerv der Zeit.

          Aber warum? Eigentlich müssten sie ihn sogar hassen. Kapitelüberschriften lauten „Männer reifen, Frauen welken“ oder „Illusion perfekte Liebe“. Auf Seite 21 heißt es ausdrücklich, der Mann sei für Monogamie nicht gemacht. Dates findet er langweilig, Zurückschreiben ermüdend, Partnerschaft narzisstisch.

          Wieso hängen Tausende junger Frauen dennoch an seinen Lippen? Es muss am persönlichen Eindruck liegen. In die Hotellobby spaziert ein Mann, der weder eingebildet noch selbstbezogen ist. Michael Nast trägt Fünftagebart, Schwarz, Jeans und keinen Ehering. Er ist so sympathisch wie adrett, löffelt munter Milchschaum vom Kaffee und kann sich seinen Erfolg selbst nicht so recht erklären: „Die Texte sind womöglich klüger als der Autor?“ Überraschend schwermütig wirkt er, als er von Verflossenen erzählt. Seine längste Beziehung hielt drei Jahre. Aber er glaubt noch an die große Liebe.

          So wie er sein Buch mit Geschichten alter Freunde füllt, so schweift er auch im Gespräch dauernd ab: „Da fällt mir ein, mein Freund Christoph hat da mal zu mir jesacht.“ Oft schwelgt er in Erinnerungen, spricht über seine Kindheit in der DDR, seine abgebrochene Buchhandelslehre, wie er einmal Christa Wolf Bücherstapel in die Wohnung trug und stundenlang mit ihr Tee trank. Vor allem aber: Die moderne Gesellschaft müsse ihren Lebensstil hinterfragen, „und zwar dringend“.

          Sein Geheimnis

          Michael Nast nimmt der Generation Y, so es sie denn gibt, die rosa-rote Brille ab und hält ihr einen Spiegel vor. Seinen Zeigefinger hat er nicht erhoben, sondern richtet ihn auf sich selbst. Der Langzeit-Single ist, darauf kommt es an, Teil dieser Ära, ein Prototyp der Generation, trotz seiner 40 Jahre. „Beziehungsunfähigkeit hat nichts mit dem Alter zu tun“, sagt er stoisch. „Das ist eine Haltung.“

          Deswegen also scheinen ihn die Frauen zu vergöttern: So wie seine Fans ist auch der Autor auf der Suche. „Natürlich will ich eine Beziehung, alle wollen eine.“ Nast schaut nicht auf seine Leser herab. Er gibt ihren Sorgen ein Zuhause, als einer von ihnen. Gemeinsam blicken sie ratlos in die Zukunft. „Eigentlich schreibe ich doch total die Männertexte“, sagt Nast, zieht die Schultern hoch und kippt den letzten Schluck kalten Kaffee hinunter. Dass er zu weit mehr als 90 Prozent weibliche Zuhörer hat, überrascht ihn noch immer.

          Dabei liegt es auf der Hand. Michael Nast, der auch schon in der Werbung gearbeitet hat und sich mit Gefühlen auskennt, erfüllt den Wunsch vieler Mädchen: Er offenbart, was Männer denken, und das ehrlich, bis an die Schmerzgrenze.

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