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Interview mit Jugendlichen : „Wählen mit 16 wäre eine coole Idee“

„Wir Jugendlichen haben ja auch bei Fridays for Future gezeigt, dass wir unsere Stimme erheben können“, sagt Emily.
„Wir Jugendlichen haben ja auch bei Fridays for Future gezeigt, dass wir unsere Stimme erheben können“, sagt Emily. : Bild: Imago

Mia: Das glaube ich auch. Und ich weiß nicht, wie viele Sechzehnjährige wirklich schon allein denken oder nicht eher das machen, was die Eltern wollen. Wir haben viele Jugendliche, die nicht an Politik interessiert sind. Das finde ich schlecht. Jetzt haben wir noch zwei Jahre, um uns zu informieren. Dann sind wir selbst alt genug, um wählen zu dürfen. Wenn ich jetzt schon wählen könnte, würde ich das auf jeden Fall machen. Für uns ist es auch ein bisschen einfacher als in Deutsch­land, sich für den Kandidaten zu entscheiden, für den man ­stimmen möchte. Wie groß war Fridays for Future hier?

Emily: In Berlin war es zwischenzeitlich ziemlich groß. Es hat vor allem durch Corona dann total abgenommen. Da mussten wir uns einmal darauf einstellen, dass es eine weltweite Pandemie gibt. Dabei haben wir ja vor allem auch in diesem Jahr wieder die Auswirkungen des Klimawandels und den damit verbundenen Handlungsbedarf bemerkt.

Mia: Bei uns war Fridays for Future nicht so groß. Also, es gab Demonstrationen in New York, in Washington, D.C. und in Los Angeles. Ich wusste, dass es die Proteste gab, aber es gab sie nicht dort, wo ich lebe.

Emily: Ich fürchte, die Politik hat auch nur durch diese ganzen Wetterextreme verstanden, worum es geht. Ich finde Fridays for Future gut, war auch mal auf den Freitagsdemos. Aber manchmal ist es mir auch ein bisschen zu übertrieben. Ich versuche, soweit es geht, klimaneutral zu leben. Ich fliege fast gar nicht mehr, fahre, wenn es geht, mit dem Zug und versuche, auf Plastik zu verzichten. Aber ich bin nicht bereit, für jeden Einkauf, den wir als Familie machen, 40 Euro mehr auszugeben und am Ende weniger Inhalt zu haben, nur weil ich in den Unverpacktladen gehe.

Mia: Bei uns gibt es alles in Plastik, und die meisten Leute verschwenden viel zu viel davon. Ich finde es gut, dass man in Deutschland für Plastiktüten bezahlen muss. Bei uns bekomme ich im Supermarkt manchmal zwei Tüten für eine Sache. Das braucht man nicht!

Ist denn das Umweltthema für euch momentan das drängendste? Oder welche Themen sind gerade die wichtigsten?

Emily: Na ja, momentan ist es natürlich Corona. Aber ich glaube, dass die Umwelt direkt danach kommt. Einfach weil wir ja hoffentlich noch ­lange leben und wir deswegen auch die erste Generation sind, die wirklich diese ganzen ­Folgen spürt. Das ist das, worauf die junge ­Generation in der Politik momentan achtet.

Mia: Ja, ich glaube auch, dass man durch die Waldbrände in Kanada und an der amerikanischen Westküste erkennt, dass bald etwas getan werden muss.

Emily: Zumal wir auch sagen müssen, durch Co­rona haben wir auch einen ganz neuen ­verstärkten Plastikverbrauch. Das ist momentan nötig. Aber wenn die Menschen dann ihre ­Masken auf den Boden werfen und nicht in den Mülleimer schmeißen, denke ich schon, da ­könnte jetzt auch von der Bevölkerung mal was kommen. Fangt doch bei euch an. Klar, wenn ich jetzt plötzlich plastikfrei einkaufe, wird das nicht die Welt ändern. Aber wenn jeder anfängt, etwas zu ändern, wird es schon die Welt ver­ändern.

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Fühlt ihr euch von der Politik repräsentiert?

Mia: Ein bisschen. Als die Black-Lives-Matter-Demos waren, war ich auch mal dabei. Das ­Thema war mir wichtig. Und die Demos hatten auch Auswirkungen auf die Politik. Aber bei den meisten Themen fühle ich mich nicht ­re­präsentiert.

Emily: Ein Stück weit fühle ich mich schon re­­­prä­sentiert. Bei manchen Sachen wie beim Klimawandel ist ein Umdenken geschehen, auch durch Corona. Es gibt viele Anliegen meiner Generation, die zumindest besprochen werden. Ich bin gespannt, was bei der Wahl rauskommt. Was ich ganz schlimm fände, wäre, wenn die AfD Stimmen dazugewinnen würde. Anderer­seits fühle ich mich auch häufig missverstanden. Dann ärgere ich mich auch sehr, wenn ich daran denke, dass ich nicht mitwählen darf.

Der Lockdown wegen Corona war besonders für Jugendliche eine harte Zeit. Welche Pläne habt ihr jetzt?

Mia: Dass ich jetzt für ein Praktikum in Deutschland bin, ist schon gut. Ein paar Sachen sind be­reits geplant. Ich werde bald zu einer Hochzeit gehen, und das ist ein Stückchen Normalität. Ich glaube, dass fast alle da schon geimpft sind, und wir müssen keine Masken tragen. Aber an sich ist es in den USA schon normaler als hier. Rausgehen und Freunde treffen – das mache ich schon seit Mai.

Emily: Ich habe einfach die Hoffnung, dass ­Corona bald vorbei ist. Und ich möchte ganz viel reisen, Erfahrungen sammeln. Wahrscheinlich mache ich nächstes Jahr ein Auslandsjahr in Italien. Ansonsten will ich ganz viel mit ­Freunden machen und Verwandte besuchen.

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