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#MeToo auf der Berlinale : Wie sexy darf man auf dem Roten Teppich sein?

Wie sexy muss eine Schauspielerin sich anziehen, damit Fotografen Bilder machen? Tilda Swinton und Greta Gerwig bei der Eröffnungsgala der Berlinale. Bild: dpa

Flache Absätze auf dem roten Teppich, die Quotenfrage und der Ruf nach einem neuen Miteinander der Geschlechter: #MeToo hat die Filmbranche erschüttert – und die Berlinale verändert.

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          Montagnacht, die Berlinale hat Halbzeit, eine Party auf drei Etagen: Eingeladen hat eine Produktionsfirma, die für kommerziell erfolgreiche Filme steht. Es gibt Wodka Lime und Zigarren for free, altmodische Ledersofas und eine Art Kronleuchter aus Hirschgeweih. Frederick Lau, der sich in Sweatshirt und Turnschuhen die Treppe hinunterschiebt, busselt im Vorbeigehen die Schauspielkollegin Alicia von Rittberg ab, deren Hotpants beinahe unter dem Saum ihres Blazers verschwinden. Die Diskokugel im dritten Stock ist größer als jeder Wasserball. Eine Glitzerhose windet sich in ausladenden Hüftschwüngen, ein Dekolleté bebt im Rhythmus der Musik. Die Lippen eines Mannes, der an der Bar im zweiten Stock gegen die Elektrobeats anredet, berühren fast das Ohr seiner Gesprächspartnerin. „Man sieht sich immer zweimal“, wispert eine Blonde mit sehr rotem Mund. Die Männer sehen lässig und gut aus, die Frauen besser und schick. Der Alkohol, die Nacht, der Rausch. Ein Pärchen knutscht. Bis weit nach Mitternacht werden Visitenkarten getauscht. Alles wie immer?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Diese Berlinale ist anders. Das Festival werde von #MeToo „beseelt“, hatte Festspielleiter Dieter Kosslick versprochen, und diese deplazierte Formulierung im Zusammenhang mit einer Debatte über sexualisierte Gewalt ließ ahnen, dass der rote Teppich dieses Jahr zum heiklen Terrain werden könnte. Bei der Verleihung der britischen Filmpreise am vergangenen Wochenende wie schon bei den Golden Globes trugen Schauspielerinnen aus Solidarität mit den Opfern mehrheitlich Schwarz. In Berlin verrät schon der nicht vorhandene Dresscode, wie unterschiedlich die Positionen sind. Zwar sieht man bei der Eröffnungsgala mehr Schwarz als sonst. Aber es gibt auch mehr Frauen in Hosen und weniger nackte Haut. Gelegentlich steckt ein Button an einem langärmeligen Kleid, Aufschrift: #nobodysdoll, keine Puppe also, die jemandem gehört. Die Schauspielerin Anna Brüggemann hat dazu aufgerufen, mit der ritualisierten Erwartung maximaler Sexiness auf Highheels zu brechen. Marie Bäumer und Emilia Schüle tragen trotzdem große Roben und sagen freundlich in die Mikrofone, dass sie sich zu einem besonders schönen Anlass gerne besonders schön machten.

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