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#MeToo und Upskirting : Immer noch in der Grauzone

  • -Aktualisiert am

Initiatorinnen der Petition „Verbietet #Upskirting in Deutschland“: Ida Marie Sassenberg (links) und Hanna Seidel Bild: dpa

Zwei junge Frauen fordern, dass in Deutschland endlich das Fotografieren oder Filmen unter den Rock unter Strafe gestellt wird. Mit Juristen haben sie darüber diskutiert, wie das umgesetzt werden könnte.

          Eindeutige Blicke, platte Sprüche, missglückte Flirtversuche, bewusste Herabwürdigungen oder gar gewalttätige Angriffe. Das Spektrum der sexuellen Belästigung ist breit. Wie umgehen mit Frauen, Grenzen und Grenzverletzungen – diese Fragen stehen auch im dritten Jahr seit #MeToo im Fokus der öffentlichen Debatte. Als Schauspielerin Alyssa Milano 2017 auf Twitter Opfer sexueller Gewalt dazu aufrief, ihre Geschichten zu teilen, war das Echo gewaltig. Fast 90 Frauen werfen dem prominentesten Ziel der Kampagne, Hollywood-Produzent Harvey Weinstein, vor, sie belästigt, missbraucht oder vergewaltigt zu haben. Viele Vorwürfe sind verjährt, nach etlichen Pannen bei der juristischen Aufarbeitung der Fälle wird der Produzent erst im September in New York vor Gericht stehen.

          Doch die gesellschaftliche Debatte darüber, welches Verhalten die Intimsphäre insbesondere von Frauen verletzt, wird weiterhin geführt. Wie gut schützt das deutsche Rechtssystem Opfer sexueller Übergriffe? Diese Frage diskutierten am Samstag Wissenschaftler und Juristen im Kriminalhistorischen Museum in Rothenburg ob der Tauber. Obwohl das Sexualstrafrecht 2016 einer großzügigen Reform unterzogen wurde – ein Sexualdelikt kann seitdem auch geahndet werden, wenn es kein Gewaltelement enthält, sondern „nur“ gegen den Willen des Opfers geschieht („Nein heißt Nein“) – gibt es dennoch Formen sexueller Belästigung, die sich immer noch in einer Grauzone befinden.

          Mit einer dieser relativ neuen Formen sexueller Grenzüberschreitung beschäftigen sich Ida Marie Sassenberg und Hanna Seidel, die an diesem Nachmittag als Ehrengäste zu dem Symposion geladen sind. Ihre Online-Petition zum Verbot des sogenannten „Upskirtings“ startete im April und hat bereits über 86.000 Unterstützer. „Upskirting“ beschreibt das unerlaubte Fotografieren oder Filmen unter den Rock, meist mithilfe eines Smartphones. In England setzte die Britin Gina Martin nach einem fast zweijährigen Kampf eine Gesetzesreform durch. Dort drohen Tätern nun bis zu zwei Jahre Haft.

          Die Studentin Seidel und die Journalistin Sassenberg wollen das Fotografieren unter den Rock oder in die Bluse auch im deutschen Strafgesetzbuch verankern – und eine generelle Debatte über das Thema anstoßen. Seidel, die selbst bereits zweimal Opfer von „Upskirting“ wurde, berichtet an diesem Nachmittag von ihren Erlebnissen. Die heute 28 Jahre alte Werberegiestudentin war 16 Jahre alt, als man ihr auf einem Festival unter den Minirock filmte. Als sie bemerkte, was ihr geschehen war, stellte sie den Mann zu Rede – der reagierte aggressiv und beschimpfte sie. Seidel wandte sich an die Polizei, man wies sie ab, wollte und konnte ihr in diesem Fall nicht weiterhelfen.

          Straftatbestand der „Beleidigung“?

          Eric Hilgendorf, Ordinarius für Strafrecht an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, verortet Vergehen wie „Upskirting“ im Straftatbestand der „Beleidigung“ und schlägt vor, den entsprechenden Paragraphen weiter zu fassen. Das geht den Initiatorinnen der Petition nicht weit genug. Zahlreiche Gespräche mit Betroffenen hätten gezeigt, dass „Upskirting“ eine tiefe Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung darstelle. Viele Opfer kämpften mit Scham- und Schuldgefühlen – auch Seidel selbst. „Ich frage mich bis heute, wer diese Aufnahmen hat, ob sich Männer dazu befriedigt haben oder es vielleicht immer noch tun.“

          Auch Gloria Berghäuser, Juristin an der Universität Erlangen-Nürnberg, formuliert Vorschläge, wie die Aufnahmen strafrechtlich verfolgt werden könnten – und sagt, woran das bisher scheitert. „Damit eine Handlung als sexuelle Belästigung geahndet werden kann, muss der Täter das Opfer berühren. Wenn Ihnen jemand in der U-Bahn das Handy unter den Rock hält, muss das nicht zwangsläufig der Fall sein.“ Außerdem bemerkten viele Frauen die Tat gar nicht. Die Dunkelziffer der Übergriffe sei sehr hoch. Berghäuser hält das Anliegen der Frauen für grundsätzlich berechtigt, für die Juristin wirft die „Upskirting“-Petition aber noch mehr Fragen als Antworten auf. Sollten die Anforderungen bereits existierender Straftatbestände herabgesetzt werden? Muss ein eigener Paragraph her?

          Am ehesten diskutiert wird eine Erweiterung des Paragraphen 201a (Schutz vor unbefugten Bildaufnahmen im höchstpersönlichen Lebensbereich). Das Gesetz schützt Opfer davor, nackt fotografiert zu werden, wenn sie in der Umkleidekabine den Vorhang zuziehen und dadurch anzeigen, dass sie nicht fotografiert werden wollen. Es schützt sie aber nicht vor heimlichen Aufnahmen unter Kleidungsstücke – bisher.

          Mit Blick auf die #MeToo-Debatte sprechen sich insbesondere die anwesenden Juristen an diesem Tag dafür aus, die Unschuldsvermutung nicht zu vernachlässigen. Ansonsten solle man den Blick weg von Tätern, hin zu den Opfern richten. Seidel sagt: „Was wirklich zählt, ist den Opfern zuzuhören. Nicht ernst genommen zu werden, das ist einfach scheiße.“

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